'Claverulum'-Kampagne (Rückblick)

Hier ist der detailierte Rückblick der 'Claverulum'-Kampagne niedergeschrieben. Der Text enthält lediglich die ersten Spiele. Eine Zusammenfassung der kompletten Kampagne gibt es unter 'Claverulum'-Kampagne (Zusammenfassung).

Spielleiter der Kampagne: Absinth

SCs der Kampagne:
Dermot gespielt von Drows
Thowa Silberstern gespielt von Mantis.


'Claverulum'-Kampagne

Prolog

Mondlicht strahlte durch eines der großen Fenster und vertrieb die Dunkelheit ein wenig, doch das Licht war nicht sehr hell. Es war der richtige Moment für Thowa seine Reise anzugehen. Es war alles sorgfältig vorbereitet.
Thowa schlich durch einen langen Flur des Anwesens seiner Eltern, darauf bedacht keine Geräusche zu machen. Darin war er mittlerweile geübt. Er hatte seit seinem zwölften Lebensjahr mit Duncan der Hauswache heimlich Kampfübungen gemacht, wovon die Hausherren nichts hielten. Sie hatten für Thowa eine Ausbildung zum Gelehrten und Magier im Sinn, damit er ihre Tätigkeiten bei einer gnomischen Händlergilde in Severna übernehmen konnte. Thowa hatte andere Pläne.
Schon sehr früh langweilten ihn die trockenen Lehrstunden mit Nestor dem Privatlehrer. Er war alt und hatte schon viele Kinder reicher Händler oder Adeliger ausgebildet. Doch er war ein Mensch dem jegliche Leidenschaft fehlte. Immer sah er so aus, als sei er unzufrieden und in seinem Blick konnte Thowa meist nur Verachtung für seinen Schüler entdecken. Zuerst suchte Thowa die Fehler noch bei sich selbst. Er gab sein bestes und erledigte seine Aufgaben ohne zu murren. Selbst die Aufgaben die seine Disziplin stärken sollten und die stundenlange, monotone Arbeit nach sich zogen, beendete Thowa mit Ernsthaftigkeit und Fleiß. Doch nie kam auch nur ein Wort des Lobes oder Anerkennung über die Lippen des Lehrmeisters. So gingen viele Monate der Ausbildung vorüber. Thowas Eltern, Sigurda und Kolma Silberstern, beachteten Thowas klagen nicht, sie waren mit ihren Handelsfragen beschäftigt, wo gab es eine reiche Getreideernte? Wo eine Dürre? Fand man Abnehmer für den Tee der im Raum des gwandalischen Meeres angebaut wurde und im Norden schwer zu bekommen war? Lohnte es sich für diese oder jene Tätigkeit ein Konstrukt zu mieten oder gar zu kaufen… All diese Fragen ließen es nicht zu, dass Sigurda und Kolma sich mit ihrem einzigen Sohn auseinandersetzten.
So kam es, das Thowa so schnell wie möglich seine Ergebnisse und Arbeiten bei dem grauhaarigen und muffigriechenden Nestor abgab und sich immer mehr zurückzog. Er träumte von großartigeren Dingen, von Abenteuern, Reisen in ferne Länder und Ruhm!
Eines Abends saß Thowa im Garten des Anwesens und träumte vor sich hin. Es war kurz nach seinem zwölften Geburtstag. Er fragte sich, ob er je den alten Nestor zufrieden stellen könne, oder ob Nestor vorher an Altersschwäche starb. Thowa spielte mit der Hand im Wasser des Springbrunnens, als er Schritte auf dem Marmorboden hinter sich hörte. Tapp, Plock, Tapp, Plock. Es war Duncan, eine der Hauswachen. Er war schon vor Thowas Geburt von Kolma angestellt worden, da es angebracht war, das Anwesen, welches über mehrere Zimmer auf zwei Stockwerken und einen Innenhof verfügte, zu bewachen. Duncan war eine der sechs Wachen die mit dem anderen Personal in dem Gesindetrakt des Hauses lebten.
„Was geht euch durch den Kopf?“
„Ich langweile mich nur“, seufzte Thowa, „Nestor ließ mich bis eben Längenangaben in gnomische Meter und Zentimeter umrechen.“
„Hm, das scheint wahrlich nicht spannend zu sein.“, sagte Duncan mit einem Grinsen. „Würde es euch vielleicht gefallen eine Geschichte zu hören?“
Duncan ließ sich am Rand des Brunnens nieder und begann eine seiner Geschichten zu erzählen, die er während seiner Tage als Abenteurer in Ganiordaes erlebt hatte. Natürlich hatte Thowa schon einige von Duncans Geschichten gehört, doch es machte ihm immer wieder Spaß sich vorzustellen, er hätte all diese Abenteuer bestritten. Duncan erzählte wieder einmal seine Lieblingsgeschichte, die, in der er sein linkes Bein unterhalb des Knies verlor. Er war auf der Jagd nach Slaad, den krötenartigen Invasoren im Süden Ganiordaes, doch er geriet mit seinen Gefährten in einen Hinterhalt. Sie wurden übel zugerichtet und die Slaad töteten viele seiner Gefährten. Schließlich gelang es einem von Duncans Waffenbrüdern, einem Priester, die Slaad mit Hilfe göttlicher Magie zu vertreiben. Doch für Duncan war es fast schon zu spät. Der Priester rettete Duncan, so dass er wenigstens am Leben blieb, doch sein Bein war verloren. Duncan beendete seine Geschichte. Danach herrschte ein Moment der Stille, in dem Thowa und Duncan ihren Gedanken nachgingen.
Plötzlich stand Thowa auf und sagte „Duncan, bringt mir bei zu Kämpfen!“
Duncan schaute lange in die flehenden Augen des Jungen. Als Thowa schon dachte, der Wachmann würde zu seinen Eltern gehen, um mit ihnen über die absonderlichen Wünsche ihres Sohnes reden, wich dem nachdenklichen Ausdruck auf Duncans Gesicht ein breites Grinsen…
Von diesem Zeitpunkt an änderte sich Thowas Leben. Tagsüber erledigte er Nestors Aufgaben mit neuer Energie. Er beklagte sich nicht mehr über die sinnlosen Tätigkeiten und löste selbst die kniffligsten Aufgaben mit Bravur. Nestor bemerkte diesen Unterschied sofort und fragte sich im Stillen, ob der Junge nun dem Rausch-Kraut oder schlimmeren verfallen sei, doch er traute sich nicht seine Vermutung zu äußern.
Jede freie und unbeobachtete Minute, meistens des nachts, verbrachte Thowa damit Kampfübungen mit Duncan abzuhalten oder einfach nur still im Bett liegend die Bewegungsmuster im Kopfe zu wiederholen, die er kurz zuvor von seinem neuen Lehrmeister gezeigt bekommen hatte, um sie beim nächsten Training gleich auszuprobieren.
So vergingen die Jahre bis Thowa neunzehn Jahre alt wurde. Es war mittlerweile fast die Zeit, in der er seine ersten Aufträge für die Händlergilde übernehmen sollte. Der alte Nestor war kaum noch in der Lage zu gehen, noch Thowa etwas Neues in Bezug auf arkanes und geographisches beizubringen und für Duncan wurde Thowa, aufgrund Duncans Behinderung, ein ernstzunehmender Gegner. Thowa konnte besonders gut mit dem Langschwert umgehen. Es schien fast wie ein Tanz, wenn sich Thowa bei Morgendämmerung im Innenhof imaginären Gegnern stellte. Kraftvoll und geschmeidig focht er mit der Luft. Er ließ das Schwert von oben hinabsausen, drehte sich schnell um sich selbst und stach mit dem Schwert zu. Die Bewegungen flossen dahin, als ob es für Thowa so natürlich wäre, wie das Gehen.
Duncan schaute ihm dabei zu und ihm wurde bewusst, das Thowa auch von ihm nicht mehr viel lernen konnte.
Eines Nachts kam Thowa in Duncans Zimmer und berichtete das Kolma sagte, es sei an der Zeit für Thowa in den ehrhaften Beraterstand aufzusteigen und die Interessen des Handelsunternehmens zu vertreten. Für Thowa gab es keine Schlimmere Vorstellung als diese und so schmiedete er mit Duncan einen Plan.
Thowa begab sich leise in die Speisekammer und verstaute noch die letzten Reisevorräte in seinem Rucksack. Ansonsten hatte er schon alles für seine Reise besorgt. Eine lederne Rüstung und ein eigenes Langschwert hatte er von Duncan als Abschiedsgeschenk erhalten und angelegt. Doch fast wichtiger als die Ausrüstung war ein weiteres Geschenk Duncans. Er hatte seine Kontakte im severnischen Hafenviertel spielen lassen und eine Überfahrt auf einem Frachtsegler nach Grauflucht organisiert. Der Kapitän der Meerengel, ein Dhraal namens Lingsolm, versprach Duncan, dass er keine Fragen über seinen Passagier stellen würde. Das Reiseziel hätte für Thowa nicht besser sein können. Grauflucht war eine Stadt auf einer sumpfigen Insel im Brodelnden Meer, östlich von Kandanur, dem gnomischen Großreich, und westlich vom wilden und karg besiedelten Norbrien. Grauflucht ist seit langer Zeit eine unabhängige Handelsstadt, die eine sehr alte Geschichte besitzt, und die vor allem dafür bekannt ist, dass ihre Bewohner besonders tolerant sind. Das ist ein Grund dafür, warum man in Grauflucht eine schier unendliche Vielfalt an Rassen, Religionen, Kulturen und Abenteuern findet. Genau das also, was Thowa suchte.

1. Kapitel: Das Langschwert von Severna

Dermot, ein Gnom und Priester des Benett aus einer kleinen Siedlung in den östlichen Ausläufern des riesigen Sternhöhengebirges, war seit einem Monat auf der Reise. Die Jahre im Tempel seines Gottes waren vorerst vorüber und nun war er unterwegs, um zum ersten mal in seinem jungen Leben die Wunder und Errungenschaften der Reiche Angraenors mit eigenen Augen zu sehen.
Und welches Ziel wäre besser als Grauflucht, die vielfältigste und aufgeschlossene Stadt an den Ufern des Brodelnden Meeres, die für ihren Fortschritt selbst in den entlegensten Regionen der Reiche bekannt ist.
Den längsten Teil der Reise, vom Sternhöhengebirge durch das weite und dünn besiedelte Kernland Kandamurs und das Tal von Inspirandor bis zu den Ufern des Grauschleiers, hatte er eine Karawane gnomischer Kunsthandwerker begleitet, die ihre Waren in den zahlreichen kleinen Dörfern und Siedlungen entlang des Stromes verkaufen wollten.
Am Morgen hatte er sich von ihnen verabschiedet, denn ihr Weg führte nach Norden, Stromaufwärts, und Grauflucht und die Mündung des Flusses lagen im Süden.

Die Kabine war fensterlos und stickig. Thowa befand, dass es an der Zeit war sie zum letzten mal zu verlassen. Gestern, als ein Matrose Thowas Essen brachte, sagte er, dass die Meerengel morgen Abend in Grauflucht einlaufen würde, wenn das Wetter sich nicht völlig ändern würde. Die Reise verlief ereignislos. An den ersten Tagen hatte sich Thowa recht häufig an Deck aufgehalten, direkt an der Reling, doch bald war er zu erschöpft, um noch etwas von seiner Seekrankheit zu bemerken. Es war Anfang November und das Meer war rau. Eine ungünstige Zeit für Landratten, um sich mit der Seefahrt anzufreunden… So vergingen die zehn Tage der Reise recht schnell für Thowa.
Er verstaute sein Zeug im Rucksack, ging an Deck und blickte über das Meer und auf die untergehende Sonne. Es war etwas stürmisch geworden und die Meerengel schaukelte auf und ab, wie eine dieser gnomischen, dampfbetriebenen
Schaukeln an denen sich Kinder erfreuen. Achtern konnte Thowa den Kapitän und den Steuermann entdecken, die sich unterhielten, doch als Thowa es geschafft hatte zu ihnen zu gelangen, war die Unterhaltung bereits beendet. Der Kapitän war ein großer Mann mit einem langen schwarzen Bart und er hatte graue, harte Augen, die starr nach Norden gerichtet waren. Thowa hatte schon vorher versucht sich mit dem Kapitän zu unterhalten, doch jeder Versuch wurde vereitelt. Der Kapitän schien nicht nur keine Fragen an seinen Passagier zu haben, er hatte keinerlei Interesse an ihm.
„Wann werden wir Grauflucht erreichen, Kapitän?“
„In einer Stunde“
„Kann man es schon sehen?“
„Ja“
Es folgte ein Moment des Schweigens und des starr geradeaus Blickens, dann hob der Kapitän den Arm und deutete nach Norden, wo sich dunkle Umrisse aus der nebeligen Dämmerung schälten. Thowa ging zum Bug des Schiffes und konnte es kaum erwarten wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Vor ihnen, in der Mündung des mächtigen Flusses Grauschleier, erhoben sich die zahlreichen Türme und Mauern des prächtigen Graufluchts, Schmelztiegel der Kulturen. Hunderte von Lichtern erhellten die Nacht und bereiteten den Gästen einen eindrucksvollen empfang.

Das rhythmische Geräusch, das die Ruder des kleinen Fischerbootes erzeugten, ließen Dermot schnell einschlafen. Der alte Fischer ruderte das Boot mit einem vergnügten Ausdruck auf dem Gesicht. Er hatte den kleinen Gnom am Ufer des Grauschleiers aufgegabelt. Dermot war stundenlang erschöpft am Ufer des Grauschleiers entlanggelaufen und hatte schließlich im letzten Licht des Tages den Fischer in seinem Boot entdeckt. Er fragte, ob Grauflucht noch weit entfernt sei. Der Fischer zog gerade die letzte Reuse aus dem Wasser und bot Dermot an ihn mit nach Grauflucht zu rudern. Als Gegenleistung kümmerte sich Dermot um den schmerzenden Rücken des Fischers. Er hörte, wie der Gnom murmelnd ein kurzes Gebet zu Benett sprach und kurz darauf spürte er eine Wärme die sich von seinem Rücken aus über den ganzen Körper ausbreitete. Mit einemmal waren seine Rückenschmerzen, die ihn schon Jahre gequält haben, verschwunden. Der Fischer konnte kaum glauben, dass dies möglich war. Aus Dankbarkeit ließ er den Gnom zum Bug des Bootes klettern, wo er sich hinlegte, einschlief und träumte.
Dermot befand sich in einer riesigen Werkstatt. Egal wo er hinschaute, es standen dort Werkbänke oder Dampfbetriebene Maschinen, deren Funktion Dermot nicht immer erkennen konnte. Die Luft war stickig und es war laut. Dann kam eine kleine Gestallt auf ihn zu. Er schaute in das Gesicht eines alten Gnoms. Der Gnom schien Dermot zu kennen, doch Dermot konnte sich nicht erinnern, diesen Gnom jemals kennen gelernt zu haben, jedoch spürte er eine merkwürdige Vertrautheit.
„Ah, Dermot, da bist du ja! Gut, gut dass du da bist… Es gibt eine Menge zu tun. Ich scheine etwas verlegt zu haben, etwas wichtiges, das nicht in falsche Hände geraten darf. Wo ist es bloß? Nun, du musst es finden! Noch sind dir die Zusammenhänge unverständlich, doch glaub mir, nachdem du das Langschwert von Severna gefunden hast, wird dir vieles klarer erscheinen…“
Dermot konnte nur noch verwirrt nicken.
Dermot erwachte durch einen Ruck. Der Traum spukte noch in seinem Kopf herum. Er erschien so real und körperlich, dass Dermot sich für einen Moment fragen musste wo er sich eigentlich befindet. Der Fischer hatte sein Boot an einen der vielen Stege gelenkt, um es dort festzumachen. Dermot erhob sich verschlafen und blickte sich um. Es heißt, dass das Hafenviertel von Grauflucht niemals verlassen sei. Immer wird hier gearbeitet, Fracht gelöscht oder geladen und stetig strömen Besucher aus aller Herren Länder von den Planken der Großsegler und Küstenschiffe, die täglich zu dutzenden in der Stadt anlegen. Angeblich kann man hier manchmal sogar eins der Konstrukte erblicken, jene humanoiden, metallenen Gestallten, die mit Dampf und Magie betrieben werden. Sie stellen die höchste Errungenschaft der modernen Technologie dar. Äußerst kostspielig, dafür ersetzt ein Konstrukt je nach Bauart mehrere Duzend Männer und Pferde. Allein aus diesem Grund, würde sich für Dermot diese Reise schon lohnen. Als Priester des Benett ist er immer auf der Suche nach Neuem und fortschrittlichen Ideen. Die heutigen Konstrukte wurden zwar auch von den Gnomen mitentwickelt, jedoch waren sie noch so selten, dass viele noch nie eins zu Gesicht bekommen haben. Ebenso erging es Dermot.
„Wir sind da! Kommt, dort drüben ist eine Schenke in der ich immer zu Feierabend einkehre. Dort möchte ich euch auf ein Bier einladen.“
Dermot hatte nichts dagegen. Die Beiden stiegen aus dem Boot aus, der Fischer deutete einem der vielen Hafenarbeiter den Fang auszuladen und dann bogen sie zur Schenke “Zum schiefen Tresen“ ab. Dermot war etwas aufgeregt, da er noch nie in einer Stadt war, die hauptsächlich von Menschen bewohnt wurde, obwohl der schon des Öfteren welche gesehen hat. Die Schenke war von innen erleuchtet, um die einsetzende Dunkelheit zu vertreiben. Dermot hörte noch vor der Tür, dass schon mehrere Gäste anwesend waren. Der Fischer schob Dermot durch die Tür und dirigierte ihn zu seinem Stammplatz. Bevor Dermot sich richtig umschauen konnte, hatte er schon einen für ihn recht großen Krug Bier vor der Nase. Der Schankraum war quadratisch, gegenüber des Tresens befand sich ein großer Kamin, in dem ein kleines Feuer prasselte. Im Schankraum standen Tische und Stühle an denen etwa 30 Gäste platz hätten. Dermot schätzte, dass etwas mehr als die Hälfe besetzt war. Die Wände waren aus verschiedenfarbigen Ziegeln errichtet, die nur zum Hafen und der Eingangstür hin von zwei großen Fenstern unterbrochen war.
„Ihr seid nicht von hier. Was treibt euch nach Grauflucht?“
Dermot schaute den Fischer an. „Hm, so richtig weiß ich das nicht.“
Der Fischer blickte Dermot erstaunt an. Er machte es sich auf seinem Stuhl gemütlich und stellt sich auf einen schönen Geschichtenabend ein.

Die Sonne ist gerade untergegangen. Die Meerengel hatte an einem großen Kai festgemacht und kaum war sie vertäut, strömten schon Hafenarbeiter wie Ameisen an Bord, um die Fracht zu löschen. Thowa stand immer noch am Bug des Schiffes und schaute mit großen Augen begeistert auf den Hafen. Severna war auch eine große Handelsstadt mit Hafen, trotzdem schaute Thowa auf die Stadt hinunter, als ob er noch nie etwas Vergleichbares gesehen hätte. Das Leben, das in diesem Hafen pulsierte, ließ Thowa das Herz höher schlagen.
Hier werde ich das finden, was ich mein bisheriges Leben so sehr vermisst habe. Ein Abenteuer, eine Herausforderung. Vielleicht stelle ich mich unter Sold, oder ich stelle mich der Garde von Grauflucht vor. Die könnten sicher einen Magiebegabten Kämpfer unterbringen. Diese Gedanken gingen Thowa durch den Kopf. Er drehte sich ruckartig um und hüpft fast zur Planke. Der Kapitän stand an der Reling und überwachte die Arbeiter.
„Kapitän, ich danke euch für die Überfahrt. Ich bin sicher, ihr werdet eure Verschwiegenheit beibehalten.“, Thowa griff in seinen Geldbeutel und gab dem Kapitän eine Goldmünze. Der Kapitän schaute für einen kurzen Moment gierig auf das Gold und nahm die Münze. Thowa sah den Kapitän das erste Mal lächeln.
„Ihr seid sehr großzügig! Wir werden hier so schnell wie möglich losmachen und unsere Reise nach Dhraal wiederaufnehmen. Wenn das Wetter nicht zu hart mit uns ist, werden wir vielleicht noch eine Handelsfahrt unternehmen. Dann aber wahrscheinlich den Goldenen Strom hinauf. Wir werden kurz wieder in Grauflucht Halt machen. Falls ihr es wünscht könnt ihr uns wieder begleiten. Also haltet Ausschau nach uns.“
Der Kapitän drehte sich um und prüfte wieder die Arbeiter.
„Möge Navir euch ihr Lächeln schenken“, sagte Thowa noch etwas irritiert von der plötzlichen Gesprächigkeit des Kapitäns.
Thowa schnallte sich den Rucksack um und sprang von Bord. Er ging den Kai entlang und dachte, dass bis jetzt alles gut gelaufen ist und sich wohl alle in Severna wundern werden, wie er so plötzlich verschwunden ist. Er musste fast lachen, als er sich seinen Vater vorstellte, der wutentbrannt in seiner Bibliothek auf und ab lief und sich überlegte, wie er den gnomischen Händlern erklären sollte, dass sein Sohn nun doch nicht bei ihnen anfangen wird.
Mit diesen Gedanken und einem Lächeln im Gesicht lief Thowa den Kai entlang. Plötzlich fand er sich auf dem Boden liegend vor. Der unglaublich dicke Zwerg mit langen Bart und buschigen durchgehenden Augenbauen, der Thowa zu Boden gestoßen hat, schaute auf ihn herab.
„Ich suche einen Gnom. Mit einem orangenen Halstuch. Habt ihr so einen gesehen?“
„Ne Nein“, sagte Thowa erstaunt, immer noch auf dem Boden liegend.
„Wo steckt dieser Lümmel? Wenn ich den erwische…“, konnte Thowa den Zwergen noch murmeln hören, als er wieder davon ging. Thowa wurde sich plötzlich der Situation gewahr und sprang schnell auf.
„Passt das nächste mal besser auf, wo ihr lang lauft!“, rief Thowa dem Zwerg hinterher, um wenigstes etwas von seiner Würde wiederzuerlangen, doch der Zwerg konnte oder wollte es nicht mehr hören. Mehrere Hafenarbeiter blieben mit einem Lächeln stehen oder schmunzelten. Thowa entschied, dass er sich lieber davon machen sollte.
Dermot war nach kurzer Zeit schon gelangweilt von dem Gerede des Fischers. Es drehte sich nur ums Fischen, seiner Familie und das früher, zu Zeiten seines Großvaters, die Fischerei noch viel ertragreicher war. Dermot hatte angefangen ihm von seiner Reise zu erzählen, doch der Fischer unterbrach ihn bald und redete ohne unterlass auf ihn ein.
Gerade als Dermot sich von dem Fischer verabschieden wollte, wurde die Tür aufgestoßen. Ein junger Mensch betrat mit ausholenden Schritten den Schankraum. Viele Gäste unterbrachen ihre Unterhaltungen und starrten auf den Jüngling. Eigentlich sah er beeindruckend aus mit seiner braunen Lederrüstung und dem auf den Rücken geschnallten Langschwert, die verschiedenen Taschen die an seinem Gürtel hingen. Doch man konnte ihm die Jungend ansehen. Der Mensch ging zu dem Barden, der in einer Ecke seine Lieder zum Besten gab und überreichte ihm eine Münze. Danach drehte er sich um und sagte während der Barde fröhlichere Lieder anstimmte
„Seid Gegrüßt, edle Leute“
Als die Gäste das hörten, mussten einige schmunzeln.
„Heute beginnt der erste Tag meines neuen Lebens. Dies möchte ich mit euch feiern.“ Der Mensch blickte den Wirt an.
„Eine Runde Schnaps für alle!“
Die Gäste jubelten und bedankten sich, wendeten sich dann aber schnell wieder ihren eigenen Gedanken zu. Der Wirt begann aus einer Flasche eine klare Flüssigkeit in kleine Gläser einzuschenken und dann zu verteilen.
„Ah, diese Jugend! Für das Geld, was diese Qualquappe gerade ausgegeben hat, hätte ich meine Familie eine Woche ernähren können! Nachdenken scheint nicht zu seinen Stärken zu gehören. “
Dermot schaute sich den Menschen genauer an, als dieser sich an den Tresen gegenüber ihres Tisches stellte. Er hatte einen dunklen Teint, braunes dunkles Haar, das zu einem kurzen Zopf gebunden war. Sein Mund wurde von einem kurzen Bart eingerahmt. Die dunklen Augen waren wach und rege, jedoch merkte man ihm seine Unsicherheit an. Der Mensch bemerkte den Gnom, der ihn anstarrte und kam auf die Beiden zu.
„Seid Gegrüßt. Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Thowa Silberstern. Ihr seht aus wie Einheimische. Dürfte ich mich einen Moment zu euch setzten?“
Thowa nahm sich einen Stuhl und setzte sich hin.
„Danke für den Schnaps“, sagte der Fischer etwas mürrisch.
„Ihr könnt euch sicher denken, dass ich neu in Grauflucht bin. Ich bin auf der Suche nach Abenteuern und Herausforderungen. Wisst ihr vielleicht, ob es hier eine Söldnergilde oder ähnliches gibt, bei der man anheuern kann?“
„Warum wollt ihr euer Leben aufs Spiel setzten? Ihr seid doch noch so jung. Nehmt lieber eine anständige Arbeit auf! So wie das Fischen! Dann wüsstet ihr auch, wie ihr mit eurem Geld umgehen solltet!“, der Fischer gerat richtig in Rage.
Thowa schaute auf Dermot, der nur die Schultern zuckte und schief grinste.
„Na ja, wie auch immer. Dermot, ich danke euch nochmals für eure Hilfe. Ich werde jetzt zu meiner Familie heimkehren und meinen Feierabend genießen. Lebt wohl“
„Lebt wohl, und danke für die Überfahrt.“
Der Fischer verschwand mit einem leicht verächtlichen Blick auf Thowa.
Dermot war enttäuscht nicht mehr über Grauflucht erfahren zu haben, dafür wusste er jetzt etwas mehr übers Fischen.
„Dermot, könnt ihr mir vielleicht sagen, wo ich eine Söldnergilde finde?“
„Tut mir Leid, doch ich bin ebenfalls nicht von hier. Ihr sagtet, ihr wärt nicht von hier. Woher kommt ihr?“
Thowa antwortete ohne nachzudenken, „Ich komme aus der Handelsstadt Severna“
Dermot schaute erstaunt auf, „Sagtet ihr Severna?“
„Äh, ja“, Thowa bemerkte seinen Patzer und dachte gleich an einen Verfolger aus Severna.
„Merkwürdig“, wunderte sich Dermot, „Gerade heute hatte ich einen Traum, in dem mir aufgetragen wurde das „Langschwert von Severna“ zu finden. Ihr wisst nicht zufällig, worum es sich dabei handelt?“
„Hm, in Severna gibt es eine Menge Schmiede, sicherlich auch welche mit meisterlichen Fähigkeiten, doch ich kenne niemanden der ein Langschwert jemals so genannt hat.“
„Vielleicht kommt es in einer Sage oder Geschichte vor, die man sich dort erzählt.“
„Nein, tut mir Leid, ich kenne es nicht.“
Während sich Dermot und Thowa unterhielten ging die Tür abermals auf. Diesmal kam ein Gnom in die Schenke. Er trug eine Tasche unter einem Arm. Er setzte sich an den erstbesten Tisch und rief den Wirt beim Namen
„Maximilian, ein Bier bitte!“
„Ah, Firod! Schön euch zu sehen.“, der Wirt machte sich an die Arbeit und zapfte ein Bier. Firod zog sich seinen Mantel aus und machte es sich auf seinem Stuhl bequem. Thowa ließ seinen Blick zu dem Neuankömmling schweifen und blieb an ihm hängen. Dann fiel ihm auf, dass das wohl der gesuchte Gnom sein musste, da er ein auffälliges, oranges Halstuch trug.
Thowa befand, dass es nicht seine Angelegenheit sei und wollte sich gerade wieder Dermot zuwenden, als vier Menschen die Schenke betraten. Sie schauten sich kurz um, erblickten den Gnom und schrieen
„Da ist er! Packt ihn!“
Der Gnom schnellte hoch, warf den Bierkrug in Richtung der Männer, schnappte sich seine Tasche und machte einen Satz durch das Fenster! Die Männer fluchten und folgen dem Gnom sofort. Dermot und Thowa schauten sich einen kurzen Moment an und sprangen ebenfalls auf, um die Gruppe zu verfolgen.
Die Jagd ging am Hafenkai entlang, etwa hundert Meter, dann bogen der Gnom und die Männer um eine Hausecke. Thowa war etwas schneller als Dermot mit seinen kürzeren Beinen und erreichte die Hausecke zuerst. Hinter der Ecke befand sich eine kleine Gasse, die in einem großen Innenhof endete. Der Gnom stand umzingelt von den Männern auf einer großen Rasenfläche.
„So, du kleine Ratte! Gib uns die Tasche oder wir lassen dich dein Herz fressen!“
Der Gnom schaute erschrocken auf. Es war offensichtlich, dass er nicht im Mindesten eine Chance gegen diese Männer hatte. Die Männer machten sich bereit.
Thowa wartete noch einen Moment auf Dermot, dann sagte er
„Entschuldigt! Aber denkt ihr nicht, dass es nicht gerade ausgeglichen ist, wenn bewaffnete Männer gegen einen Gnom vorgehen?“
Die Männer drehten sich erschrocken um.
„Verschwindet von hier! Das geht euch nichts an!“
Thowa grinste nur und zog langsam sein Langschwert über die rechte Schulter.
Plötzlich ging alles sehr schnell. Die Männer verteilten sich. Einer blieb bei Firod. Ein Mann mit einem Kurzschwert versuchte an Thowa vorbeizulaufen, um hinter ihn zugelangen, doch Thowa machte eine schnelle Drehung und verpasste ihm einen Schlag, so dass er weiterstolperte. Gerade als er sich wieder gefangen hat, bekam er einen Stein an den Kopf geschleudert. Dermot hatte sich im Schatten der Gasse versteckt und beharkte den Mann mit seiner Schleuder. Derweil haben sich die Beiden anderen Männer, einer ebenfalls mit Kurzschwert, der andere mit einem großen Bastardschwert, das er zweihändig führte, an Thowa rangemacht.
Thowa hatte alle Mühe sich der beiden zu erwehren. Sie kämpften gut zusammen. Jeder nutze eine Gelegenheit zuzuschlagen, die der andere provoziert hatte. Doch Thowa konnte dem Kämpfer mit dem Kurzschwert einige ernsthafte Wunden beibringen.
Das Bastardschwert sauste gerade an Thowas Kopf vorbei. Thowa machte einen Ausfallschritt nach links, sodass alle drei in einer Linie standen. Thowa hatte nun für kurze Zeit nur einen Gegner vor sich und das wollte er ausnutzen. Energisch schlug er auf das Kurzschwert seines Gegners ein, bis er den geschwächten Arm nicht mehr rechtzeitig hoch brachte, um den nächsten Hieb abzuwehren. Thowas Schwert drang mit einem lauten Knacken in den Schädel seines Gegners ein und das Blut quoll aus der klaffenden Wunde. In diesem Moment hörte Thowa laufende Schritte aus der Gasse und rufe die von der Stadtwache zu kommen schienen. Hoffnungsvoll schaute er nach, doch diese kleine Unaufmerksamkeit kostete ihn fast den Arm. Das Bastardschwert kam mit großem Schwung von links angesaust und verursachte eine tiefe Wunde. Thowa schrie laut auf und sprang zurück.
Dermot hatte Gebrauch von der angeborenen Fähigkeit der Gnome gemacht und ein Geräusch imitiert. Der Kämpfer der hinter Thowa stand hielt erschreckt inne und schaute sich nach der Garde um. Dieses Zögern kostete den ohnehin schon verletzten Mann sein Leben. Dermot schleuderte einen Stein in das Gesicht des Mannes. Es hörte sich merkwürdig laut an, als das Nasenbein brach. Dermot nutzte die Benommenheit des Mannes und trieb ihm seinen Dolch bis zum Heft in den Bauch. Der Mann schaute erstaunt hinunter und hatte einen Gesichtsausdruck, als ob er nicht ganz verstehen konnte, warum das Blut in einem dunkelroten Schwall aus seinem Bauch auf das Heft des Dolches floss. Dann fiel er um und Dermot war sich gewiss, dass es nie wieder aufstehen würde.
Thowa befand sich im Rückzug. Die Wunde blutete stark und behinderte Thowa beim kämpfen. In diesem Moment fiel ihm ein, was Duncan immer zu sagte
„Thowa, du besitzt eine besondere Gabe. Du beherrscht sowohl das Schwert, als auch die Magie! Nutzte dies zu deinem Vorteil.“
Mit einem großen Satz nach hinten brachte Thowa etwas Platz zwischen sich und dem hin und her schwingenden Schwert. Thowa konzentrierte sich und machte einige Gesten mit der Hand. Plötzlich hielt der Gegner mit einem irritierten Blick für einen Moment inne. Thowa wollte gerade wieder nach vorne stürmen, als er eine Berührung an seinem verletzten Arm spürte. Erschrocken wollte er zurückspringen, doch dann bemerkte er, dass es sich um Dermot handelte. Dermots Hand leuchtete in einem bläulichen Licht. Er murmelte ein Gebet und bat seinen Gott Benett um Gesundheit. Augenblicklich hörte die Blutung auf und die Wunde verschloss sich. Thowa spürte ein kribbeln und eine Wärme, die sich auf seinen ganzen Arm ausbreitete. Erstaunt schaute Thowa auf Dermot, der sich bereits wieder mit alarmiertem Gesicht rückwärts bewegte. Thowa bemerkte, dass sein Zauber der Benommenheit langsam aufhörte zu wirken. Er bereitete sich auf einen weiteren Zauber vor. Dermot begann wieder mit seinem Steinhagel, was den Mann solange ablenkte, dass Thowa seinen Zauber beenden konnte. Nun war es Thowa der murmelte. Er Gestikulierte mit den Händen und ging leicht in die Hocke. Als die Luft um ihn herum mit einer Spannung erfüllt war, legte er die Hände an den Handgelenken zusammen und stieß einen kurzen Schrei aus. Plötzlich erhellte sich der Innenhof, da direkt vor Thowas Händen ein Feuerkegel entstand, der auf den Mann gerichtet war. Für kurze Zeit stand der Mann mitten in sich windenden Flammen. Es ging schnell vorbei, doch als er sich wieder orientiert hatte, sah er nur noch ein Langschwert auf sein Gesicht zukommen.
Dermot und Thowa standen in dem Innenhof und schauten sich um. Drei Leichen, die eine noch qualmend, lagen um sie herum, doch weiter war nichts zu sehen. Hinter einem Busch hörten sie leise Geräusche. Sie bewegten sich vorsichtig zum Busch und schauten nach. Der Gnom, Firod, hockte dort und zitterte. Als er bemerkte, dass es sich nicht um die Männer handelte die ihn bedrohten, sprang er aus dem Busch.
„Ist mit euch alles in Ordnung?“, Dermot versuchte irgendwelche Verletzungen zu entdecken.
„Wo ist die Tasche? Habt ihr die Tasche gesehen? Einer der Männer hat sie mir entrissen“, rief Firod aufgeregt.
Thowa blickte sich um, „Tut mir Leid, aber es scheint so, als ob der vierte Mann mit ihr flüchten konnte. War denn etwas wertvollen drin?“
Firods Augen wurden groß und bekamen einen leeren Blick. Dann faste er sich an den Kopf und es sah so aus, als wollte er sich sämtliche Haare ausreißen.
„Er wird mich umbringen! Oh Gott, er wird es tun! Was soll ich nur machen?“
„Beruhigt euch! Wir helfen euch die Tasche wieder zu erlangen.“, sagte Thowa, blickte dann auf Dermot, „oder, Dermot?“
Dermot nickte, „Wen meint ihr? Wer wird euch umbringen?“
„Mein Meister! Er wird sicher außer sich vor Wut sein, wenn er das erfährt, und dann kann man für nichts garantieren! Ihr müsst unbedingt mitkommen und ihm berichten, dass mich keine Schuld trifft!“
„Nun gut“, sagte Thowa, „was machen wir also jetzt?“
Dermot blickte auf die Leichen die in ihrem eigenen Blut lagen, „Wir sollten zunächst hier verschwinden bevor die Garde kommt.“
„Ja, genau, folgt mir!“, Firod rannte los.
Firod, Dermot und Thowa standen vor einer hölzernen, metallbeschlagenen Tür, mit einem Türklopfer in Form eines Raubkatzenkopfes. Es bildeten sich kleine Pfützen unter ihnen. Auf dem Weg zum Haus von Firod Meister, hat es leicht angefangen zu regnen. Sie legten den Weg zuerst rennend, dann, als sie wieder in den geschäftigen Fluss an Bewohnern Graufluchts zurückgekehrt waren, langsamer zurück. Es war das erste Mal, dass Thowa und Dermot sich die merkwürdigen Häuser der Stadt anschauen konnten. Da die Stadt von Sumpf umgeben war und somit die Ausbreitung schwerlich wurde, wuchsen die Häuser in die Höhe. Drei oder vier Stockwerke waren keine Seltenheit, doch meist waren die ersten, manchmal auch die zweiten Stockwerke von einer etwas älteren Bauart, die höheren Stockwerke aber waren von eher modernerer Architektur. Als Dermot Firod darauf ansprach, erklärte er, dass die Bevölkerung immer großer wurde und der Wohnraum nur durch das Aufeinanderbauen der Häuser möglich war, doch mittlerweile hatte sich der Baustil geändert, so dass diese merkwürdigen Bauwerke zustande kamen. Genau solch ein Haus bewohnte auch Firods Meister. Die Außenmauer des unteren Stockwerks bestand ursprünglich aus Fachwerk mit gelben Steinen, die allerdings mittlerweile durch die Witterung dunkler und glatt geworden sind. Die beiden oberen Stockwerke waren im neuen Klinkerstil gebaut, die Mauersteine bilden ein Muster, das ein Irrgarten darstellte.
Firod verlor auf dem Weg nicht ein Wort über die Bedeutung der Tasche, sondern beschwor seine Begleiter, wenn sie auf seinen Meister trafen, seine Unschuld zu bestätigen.
Nun standen sie vor der Tür und Thowa benutzte den Türklopfer. Einige Zeit geschah überhaupt nichts, dann hörten die Gefährten schwere Schritte. Kurze Zeit später ging die Tür auf und es kam eine beeindruckende Gestallt zum Vorschein.
Firods Meister war ein Zwerg von unglaublicher Breite, er füllte fast den ganzen Türrahmen aus. Er hielt eine Laterne an einem ausgestreckten Arm.
Es dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde, dann erkannte der Zwerg Firod. Mit unfassbarer Schnelligkeit ging der andere Arm hoch, packte Firod am Kragen seines Mantels und schüttelte ihn so heftig, das Dermot und Thowa sich ernsthafte Sorgen um Firod machten.
„Endlich hab ich dich, du verdammter Lümmel! Wenn ich mit dir fertig bin wirst du froh sein, wenn du noch Suppe durch einen Grashalm schlürfen kannst!“
Der Zwerg schüttelte Firod immer noch, sein Kopf schlug schon mehrmals gegen den Türrahmen, als es Thowa wie Schuppen von den Augen fiel.
„Ihr seid es! Heute Abend, vom Kai! Der fette Zwerg, der den Gnom suchte!“
Der Zwerg hörte augenblicklich auf den Gnom zu schütteln und blickte Thowa an.
„Ihr wagt es… Ich werde euch Benehmen beibringen!“
Schon war seine Hand an Thowas Hals und drückte zu. Thowa war erstaunt von der Kraft, die in diesen kurzen, dicken Fingern steckte. Thowa schaute hilflos zu Dermot, der sich das Ganze nicht ohne Verwunderung anschaute, aber sich aber dennoch zu amüsieren schien. Firod hatte sich aber schon wieder erholt und ging dazwischen.
„Meister! Hört bitte auf! Wir haben keine Zeit für so etwas. Ich muss euch etwas berichten!“
Der Zwerg ließ Thowa los, der zurückstolperte und nach Luft rang.
„Was meinst du, Firod? Was hast du wieder angestellt?“
„Nun ja, es ist nicht ganz einfach… Ich kann alles erklären… “
„Kommt zur Sache! Wo ist die Tasche?“
„Genau da liegt das Problem. Es ist schon fast witzig, aber…AHH“
Der Zwerg fiel wieder über den Gnom her und schüttelte ihn wieder. Dermot und Thowa mussten dazwischen gehen, da sie befürchteten Firod würde den Abend nicht mehr überleben.
„Was seid ihr für Gestallten? Was wollt ihr hier?“, der Zwerg deutete auf Dermot und Thowa.
Firod faste seinen Mut zusammen und antwortete
„Dies sind Dermot und Thowa“, dann deutete er auf den Zwerg, „das ist Professor Grismarek“. Der Zwerg schnaubte.
„Diese beiden Streiter haben mein Leben gerettet, sonst wäre es wohl mit der Tasche verloren gegangen.“
Der Zwerg schaute wieder ärgerlich auf Firod. Dieser fuhr hastig fort.
„Es war nicht meine Schuld, dass die Tasche abhanden gekommen ist. Sie waren zu viert und hätten mich bestimmt umgebracht.“
Der Zwerg funkelte mit den Augen, dann drehte er sich um und begann eine hölzerne Treppe hinaufzusteigen,
„Kommt mit hoch!“
Die anderen folgen ihm und ließen die dunklen, nassen Straßen von Grauflucht hinter sich.
Der Professor hatte eine Wohnung im vierten Stock. Das Treppenhaus war nur spärlich von einer einzelnen Laterne in jedem Stockwerk erleuchtet.
Oben angekommen führte der Professor sie durch ein paar Zimmer in den großen Wohnsaal. Jedes Zimmer der Wohnung war anders eingerichtet, das eine war voll gestopft mit Büchern und Schriftrollen, die in riesigen mit staub bedeckten Regalen lagerten. Ein kleineres war eher spartanische mit nur einem Tisch und einem Stuhl eingerichtet. Doch am beeindruckensten war der Wohnsaal. Durch ein ausgeklügeltes Kaminsystem kam Grismarek in den Genuss eines Kamins im vierten Stock! Um den Kamin waren halbkreisförmig mehrere große Sessel und Sofas aufgestellt. In der Mitte befand sich ein eckiger Tisch, der auf einem riesigen Bärenfell stand. Der Schädel des Bären hatte etwa die Ausmaße eines mittelgroßen Fasses. Die Wände waren behängt mit Waffen, meist irgendeine Art von Äxten, Schilden und anderen Trophäen.
Nachdem alle Platz genommen hatten, nahm Grismarek eine Flasche vom Tisch, goss sich eine dunkle Flüssigkeit in ein Glas und stürzte es mit einem Zug hinunter.
Dann funkelte er Firod an.
„Du hast doch hoffentlich nicht ausgeplaudert, was in der Tasche ist“
„Nein, nein, Meister. Ich hab alles so gemacht, wie ihr es sagtet!“
Der Zwerg schnaubte wieder,
„Wohl kaum, denn sonst wäre die Tasche hier und nicht diese Strauchdiebe!“
Dermot und Thowa schauten sich an, konnten aber nur mit den Schultern zucken. Derweil fing Firod an die Geschichte zu erzählen. Er wurde mehrmals von Grismarek unterbrochen, der ihn Vorwürfe machte und ihn schüttelte.
Nach etwa einer halben Stunde beendete Firod seine Geschichte, und blickte Dermot und Thowa an.
„Wir können bestätigen, dass sich die Geschichte ab der Taverne so zugetragen hat.“
Der Professor schnauzte wieder Firod an,
„Ich hab schon immer gesagt, dass dich die Sauferei ins Grab treiben wird. Nun ist es soweit! Wärst du einfach hierher gekommen, wäre jetzt alles in Ordnung!“
Wieder an die beiden Gefährten gewand, sprach er weiter,
„Nun, ihr seid jetzt sowieso schon involviert, also kann ich euch auch die ganze Geschichte erzählen. Es ist nämlich folgendermaßen. Firods Onkel, Vaslik Crespo, ist…, nein war, ein sehr guter Freund von mir. Wir haben Jahrzehnte die Wildnis durchstreift und Schätze gehoben, oder Geiseln aus Räuberbanden rausgehauen.“
Dermot bemerkte, dass Thowa bei diesen Worten genau zuzuhören schien.
„Ja, ja, wir hatten schon eine spaßige Zeit. Aber das ist eine andere Geschichte. Vor ein paar Jahren, als uns die Abenteuerlust verließ, ließ ich mich hier in Grauflucht nieder, um an der Universität über die verschiedenen Tier- und Monsterarten zu lesen. Es gibt kaum jemanden, der so viel über diese Wesen weiß und noch lebendig ist. Ich hab sie natürlich alle mit eigenen Augen gesehen und studiert.“
Mit einem grinsen legte er seine Füße auf den Bärenschädel.
„Nun, Vaslik ging seinen Forschungen nach, die er schon während unserer Reisen betrieb. Er hat mir allerdings nie verraten, um was es sich bei seinen Forschungen handelte. Ich habe in der Zeit mit Vaslik gelernt nicht allzu neugierig zu sein. Vaslik hat uns mit seiner Neugier oft in die unmöglichsten Situationen gebracht. Ihr müsst wissen, er war Priester des Benett und immer auf der Suche nach unentdecktem. Er hat jeden Hebel oder Schalter betätigt an dem wir vorbeikamen.“ Grismarek schaute ins Feuer und rieb sich seine linke Schulter. „Nun ja, es hat uns nicht umgebracht…
aber wir hätten schon einigen Fallen umgehen können.“
Nun war es Dermot der aufhorchte. Doch auch Thowa betrachtete den Dermot und schien sich zu fragen, was er mit dieser Information anfangen sollte.
„Wie dem auch sei, Vaslik ist jetzt tot. Er bat mich kurz vor seinem ableben, mich um Firod zu kümmern. Ich habe natürlich zugesagt, ich wusste ja noch nicht, dass Firod so ein Nichtsnutz ist. Außerdem brauchte ich einen Schreiber.
Vaslik hat zuletzt am großen Bau bei seiner Familie gelebt. Denen vermachte er sein ganzes Hab und Gut. Doch eine einzige Sache wollte er mir vererben. Niemand wusste, um was es sich handelt, nur, das es in eine Tasche passt. Heute Abend kam das Schiff mit dem Boten in Grauflucht an. Firod sollte nur die Tasche abholen und sofort hierher kommen. Anscheinend hat der Alkohol seinen Verstand, wenn er denn überhaupt einen hat, so sehr vernebelt, dass er sich die Tasche hat abnehmen lassen.“
„Warum sagt ihr nicht der Garde bescheid? In ganz Angraenor ist sie für ihre Effizienz bekannt.“, fragte Thowa.
„Nein. Ich vermute, dass es sich bei der geheimnisvollen Erbschaft um das Forschungsergebnis Vasliks handelt. Wenn er mir schon nicht sagte, um was es sich dabei handelte, dann soll es zunächst auch kein anderer erfahren.“
Dermot war mittlerweile schon ganz aufgeregt von der Vorstellung dieser geheimen Forschungen, „Grismarek, nun, da ihr uns schon die ganze Geschichte erzählt habt, möchte ich euch anbieten, dass wir uns der Sache annehmen.“
Thowa schaute einen Moment erstaunt zu Dermot rüber, nickte dann aber begeistert. Genau solche Abenteuer suchte er.
„Ihr wollt euch der Sache annehmen? Das ich nicht lache! Ein Winzling von einem Gnom und ein grüner Jüngling, der noch nicht mal trocken hinter den Ohren ist? Ha!“
„Ich glaube, ihr unterschätzt uns. Ich bin ebenfalls ein Priester Benetts und ich bin mir sicher, er wird mir in dieser Sache beistehen.“
„Dermot spricht die Wahrheit. Außerdem wurden wir spielend mit den Angreifern fertig, die Firod angegriffen haben.“
Der Zwerg schaute nachdenklich auf das ungleiche Paar. Dann nahm er noch ein Glas von der braunen Flüssigkeit.
„Nun gut, ich gebe euch eine Chance. Ich möchte, dass ihr mir die Tasche zurückbringt, egal mit welchen Mitteln. Wenn es euch an finanziellen Mitteln fehlt, kann ich euch ein wenig aushelfen. Aber kommt nicht auf die Idee, dass ich mein Gold von den Bäumen pflücke!
Wie wollt ihr vorgehen?“
Es folgte eine kurze Pause, in der überlegt wurde, was getan werden konnte.
Thowa blickte auf, „Wer könnte denn ein Interesse an der Tasche haben?“
„Hm, ich würde vermuten, dass es nur Zorin Crespo sein kann. Zorin ist Vasliks Sohn. Er war schon immer einer von jenen, mit denen man sich lieber nicht umgibt. Er hatte kaum Freunde und war immer etwas zurückgezogen. Man hatte das Gefühl, dass man ihm nicht den Rücken zukehren darf. Insgesamt ein sehr unangenehmer Gnom. Vaslik schrieb in seinen Briefen, die wir uns per Brieftaube übermittelten, dass er sich Sorgen um ihn macht, und dass er sich verändert hatte. Vater und Sohn haben sich zum Schluss kaum noch verstanden. Zorin lebt jedoch auch am großen Bau. Er könnte also höchstens einen Handlanger in Grauflucht haben.“
„Das ist doch schon etwas. Vielleicht sollten wir die Banditen durchsuchen.“
Thowa stand auf und sammelte seine Sachen zusammen. Dermot wollte eigentlich Firod fragten, ob er mitkommen wollte, doch als er sich an den Schreiber wand, bekam er nur ein leises Schnarchen zur Antwort.
„Seht ihr, es ist immer das gleiche mit diesem faulen Halunken!“
Der Professor begleitete die beiden noch zur Tür und bot ihnen an, hier zu übernachten, wenn sie alles erledigt hatten. Dermot und Thowa nahmen dankend an und machten sich dann auf den Weg.
Der Regen ist mittlerweile etwas stärker geworden. Dermot und Thowa durchschritten schnell die Straßen von Grauflucht. Der Regen ließ sie fast verschwinden, da sich beide in dunkle Mäntel gehüllt hatten. Für einen Beobachter würden sie aussehen, als ob sie schnell in eine Taverne oder nach Hause wollten. Sie erreichten nach kurzer Zeit ereignislos den Tatort. Dermot blieb am Eingang der Gasse stehen, während Thowa sich zu den unberührten Leichen begab.
Die drei Männer lagen noch genauso da, wie Thowa sie verlassen hatte. Er durchsuchte jeden einzelnen und konnte außer etwas Gold noch etwas bergen. Bei einem der Banditen fand er einen Gürtel, in den mehrere versteckte Taschen genäht wurden, um dort Wurfdolche zu verstecken. Er steckte ihn in seinen Rucksack, genauso, wie eine kleine unscheinbare Phiole aus grauem Ton, in der eine Flüssigkeit zu sein schien. Am vielversprechensten erschien ihm ein silberner Ring, der innen ein kleines Symbol eingeätzt hatte.
Mit dieser Beute kehrte er zu Dermot zurück. Sie beschlossen noch einmal in der Schenke „Zum Schiefen Tresen“ nachzufragen. Die Nacht war schon fortgeschritten, dementsprechend wenig Gäste waren in der Schenke. Maximilian, der Wirt, stand hinterm schiefen Tresen und zapfte ein Bier. Sie gingen zum Tresen, an dem nur noch ein Fischer saß, und beuten sich zu Maximilian herüber.
„Wir müssen mit euch reden!“, sagte Dermot, während Thowa den Fischer beäugte.
Maximilian schaute gelassen in Dermots Gesicht, „Ach ja? Wie kann ich euch helfen?“
„Was waren das für Männer, die den Gnom fassen wollten?“
„Woher soll ich das wissen? Hier gehen viele Leute ein und aus. Dies ist eine Schenke.“
„Habt ihr sie vorher schon mal gesehen?“
„Kann sein.“
„Wir vermuten, dass sie für jemanden arbeiteten. Wisst ihr, wer das sein könnte?“
Maximilian schaute sich um und flüsterte Dermot ins Ohr, „Geht nach Oben, ins erste Zimmer. Wenn die Gäste gegangen sind, komme ich zu euch.“ Dermot zog die Augenbrauen hoch, setzte sich aber in Bewegung. Er konnte gerade noch sehen, wie Thowa sich von dem Fischer entfernte, der sich während des Gesprächs mit Maximilian an einen Tisch gesetzt hatte. Auf dem Gesicht des Fischers spiegelte sich Ärger aber auch Furcht wider.
„Konntet ihr etwas herausfinden, Thowa?“, fragte Dermot, als sie nach Oben gingen.
Thowa schnaubte, „Nein. Der Fischer wurde sogar unverschämt, als ich ihn nach einer Diebesgilde fragte. Er schien nicht darüber reden zu wollen. Er hatte wohl befürchtet, er bekommt Schwierigkeiten, wenn er irgendwelche Geheimnisse ausplaudert.“
Dermot setzte sich auf das einzige Bett im Zimmer und schaute sich um.
Das Zimmer war nur spärlich möbliert. Es gab das Bett auf dem er saß, außerdem noch einen Kleiderschrank, einen Tisch und einen Stuhl. Einen Waschtisch suchte er vergeblich. Aber sie wollten ja hier nicht übernachten.
Thowa setzte sich auf den Stuhl und schaute nachdenklich aus dem Fenster. Er schätzte, dass es kurz vor Mitternacht war.
Sie mussten nicht lange warten, da ging die Tür auf und Maximilian betrat das Zimmer.
„So, die Gäste sind gegangen. Könnt ihr mir jetzt sagen, was der ganze Zirkus soll? Ihr vergrault meine Gäste mit euren Geschichten!“
Dermot stand auf und ging zum Maximilian herüber. „Ihr wisst, was wir wollen! Für wen arbeiteten die Männer?“
„Ich weiß nicht, ob ich euch das sagen kann. Es könnte gefährlich für mich werden.“
„Es könnte auch gefährlich für euch werden, wenn ihr mir nicht sagt, was ich will!“
Maximilian schaute halb irritiert, halb amüsiert auf Dermot.

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