Kapitel 2 : In den Diensten des Blutmagiers

Die drei Männer starrten den fetten Bornesen an.
In der Ferne erklang ein Windspiel und eine sommerliche Brise, die nach Seeluft duftete, zog durch die Balkontür hinein.
„Wer seid ihr und was soll das alles hier?“, fragte Bai mit zornigem Unterton, „warum hat man uns hierher gebracht?“.
Ein spöttisches Lächeln umspielte Renskis volle Lippen.
„Mein Name ist Kitano Kreshh“, antwortete der Bornese und knetete seine geschwollenen Finger, „möglicherweise habt ihr bereits von mir gehört.“.
Terzon verbarg das Gefühl von Neugier und Furcht, das sich in seinem Inneren breit machte, mit einem milden Lächeln. Ein kurzer Blick zu Bai bestätigte ihm, daß auch der Ork wusste, wen sie dort vor sich hatten. Bais Muskeln spannten sich.
Rahne musterte den aufgeschwemmten Bornesen mit faszinierter Fassungslosigkeit.
„Ich bin der Handelskonsul meines Hauses im Reiche Ganiordaes“, sagte Kitano, während sein massiger Körper begann, sich langsam in die Luft zu erheben, „und ich habe euch hierher bestellt, um euch ein lukratives Geschäft vorzuschlagen, meine Herren.“.
Mit großen Augen verfolgte Rahne, wie der fette Mann um seinen Schreibtisch herum schwebte. Sein Unterleib war mit einem weiten, seidenen Rock bedeckt, unter dem krumme, geschwollene Beine hervorlugten. Rahne bezweifelte, daß diese Gliedmaßen Kitanos gewaltigen Leib ohne die Hilfe von Magie zu tragen vermochten.
Was für ein Mann war dieser Kitano?
Rahne hätte den Eindruck bekommen, daß der Bornese an einer tückischen Krankheit litt, hätte er nicht in verbotenen Büchern des Klosters, in dem er aufwuchs, über eine seltsame Form der Magie gehört, die aus den Reichen des Südens – aus Bornesh und Craethan – stammte.
Diese Magier, die sich selbst als Blutmagier bezeichneten, beherrschten die verstörende Kunst, magische Energien aus ihrem eigenen Blut zu schöpfen, ohne auf seltene oder kostspielige Zauberkomponenten angewiesen zu sein, wie es bei gewöhnlichen Magiern der Fall war. Ein Begleiteffekt dieser Praktik war jedoch der Umstand, daß ein Blutmagier mehr Blut produzierte, als sein Körper benötigte und er Mittel und Wege finden musste, seinen Bluthaushalt im Gleichgewicht zu halten, um keine Schäden an Leib und Leben zu erleiden.
War der unheimliche Handelskonsul einer dieser Blutmagier?
Kitano Kreshh bewegte sich, etwa einen Meter über dem Boden schwebend, an seinen unfreiwilligen Gästen vorbei, auf eine Gruppe von Polstermöbeln zu, die in einer von tropischen Pflanzen bewucherten Nische stand.
Seine roten, fetten Finger deuteten ein Winken an und die Männer folgten ihm mit langsamen Schritten.
Renski servierte vier gläserne Weinkelche und füllte sie mit einem tief roten Wein aus einer kristallenen Karaffe. Kitano Kreshh ließ sich auf einem ledernen Sessel nieder und bedeutete den Männern ebenfalls Platz zu nehmen.

Neugierig musterte Terzon den fetten Mann.
Als Bewohner von Ganiordaes kam man nicht umhin, den Namen des Hauses Kreshh zu kennen.
Die Kreshh waren schon seit Jahrtausenden die mächtigen Herrscher der Länder von Nord-Bornesh und konkurrierten mit dem Damariter-Reich um die Vorherrschaft über das Gwandalische Meer.
Kitanos Familie gehörte zu den einflussreichsten Adelshäusern von ganz Angraenor und er selbst hatte als Handelskonsul den Status eines Diplomaten; eines persönlichen Gesandten des Khans Nerus.
Die Kreshh waren die uneingeschränkten Herrscher über Nord-Bornesh und unterhielten das mächtigste Handels-Imperium der angraenischen Reiche.
Sie waren als skrupellose Sklavenhändler bekannt und verdienten – Gerüchten zufolge – immense Summen durch die Beteiligung am Drogenhandel auf dem Gwandalischen Meer.
„Ihr seid hier, weil ihr über gewisse Fähigkeiten verfügt, die mir in einer problematischen Lage von Nutzen sein könnten“, sprach Kitano mit gurgelnder Stimme, nachdem die Männer sich gesetzt hatten.
Er nahm seinen Kelch in die Hand und trank einen Schluck des dunklen Weines.
Mit einem Lächeln bemerkte Terzon, daß Bai und auch Rahne den Wein misstrauisch musterten.
Kitano hatte – falls es überhaupt seine Absicht war – vermutlich weitaus günstigere Möglichkeiten sie zu töten, als teures Gift dafür zu verwenden.
Der Geruch von Trauben, Zimt, Zeder und Seesalz stieg ihm in die Nase, als er selbst zum Trinken ansetzte. Der Wein hinterließ den warmen, vollmundigen Geschmack, für den die Weine seines Heimatreiches bekannt waren, in voller Reife. Terzon bemerkte, daß Kitano einen alten und ausgesprochen kostbaren Wein servierte. Es schmeichelte ihm, so hofiert zu werden und er lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln in seinen Sessel zurück, während Renski seinen Kelch erneut füllte. Auch Rahne und Bai tranken nun zaghaft.
„Wo wir es uns nun bequem gemacht haben und ihr erfahren habt, wer ich bin“, sagte Kitano, „würde es mich nun erfreuen, zu erfahren, wer meine Gäste sind.“.
Die Pupillen in Kitanos schmalen und blutig verfärbten Augen wanderten über die Männer. Rahne glaubte, in dem kurzen Moment der Stille das Saugen der Egel hören zu können.
Renski stand leicht abseits neben einem Orchideenbusch mit leuchtend orangenen Blüten und betrachtete die Männer.
„Mein Name ist Terzon“, erklärte Terzon gütig lächelnd und mit dem gefälligen Nicken, das er schon oft bei Adeligen und anderen Personen, denen entweder Reichtum oder Herkunft zu einem gewissen Stand verholfen hatte, gesehen hatte.
„Ich stamme aus Gvanifay und verdiene mein Geld mit…nun…Geschäften.“.
Kitano lächelte nickend, als fänden Terzons Worte das Gefallen des Bornesen.
Er musterte Bai, doch der Ork starrte ihn nur mit kaltem Blick an und machte keine Anstalten, sich vorzustellen.
Als Rahne den Blick des fetten Kreshh bemerkte, erhob er sich hastig und deutete eine kurze Verbeugung an.
„Mein Name ist Borus, Herr“, sagte der junge Thalisier und setzte sich wieder.
Neugierig betrachtete er den fetten Konsul.
„Was sind das für Fähigkeiten, die uns die Ehre eurer…nun… Einladung zugetragen haben?“, fragte er.
„Ich bin sicher, daß eure magischen Fähigkeiten mir von großem Nutzen sein werden, Meister Borus“, antwortete Kitano und bedachte den Thalisier mit einem billigenden Lächeln.
Rahne erbleichte. Wie hatte der fette Mann die Kräfte erahnen können, die in seinem Inneren schlummerten?
„Ihr müsst euch irren“, stammelte der blonde Jüngling, der nun nicht nur Kitanos Blicke, sondern auch die seiner Begleiter auf sich ruhen spürte.
„Ich verfüge nicht über…wie ihr es nennt…magische, also…“.
Terzon grinste amüsiert und auch über Renskis Lippen huschte ein spöttisches Lächeln. Bai bohrte weiter seinen wütenden Blick in den fetten Leib des Konsuls.
Mit einer abwinkenden Geste brachte Kitano den jungen Thalisier zum schweigen.
„Und warum fiel eure Wahl nun gerade auf uns?“, fragte Terzon und nahm einen weiteren Schluck aus seinem Kelch. Er genoss die entspannende Wärme, die der edle Wein in seinem Bauch verbreitete.
„Selbst wenn wir über gewisse Fertigkeiten verfügen sollten“, fuhr er fort und warf einen kurzen Seitenblick auf Rahne, „was macht euch so sicher, daß ausgerechnet wir euch weiterhelfen könnten?“.
„Nun“, antwortete Kitano mit einem Seitenblick auf die schwarz gewandete Frau, „Renski hatte den Auftrag, ein paar Männer mit gewissen Eigenschaften zu suchen, die meinen Bedürfnissen entsprechen und da ihr nun vor mir sitzt, habe ich an euren Fähigkeiten keinerlei Zweifel. Ich habe vollstes Vertrauen in Renskis Urteilsvermögen und ich bin sehr erfreut, daß ihr die Güte hattet, meiner Einladung zu folgen.“.
Kitano Kreshh schürzt die Lippen zu einem zufriedenen Lächeln.
Rahne runzelte angesichts der merkwürdigen Antwort die Stirn.

„Ihr habt den Silbernen Goblin in die Luft gejagt und uns verhaften lassen!“, knurrte Bai zornig und warf dem fetten Adeligen einen bedrohlichen Blick zu.
Für einen kurzen Augenblick breitete sich Erstaunen auf Kitano Kreshhs breitem Gesicht aus und seine Mandelaugen suchten nervös Renskis Blick.
„Man kann hier wohl kaum von einer Einladung sprechen, Kreshh“, polterte Bai weiter, „was bliebe uns anderes übrig, als nun hier zu sitzen?“.
„Der Vorfall, den euer Gast anspricht ist das Produkt von Zufällen“, erklärte die schöne Frau schmunzelnd, „ich bin sicher, euer Angebot wird dennoch sein Interesse wecken.“.
Terzon nippte erneut am Wein.
Ob der Ork Recht hatte und die Herrenmenschen diesen Anschlag auf Kreshhs Befehl hin verübt hatten?
„Was für ein Angebot?“, fragte Rahne und betrachtete die Dhraal neugierig.
„Ich habe euch ein Geschäft vorzuschlagen“, antwortete Kitano an Stelle von Renski und die Blicke der Männer wandten sich wieder ihrem fetten Gastgeber zu, „ein äußerst lukratives Geschäft!“.
„Ich habe kein Interesse, mit Mördern Geschäfte zu machen“, fauchte Bai und setzte den gläsernen Kelch auf den Tisch. „Ihr habt all’ das inszeniert, um uns ein Geschäft aufzuschwatzen, daß wir nicht ablehnen können!“.
Kitano setzte eine finstere Miene auf und musterte den aufgebrachten Ork mit sichtlich wachsendem Missfallen.
„Der Ork spielt darauf an, daß ihr so gütig wart, ihn und seine Gefährten vor Ärger mit der Stadtwache zu bewahren“, sagte Renski.
„Diese Herren hatten sich zuvor in eine etwas missliche Lage gebracht.“.
Terzon setzte ein Lächeln auf, als er erkannte, worauf Bai und die Frau anspielten.
Vermutlich würde man sie wieder der Justiz ausliefern, wenn sie sich als unkooperativ erweisen sollten. Möglicherweise war der ungestüme Ork schon auf dem besten Weg dorthin…
„Verzeiht den Zorn meines Gefährten“, ergriff Terzon diplomatisch das Wort.
„Wir alle sind fremd in Glazuria und der Abend den wir hier verlebten, gehörte bisher nicht zu denen, die wir als besonders gelungen ansehen würden.“.
Kitano nickte und schien sich zu bemühen, wieder ein Lächeln auf seine feisten Züge zu zaubern.

„Als Handelskonsul stelle ich Konvois von Handelsschiffen auf den Routen zu den Häfen meines Heimatlandes zusammen und lasse sie von meinen Fregatten bewachen, um sie vor der Piratenbrut zu beschützen.“, erklärte der fette Bornese.
„Die Piraterie ist eine Seuche“, fluchte Kitano. Seine wulstigen Lippen bebten.
„Ihr könnt euch vermutlich nur schwer vorstellen, welch ein Verlust es ist, ein Schiff an Piraten zu verlieren – vor allem finanziell. Ich habe einen Ruf zu verlieren, vor allem wenn es um die Sicherheit der Schiffe geht. Wenn ich den sicheren Transport der Waren nicht garantieren kann, leidet nicht nur mein Ansehen, sondern auch das meines ehrenwerten Hauses.“.
Den letzten Satz kommentiert Bai mit einem entrüsteten Schnaufen, das der Gesandte der Kreshh ignorierte.
Terzon nickte verständnisvoll und schien den Bornesen zu weiteren Ausführungen verleiten zu wollen.
„In den letzten Monaten hat eine besonders gierige Bande dieses Gesindels mir Sorgen bereitet; ein Piratenschiff mit dem passenden Namen Seehure. Möglicherweise habt ihr davon gehört…“.
„Das Schiff wurde vom Goldenen Geschwader aufgebracht“, warf Rahne ein; sich an das Gespräch erinnernd, das er im Badehaus belauscht hat.
„Das ist richtig“, nickte Kitano mit unbewegter Miene.
„Was hat das alles mit unserer Anwesenheit hier zu tun?“, verlangte Terzon zu erfahren.
„Nun“, sagte der Bornese, „Näheres zu meiner persönlichen Situation werde ich euch nur verraten, wenn ihr einwilligt, für einen stattlichen Lohn eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen.“.
„Als bliebe uns eine andere Wahl…“, knurrte Bai.
„Oh, natürlich habt ihr eine Wahl“, lachte der Konsul, daß sein aufgedunsener Leib zu wabern begann, „man hat immer eine Wahl! Auf ein Wort von euch werde ich Renski umgehend den Befehl geben, euch eurem zugedachten Schicksal zu überlassen.“.
Bai starrte in die unergründlichen Augen des Bornesen.
Diesmal hielt der Konsul dem drohenden Blick des Orks stand und Bai schluckte, als sich seine Befürchtungen auf so ungeschminkte Weise zu bestätigen schienen.
Auch Terzon war die Drohung in Kitanos letzten Worten nicht entgangen.
„Ich für meinen Teil bin äußerst interessiert an eurem Angebot!“, sagte Terzon und versuchte seine Nervosität zu überspielen; „vor allem, wenn es so lukrativ ist, wie ihr es angekündigt habt.“.
Rahne nickte und schloss sich seinem Gefährten an.
Triumphierend grinsend wandte sich Kitano wieder dem Ork zu und musterte ihn provokant.
„Ich bin sicher, der Ork verspürt einen gewissen Dank dafür, der unbarmherzigen Justiz unserer schönen Stadt entgangen zu sein“, warf Renski mit einem schneidenden Unterton ein, „und wird sicher erfreut sein, sich für diesen Gefallen zu revanchieren; zumal diese Revanche fürstlich belohnt wird.“.
„Ihr habt natürlich Recht, Renski“, knurrte Bai und schaute wieder zu Kitano hinüber.
„Mein Name ist Bai Khordor und ich schulde euch einen Gefallen. Wenn ihr mir die Möglichkeit geben würdet, euch im Gegenzug einen Gefallen zu erweisen, werde ich dieses Angebot natürlich nicht ausschlagen.“.
Es war nicht zu überhören, daß nur wenig Überzeugung und eine gehörige Portion Kapitulation in den Worten des Orks lagen, die der Konsul mit einem zufriedenen Lächeln quittierte.
Terzon lehnte sich erleichtert zurück und auch Renski schien sich nach den Worten des Ork zu entspannen.
„Es freut mich, wenn Geschäftspartner eine angemessene Portion Verstand an den Verhandlungstisch bringen“, sagte Kitano und ließ sich den Kelch nachfüllen. „Kommen wir nun also zu meiner Situation…“.
Kitano Kreshh beugte sich vor und stützte seine geschwollenen Finger auf die Tischplatte aus schwarzem Teufelsholz.
Er begann leise weiter zu sprechen, so daß die Männer zwangsläufig näher rücken mussten, um seine Worte zu verstehen.
„Als das Geschwader die Seehure aufgebracht hat, hat es sich nicht mit Ruhm bekleckert“, erklärte Kitano Kreshh.
„Zwar stimmt es, daß eine große Menge Piraten mit einer beachtlichen Beute dingfest gemacht wurden, doch dieser Triumph hat Makel.
Ein Teil der Besatzung – unter ihnen auch der Kapitän – und auch ein Teil der Beute fehlte; ein wichtiger Teil der Beute. Die Piraten der Seehure befanden sich nämlich im Besitz eines kostbaren Diadems, eines Erbstücks meiner eigenen Familie.“.
An dieser Stelle trat Renski einen Schritt vor, entrollte eine Pergamentrolle und breitete sie auf dem Tisch vor den Männern aus.
Das Pergament zeigte die kunstvolle und detaillierte Zeichnung eines edlen Diadems, das aus Silber gefertigt und mit etlichen prächtigen Onyxen besetzt war.
Kitano machte eine Pause und blickte in die aufmerksamen Gesichter der drei Männer.
„Dieses Diadem ist gestohlen worden, als eines meiner privaten Schiffe vor einigen Wochen von der Seehure gekapert und geplündert wurde. Ich habe eine Abschrift der Liste der beschlagnahmten Beute erhalten, doch das Diadem war nicht darunter. Ich vermute also, daß es sich noch im Besitz der übrigen Piraten befindet; höchstwahrscheinlich befindet es sich in den Händen des Kapitäns.“.
„Und ihr verlangt nun, daß wir das Schmuckstück wiederbeschaffen?“, fragte Terzon.
„Ganz recht“, nickte der Konsul. „Vermutlich befand sich der Kapitän der Seehure mit einer Auswahl seiner Männer auf Landgang, als das Goldene Geschwader zuschlug. Er hat sich versteckt und fürchtet vermutlich, daß das Goldene Geschwader ihn suchen lässt.“.
„Vermutlich“, räumte Rahne ein. „Doch wo sollen wir ihn finden? Glazuria ist groß und wir kennen uns dort nicht aus. Was macht euch so sicher, daß wir euch euer Erbstück zurück bringen können?“.
„Eine kluge Frage“, ergänzte Terzon nickend und schenkte Rahne ein anerkennendes Lächeln.
„Warum heuert ihr nicht Ermittler an oder Abenteurer, die sich hier auskennen?“, fragte Terzon weiter. „Warum schickt ihr nicht eure Wachen auf die Suche oder bittet die Garde um Hilfe? Genug Einfluss scheint ihr doch zu haben, um dies einzufordern.“.
„Ihr habt Recht, Meister Terzon“, antwortete Kitano Kreshh umgehend, „doch diese Sache ist wichtig und zudem steht mein Ruf auf dem Spiel. Würden meine Konkurrenten erfahren, daß ich ein Schiff mit einer so wertvollen Ladung verloren habe, würden sie es überall ausplaudern, um meinen makellosen Ruf zu beschmutzen und sich so Vorteile zu verschaffen. Bisher ist es mir gelungen, diesen überaus ärgerlichen Zwischenfall zu verbergen.
Der Einsatz von Dienern, der Garde oder anderer Männer von meiner Lohnliste ist für mich deshalb äußerst riskant, denn die Konkurrenz hat überall Augen und Ohren; wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bevorzuge deshalb in dieser Angelegenheit Fremde einzusetzen, die niemand kennt und mit denen mich niemand in Verbindung bringt.“.
Verstehend nickten die Männer.
„Um wie viele Piraten handelt es sich?“, erkundigte sich Terzon mit einem Unterton der Besorgnis, „und was soll mit ihnen geschehen, wenn wir euer Diadem gefunden haben?“.
Kitano zuckte mit seinen massigen Schultern.
„Ich weiß nur, daß der Kapitän mit einigen seiner Spießgesellen auf der Flucht ist. Vermutlich sind es nicht mehr als zehn Männer, die dem Goldenen Geschwader entkommen sind. Ihr Schicksal ist mir einerlei, solange ihr mir das Diadem zurück bringt. Tötet sie, übergebt sie der Wache oder lasst sie laufen; ich habe kein Interesse an dem Schicksal dieser Räuber.“.
Terzon zog erstaunt eine Augenbraue hoch.
Von einem mächtigen Mann wie Kitano Kreshh, der eine solche Schmach erlitten hatte und die Piraterie hasste, hätte er einen ausgeprägten Wunsch nach Rache erwartet.
Das Haus Kreshh war nicht dafür bekannt, Gnade mit Leuten zu zeigen, die sich ihres Reichtums bemächtigten.
Er kam nicht umhin, diesen Umstand merkwürdig zu finden…
„Doch wie sollen wir eure Piraten dann finden?“, fragte Bai und unterbrach so die Gedanken seines verblüfften Gefährten.
„Es könnte Monate dauern, ihr Versteck zu finden und wer garantiert euch, daß die Seeräuber sich bis dahin nicht längst aus dem Staub gemacht haben? Ich habe eigene Angelegenheiten in dieser Stadt zu verfolgen und ich habe nicht die Zeit, in eurem Auftrag Monate lang einer Bande aufgescheuchter Piraten nachzustellen“.
Der Bornese lächelte.
„Nun, Meister Khordor, es ist mir eine Freude, dieses Bedenken zerstreuen zu können“, entgegnete er sarkastisch, „denn Spione in meinem Auftrag haben unlängst den Ort gefunden, an dem das Gesindel sich aufhält. Es ist der nördliche Totenacker, ein schon vor Jahren aufgegebener und verlassener Friedhof unweit der Stadt.“.
Kitano machte eine kurze Pause und betrachtete seine drei unfreiwilligen Gäste.
„Nun, ihr seht also, daß eure Aufgabe bereits gut vorbereitet wurde“, sagte der Konsul; „eure Aufgabe wird es nur noch sein, in das Lager des Abschaums einzudringen und das Diadem zu holen. Was haltet ihr davon?“.
Bai nickte unbewegt. Der Ork schien sich seinem Schicksal gefügt zu haben.
„Was springt dabei für uns heraus?“, fragte Terzon, während er Renski gleichzeitig ein herablassendes Zeichen gab, seinen Kelch erneut zu füllen.
Die schöne Frau folgte mit unbewegter Miene dieser Aufforderung, während Terzon ihr lächelnd und amüsiert dabei zusah.
Diese Tätigkeit als Schankmaid schien Renski nicht sonderlich zu schmecken…

„Ich biete tausendfünfhundert Goldmünzen für jeden von euch, wenn ihr das Diadem unbeschadet an meinen Hof zurück bringt.“, bot Kitano nach kurzem Nachdenken an.
Rahne bekam große Augen angesichts der genannten Summe, doch Terzon lachte.
„Das ist ein überaus knauseriges Angebot, werter Konsul“, sagte er, „wenn man bedenkt, daß wir in den Unterschlupf blutrünstiger und höchstwahrscheinlich äußerst verzweifelter Piraten eindringen sollen, die sich bestimmt nicht gern von der Beute trennen, die ihnen noch geblieben ist. Die Aufgabe ist alles andere als ungefährlich und dieser Umstand sollte sich auf unseren Lohn niederschlagen.“.
Terzon unterstrich seine Worte mit einem charmanten Lächeln und Bai nickte zustimmend.
„Erhöht euer Angebot auf dreitausend Münzen für jeden von uns und wir kommen ins Geschäft!“, fügte Terzon hinzu und lehnte sich mit einem siegessicheren Lächeln zurück. Rahne konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, daß sein Gefährte diese unheimliche Situation zu genießen schien.
„Eintausendsiebenhundert Goldmünzen“, hielt Kitano dagegen; „das ist ein Lohn, der mir angemessen erscheint. Schließlich habe ich bereits sämtliche Informationen einholen lassen, die ihr für das Gelingen eurer Aufgabe benötigt.“.
„Und euch aus den Fängen des Hauptmanns Lefgyr befreit“, ergänze Renski, „das solltet ihr nicht vergessen.“.
Terzon nickte abwägend, als überdenke er dieses Gebot.
„Legt noch ein wenig Ausrüstung hinzu, die uns bei dieser Mission von Nutzen sein könnte und ich willige ein!“, sagte Bai. „In eurer Position dürfte es nicht schwer fallen, magische Waffen, Tränke und ähnliches zu besorgen.“.
„Abgemacht!“, sagte Kitano und grinste.
Auch Rahne konnte ein Lächeln und ein freudiges Nicken nicht unterdrücken.
Der Abend schien doch noch eine Wendung zum Guten zu nehmen. Eintausendsiebenhundert Goldmünzen für ein einziges Wagnis!
Das Glück musste ihm wahrhaft hold sein.
Terzon hingegen seufzte gequält.
Wenn es um Verhandlungen ging, schienen seine beiden neuen Gefährten wahre Amateure zu sein.
Er war sicher, daß er aus dem fetten Konsul mindestens das Doppelte hätte heraushandeln können, wenn diese Burschen sich nicht so schnell zufrieden gegeben hätten.
„Füllt die Kelche, Renski!“, sagte Kitano mit unüberhörbarer Zufriedenheit in der Stimme, „und lasst einen Schreiber kommen, der die Verträge aufsetzt! Ich möchte die Abmachung noch heute besiegeln, damit unsere Freunde hier sich umgehend an die Arbeit machen können!“.

Die Männer lehrten ihre Kelche, während ein unscheinbarer Bornese in den seidenen Gewändern eines Hausdieners erschien und sich von Renski die zuvor ausgehandelten Konditionen des Auftrags diktieren ließ.
Terzon bemerkte zunehmend die Auswirkungen des Weines und spazierte mit dem kristallenen Kelch in der Hand auf den marmornen Balkon hinaus.
Die milde, salzige Seeluft vermochte seinen benebelten Zustand kaum zu verscheuchen; dennoch genoss er die frische Luft und den Augenblick der Ruhe.
Von dort hatte man einen traumhaften Ausblick auf das nächtliche Glazuria und das sanfte Wogen des Meeres, das im silbernen Licht des vollen Mondes Lunaris schimmerte.
Terzon hörte das Singen einer Nachtigall.
Der Duft von Orchideen stieg aus dem Garten unterhalb des Balkons hinauf, der von magischen Laternen mit gedämpftem Licht erhellt wurde.
Hier und dort waren die Schritte der Hauswachen auf den gepflasterten Wegen zu vernehmen, die durch die weitläufige Gartenanlage führten.
Auch auf den Mauern, die Kitanos Palast umgaben, waren Wächter unterwegs, deren eiserne Helme im Mondschein glänzten.
Welch einen merkwürdigen und unvorhersehbaren Verlauf dieser Abend genommen hatte.
Sie waren nur knapp dem Tode und der Gefangenschaft entgangen und plötzlich waren sie zu Gast in einem der edelsten Häuser der Stadt und drauf und dran, eine ordentliche Summe Gold zu verdienen.
Bisher bereute er es nicht, Glazuria als Alternative zu seiner Heimatstadt Gvanifay erwählt zu haben.
Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte sich Terzon auf die Marmorbrüstung und ließ seinen Blick über die Szenerie schweifen.

Rahne und Bai unterschrieben die Verträge, die der Bedienstete des Konsuls ihnen mit einer leichten Verbeugung überreichte.
Kitano Kreshh nickte zufrieden und gab den Befehl, Gemächer für seine Gäste herrichten zu lassen.
„Verzeiht, Herr“, erhob Rahne das Wort, „aber diese Sammlung von Büchern und Schriften, die ihr hier angehäuft habt, fesselt schon seit unserer Ankunft meine Aufmerksamkeit.“.
Sein Blick glitt über die zahlreichen Regale, die sich bis zur Decke erstreckten und über die unzähligen Bücher und Schriftrollen, die überall in dem Gemach verteilt waren.
„Ihr würdet mir eine große Freude machen, wenn ich mich in eurer kostbaren Sammlung ein wenig umschauen dürfte.“.
Kitano Kreshh beantwortete die Bitte des Thalisiers mit einem gönnerhaften Nicken.
„Schaut euch ruhig um, Meister Borus“, erklang die gurgelnde Stimme des Blutmagiers, „was nützt all’ dieses Wissen, wenn man es nicht zu teilen bereit ist?“.
Mit einer dankbaren Verbeugung erhob sich der Jüngling und war schon einen Augenblick später zwischen den Regalen verschwunden.
Nun saß Bai dem Konsul allein gegenüber und die Männer musterten einander.
Noch immer machte Bai keine Anstalten, die Geringschätzung in seinem Blick zu verbergen, doch sein kalter Blick schien Kitano Kreshh nicht zu beunruhigen.
„Ich mag euch nicht, Konsul Kreshh“, brach der Ork das Schweigen, „ihr seid ein Mann, der seinen Reichtum und Einfluss dazu ausnutzt, um Leute wie mich in seine Dienste zu zwingen. Das ist abscheulich.“.
Der Handelskonsul stieß ein grunzendes Lachen aus.
„Wozu sollten Reichtum und Einfluss sonst gut sein?“, entgegnete er. „Und für die abscheuliche Behandlung, die euch widerfährt, werdet ihr reichlich entlohnt. Vergesst das nicht, Bai Khordor.“.
Bai schnaubte. „Ich könnte mich mit dieser Situation sicherlich besser anfreunden und die von euch gestellte Aufgabe mit etwas mehr Elan bewältigen, wenn ihr mir – zusätzlich zu der Bezahlung – eine kleine Gefälligkeit erweisen würdet.“.
Abschätzend musterten die blutunterlaufenen Augen des Bornesen den kräftigen Ork.
„Worum geht es?“, fragte er schließlich. „Was ist das für eine Gefälligkeit, die ihr einzufordern versucht?“.
Bai warf einen kurzen Blick über die Schulter um sich zu vergewissern, daß seine Gefährten nicht in der Nähe waren. Er konnte Terzons Silhouette auf dem Balkon erkennen; von dem jungen Thalisier war nichts zu sehen.
Nur Renski stand ein Stück entfernt an ein Regal gelehnt und betrachtete Bai mit einem kühlen Blick.
„Ich bin sicher, daß ihr als Handelskonsul eures Hauses Zugang zu allen Arten von Informationen habt“, flüsterte Bai, „vor allem über Schiffe, die den Hafen anlaufen und ihn wieder verlassen.“.
Kitano Kreshh nickte.
„Ich suche jemanden“, fuhr der Ork fort, „eine Bornesin namens Gaslo. Sie ist auf einem Schiff unterwegs, das unter dem Namen Reißzahn segelt. In Pelessia habe ich erfahren, daß sie Glazuria anlaufen wollte.“.
„Und nun wollt ihr mich bitten, etwas über sie in Erfahrung zu bringen?“, erkundigte sich Kitano. „Ihr wollt erfahren, ob sie in der Stadt ist?“.
Bai nickte. „Ich muss sie finden. Wenn ihr etwas über ihren Aufenthaltsort in Erfahrung bringen könntet, wäre ich euch… dankbar.“.
Erneut ließ Kitano Kreshh ein Lachen ertönen, daß keinen Zweifel daran ließ, was Bais Dankbarkeit dem Konsul bedeutete.
Dennoch erklärte er sich einverstanden.
„Renski“, sagte er und winkte die schöne Frau herbei, „kümmert euch um diese Angelegenheit und überzeugt Bai Khordor von der Großzügigkeit des Hauses Kreshh!“. Die Dhraal deutete eine stumme Verbeugung an und verließ den Raum.

Terzon kehrte schließlich unsicheren Schrittes vom Balkon zurück.
Mit schwungvollen Federstrichen unterschrieb auch er den bereit liegenden Vertrag und ließ sich dann, gemeinsam mit Bai, von einem Hausdiener zu den vorbereiteten Gästezimmern führen.
Der schweigsame Diener geleitete die Männer in einen ruhigen Seitentrakt des weitläufigen Anwesens, wo er ihnen zwei prächtige Gemächer aufsperrte, in denen sie nächtigen sollten.
Terzon staunte angesichts des Reichtums des Konsuls, der selbst in den Gästegemächern seinen Ausdruck fand. Das geräumige Bett war mit Laken aus pasadrischer Seide bezogen. Edle bornesische Teppiche und Gemälde exotischer Landschaften zierten die Wände und sämtliche Möbel waren aus poliertem, rötlichem Zhukholz. Ein geräumiges Badezimmer mit einem Waschtisch aus Elfenbein und ein Ankleidezimmer grenzten an den Schlafraum an.
Zufrieden ließ sich Terzon auf das Bett nieder.
Geschmack konnte man dem verschlagenen Konsul kaum absprechen.
In dem Gästegemach ließ es sich durchaus aushalten; lediglich die kleinen Fenster, die mit stabilen Gittern gesichert waren, trübten die Illusion, zu den bedeutenden Gästen des Hauses zu gehören.
Doch Terzon war zu müde und zu betrunken, um sich an diesem Umstand zu stören und schon bald sank er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Rahne hingegen saß noch bei Morgengrauen im Licht einer Petroleum-Lampe an einem Lesepult in Kitano Kreshhs Bibliothek.
Die gewaltige Sammlung – ein Schatz von schier unermesslichem Wert – hatte sich bei näherer Betrachtung als noch beeindruckender erwiesen, als der erste Eindruck offenbart hatte.
Die Bibliothek konnte so mancher Klosterbibliothek in seiner Heimat Konkurrenz machen und der junge Thalisier konnte es kaum fassen, daß sich dieser Reichtum im Besitz eines einzigen Mannes befand.
Der größte Teil der Bücher und Schriftrollen befasste sich allerdings mit Arkaner Magie und viele Werke waren darüber hinaus in Sprachen verfasst, denen der Thalisier nicht mächtig war; vor allem in Bornesi.
Doch neben den magischen und fremdsprachlichen Werken besaß der Handelskonsul etliche Schriften, die in der Handelssprache verfasst waren und eine Vielfalt von Themen behandelte.
Es fanden sich dort geographische Werke ebenso wie Bücher über naturkundliche Themen, Geschichte oder Politik. Selbst Werke über Architektur, Baukunst und Mechanik waren in den zahlreichen Regalen der Bibliothek zu finden.
Am meisten erregte jedoch ein Regal Rahnes Aufmerksamkeit, das in einer nur mäßig beleuchteten Ecke stand und das er womöglich übersehen hätte, wenn der junge Thalisier nicht nach dem gesucht hätte, was er dort fand.
In diesem Regal lagen mehrere Bücher, Pergamente und sonstige Schriftstücke, die dem Thema der Religion zuzuordnen waren.
Interessiert zog er jedes einzelne Buch hervor.
Die meisten dieser Schriften waren theoretische Abhandlungen über einzelne Religionen oder Kulte und nur wenige Werke – wie die berühmten und weit verbreiteten Schriften des Krom – waren echte heilige Schriften.
Viele dieser Bücher waren in seiner Heimat Vandelari verboten und ihr Besitz und die Kenntnis über ihren Inhalt führten nicht selten auf die Scheiterhaufen des Verkünderordens.
Wie so oft verspürte Rahne bei diesem Gedanken Erleichterung darüber, seinem düsteren Heimatland den Rücken gekehrt zu haben.

Als Rahne ein in schwarzes Leder gebundenes Buch, das keinen Titel auf seinem Rücken trug, aus dem Regal zog, stockte ihm für einen Moment der Atem.
Das Buch des Schlafs stand in golden geprägten Lettern auf dem Einband.
„Beim letzten Gefährten…“, murmelte der Thalisier, als er das Buch vorsichtig öffnete.
Dieses Buch war ein wirklicher Schatz!
Es war – wie es den Anschein hatte – eine komplette Abschrift der heiligen Schrift der Anhänger Ozuuls, des Gottes des Lebens und des Todes; Rahnes Schutzpatron.
Schnell warf er einen Blick über die Schulter um sich zu vergewissern, daß er noch immer allein war und dann trug er das Buch vorsichtig zu einem der Lesepulte.
„Unglaublich…“, flüsterte er, als er die ersten Seiten überflog.
Sein Schutzpatron hatte nicht viele Anhänger, denn unter Laien galt er als lebensfeindlicher Gott, der den Sterblichen außer dem Tod nichts zu geben hatte. Welch’ Irrglaube…
Rahne hatte bisher allerhöchstens Auszüge oder Zusammenfassung dieser heiligen Texte gelesen, denn das Buch des Schlafes war ausgesprochen selten.
Vor allem die radikale Verkünderkirche des Krom-Kults hatte in der Vergangenheit keine Mühe gescheut, Exemplare dieses Werkes aufzufinden und zu vernichten.
Es enthielt Wissen über das Jenseits und über das, was Sterblichen widerfuhr, wenn ihr Leben ein Ende fand und die Seele ihre Reise in die Ewigkeit antrat.
Die Verkünder brandmarkten diese Ausführungen als Blasphemie, dabei konnten sie doch solchen, die mit dem Leben haderten oder deren Zeit sich durch Leid und Krankheit dem Ende zuneigte Trost und Zuversicht spenden.
Erneut schüttelte Rahne schweigend den Kopf angesichts dieser Engstirnigkeit und strich gedankenverloren über die Narbe auf seinem Untertan.
Was wussten diese Fanatiker schon über die tröstlichen Lehren des Ozuul?
Voll Ehrfurcht und Neugier begann Rahne, dieses außergewöhnliche Werk, das in einer altmodischen Variante der modernen Handelssprache geschrieben war, zu lesen.
Ob Kitano Kreshh überhaupt gewahr war, was für einen außergewöhnlichen Schatz seine Sammlung enthielt?
Rahne las, bis der Morgen graute und ihm die Augen zu fielen.
Schließlich riss er sich von seiner überaus interessanten Lektüre los und verstaute das wertvolle Buch wieder im Regal.
Er hoffte, noch Gelegenheit zu finden, weiter in diesem Werk stöbern zu können und seine Gedanken kreisten noch um das Gelesene, als er sich von einem Hausdiener zu seiner Unterkunft geleiten ließ, wo ihn der längst nötige Schlaf übermannte.

Der erste Tag des Monats Szinderika brachte eine schier erbarmungslose Hitze.
Selbst von der Bucht kam nur ein Hauch kühlerer Luft herbei, der der brennenden Sonne kaum etwas entgegen zu setzen hatte.
Die drei Gefährten nahmen auf der Terrasse des Anwesens ein opulentes Frühstück ein, während Diener mit der Hilfe lederner Schläuche und Pumpen, die zu unterirdischen Wasserreservoirs führten, den Garten wässerten.
Ihr Gastgeber hatte sich nicht blicken lassen und auch Renski war nur kurz erschienen, um den drei Männern zu verkünden, daß eine Kutsche sie nach Einbruch der Dunkelheit zum nördlichen Totenacker bringen würde.
Für den Rest des Tages war es ihnen gestattet, die Annehmlichkeiten des luxuriösen Anwesens zu genießen und ihren eigenen Anliegen nachzugehen.
Renski überreichte jedem der Männer einen Beutel mit einem Vorschuss von fünfhundert Goldmünzen und bot ihnen auch an, die Kutschen des Konsuls zu benutzen, falls sie Geschäfte in der Stadt zu tätigen hatten.
Terzon war erstaunt über diese Großzügigkeit und das Vertrauen, das man in ihre Ehrbarkeit zu haben schien. Der Vorschuss allein war es schon wert, sich damit aus dem Staub zu machen und anderswo sein Glück zu suchen.
Entweder schätzte der Konsul ihre Gier richtig ein und wusste, daß sie sich das übrige Gold nicht entgehen lassen wollten (was – zumindest in Terzons Fall – auch korrekt war) oder er war sicher, daß sie mit ihrer Beute nicht weit kommen würden.
Letzterer Gedanke war zu beunruhigend, um weiter darüber nachzudenken und so genoss Terzon das hervorragende Mahl und die Aufmerksamkeit der Hausdiener.

Als es Nachmittag war, ließen die Männer eine Kutsche vorfahren, um sich in die Stadt bringen zu lassen.
Terzon und Bai holten das Gepäck der drei Gefährten aus dem Gewaschenen Walfänger, während Rahne sich an der Werkstatt des Holzschnitzers Iglosius absetzen ließ.
Iglosius, ein angesehener Meister seines Fachs, war ihm von Hausdienern des Konsuls empfohlen worden. Es benötigte einiges an Durchsetzungsvermögen von Rahnes Seite, um die eifrigen Gesellen des Meisters abzuwimmeln und direkt zu Iglosius vorgelassen zu werden. Iglosius, ein alter und gebeugter Gnom hörte sich geduldig das Anliegen des Thalisiers an; das Anfertigen eines kleinen Schreins zu Ehren des Ozuul. Der Gnom fertigte mehrere Skizzen an, bis er Rahne einen Entwurf präsentierte, mit dem der Thalisier zufrieden war. Rahne leistete eine stattliche Anzahlung von seinem Vorschuss und Iglosius versicherte ihm, daß der Schrein binnen einer Woche vollendet sein würde.
Zufrieden verließ Rahne die Werkstatt des Holzschnitzers, wo bereits die Kutsche mit den Gefährten wartete, die ihn zurück zum Anwesen des Handelskonsuls brachte.

Den Rest des Tages verbrachten die Männer auf unterschiedliche Weise.
Terzon genoss das kühle Wasser im Schwimmbecken des Anwesens, während Bai sich in sein Gemach zurückzog, um sich den Übungen des Alapesh zu widmen.
Rahne hingegen nutzte die Zeit, um sich erneut in die Bibliothek zu begeben und das Buch des Schlafs zu studieren.
Er bedauerte, von dieser Beschäftigung ablassen zu müssen, als es irgendwann zu dämmern begann und ein Hausdiener erschien, um ihn zum Abendessen zu rufen.
Kitano Kreshh und Renski erwarteten die drei Gefährten an einer üppig gedeckten Tafel im Garten des Palastes.
Kitano Kreshh wirkte vitaler als am Vorabend.
Seine Gliedmaßen waren nicht mehr so geschwollen und die Adern unter der Haut wirkten nicht mehr zum Bersten gefüllt.
Auch auf die schmatzenden Egel verzichtete er nun; dennoch wirkte seine Erscheinung noch immer unnatürlich und grotesk.
„Setzt euch und stärkt euch!“, begrüßte sie der Handelskonsul.
„Anschließend wird Renski euch dann zum nördlichen Totenacker fahren, wo ihr euren Auftrag hoffentlich zu meiner vollsten Zufriedenheit erfüllen könnt!“.
„Ich bin äußerst zuversichtlich, daß wir euch nicht enttäuschen werden“, antwortete Terzon mit einem kurzen Seitenblick auf Rahne und den Ork.
„Ich hoffe, daß die Zeit ausreichte, um einige nützliche Utensilien zu organisieren, die uns unsere Aufgabe erleichtern werden.“, fügte er hinzu.
„Selbstverständlich!“, antwortete der Konsul mit einem gönnerhaften Lächeln.
Auf einen Wink hin trat ein Diener aus dem Inneren des Hauses, der ein Tablett mit einer Vielzahl von Phiolen, Schriftrollen und anderen Gegenständen heran trug.
Neugierig betrachteten die Männer die Dinge.
In den Phiolen befanden sich Heiltränke, Tränke der Unsichtbarkeit und geweihtes Wasser. Die Schriftrollen enthielten arkane Zauber und in einer gepolsterten Schatulle befanden sich drei Explosionskugeln.
„Benutzt diese Kugeln mit Vorsicht!“, ermahnte sie der Konsul, „ich wäre äußerst ungehalten, sollte das Diadem durch Unachtsamkeit zerstört werden.“.
Die Männer nickten – die unterschwellige Drohung ignorierend – und betrachteten die restlichen Gegenstände; einen magischen Schutzring und einen schmucklosen Dolch mit einer seltsam milchigen Klinge.
„Das ist ein Dolch der Geisterhaften Berührung“, erklärte Kreshh. „Ich dachte, er könne euch von Nutzen sein. Auf alten, verlassenen Friedhöfen kann man nie wissen, was einem über den Weg läuft. Es ist mit Sicherheit schon einige Zeit vergangen, seit ein Priester dort zum letzten Mal nach dem Rechten schaute. Mit diesem Dolch könnt ihr euch Geister und ähnliche Schrecken vom Halse halten…“.
„Habt Dank für eure Umsicht“, sagte Terzon, „doch ich mache mir mehr Sorgen um den Zorn der Lebenden als der Toten!“. Renski lachte.
Die Männer begannen, die Utensilien untereinander aufzuteilen.
Kommentarlos nahm Rahne die magischen Spruchrollen an sich. Kitano Kreshh nickte ihm zufrieden zu, während seine Gefährten keine Reaktion auf dieses unausgesprochene Bekenntnis zu den arkanen Künsten zeigten.
Nachdem die Männer die Ausrüstung verteilt hatten, klatschte Kitano Kreshh in die Hände und ließ das Essen auftragen.
Diener brachten dampfende Schüsseln und Platten mit allerlei Köstlichkeiten herbei.
Mariniertes Filet vom Schwertfisch, Dornschlange in Honig und andere ganiordaesche Spezialitäten wurden – flankiert von allerlei Gemüse, Salat, Käse, Brot und Obst – aufgetragen. Dazu wurde eine erstaunliche Vielfalt von Weinen, Likören und anderen alkoholischen Getränken gereicht.
Mit gesundem Appetit widmeten sich die Gefährten und ihre Gastgeber den wohlschmeckenden Speisen.
In stillem Einverständnis nippten die drei Männer jedoch allerhöchstens an den alkoholischen Getränken und löschten ihren Durst mit Quellwasser.
Für das bevorstehende Unternehmen wollten sich die Gefährten einen klaren Kopf bewahren.
„Was konntet ihr in Erfahrung bringen?“, fragte Bai kauend und mit gedämpfter Stimme den fetten Gastgeber, der direkt neben ihm am Kopfende der Tafel saß.
„Nun“, antwortete Kitano und spülte die Bissen mit einem großen Schluck aus einem silbernen Weinkelch hinunter, „die „Dame“, die ihr sucht erfreut sich in dieser schönen Stadt nicht allzu großer Beliebtheit, Meister Khordor.“.
Es erstaunte Bai nicht, daß der Blutmagier sofort wusste, worum es ging.
Bai kannte diesen Menschenschlag. Kitano Kreshh führte Gespräche wie dieses nicht selten…
„Zumindest in den betuchteren Kreisen der Gesellschaft.“, fügte er schmatzend hinzu. „Sie hat tatsächlich vor etwa zwei Monaten hier angelegt. Ihr beträchtlicher Charme hat sie – trotz ihrer fragwürdigen Herkunft – schnell zum Liebling der Gutbetuchten werden lassen. Jeder, den meine Informanten nach ihr befragten, schilderte sie als eine überaus reizvolle Erscheinung.“.
Bai nickte.
Er wusste nur zu gut, wie Gaslo auf andere – vor allem auf Männer – wirkte. „Ihre…nun…Vorzüge ließen sie schnell Zugang zu den höchsten Kreisen der Stadt finden.“, fuhr Kitano fort.
„Es heißt, einige äußerst einflussreiche und wohlhabende Männer hätten um ihre Gunst gebuhlt und sie mit Geschenken und anderen Sympathiebekundungen überhäuft. Auf den Bällen und gesellschaftlichen Zusammenkünften Glazurias war sie zu dieser Zeit ein ausgesprochen gern gesehener Gast.“.
Kitanos Ausführungen verwunderten Bai nicht im Geringsten.
Gaslo hatte immer ein Talent dafür gehabt, Scharen betuchter Gönner um sich zu sammeln, denen sie innerhalb kürzester Zeit den Kopf verdrehte.
„Und wo ist sie nun?“, fragte Bai, obwohl er die Antwort schon erahnte.
„Diese Frau – Gaslo – hat ein äußerst lockeres Verhältnis zum Geld anderer Leute“, erklärte Kitano, „und damit hat sie sich hier in Glazuria keine Freunde gemacht.
Ein sehr reicher, sehr einflussreicher und sehr zorniger Juwelenhändler namens Quarud Shilbaz wurde von ihr regelrecht ausgeplündert. Es gibt nur Gerüchte, aber er muss mehrere tausend Goldmünzen an diese kleine Hure verloren haben.
Der Narr sprach schon von einer prächtigen Hochzeit und stellte sie stolz überall vor, während das Weib nur nach seinem Reichtum gierte. Während er sich tagsüber von all’ den Festen und ihren Eskapaden zwischen den Laken erholte, nahm Gaslo ihn aus wie einen fangfrischen Fisch vom Markt. Es heißt, sie habe sogar mit seinen Leibwachen geschlafen und ihr habe Tür und Tor offen gestanden. Der ganze Haushalt dieses Narren lag ihr zu Füßen! Als Shilbaz bemerkte, daß die Hure ihn beraubt hatte, floh sie bei Nacht und Nebel.“.

„Ich nehme an, ihr könnt mir nicht sagen, wohin…“, seufzte Bai resignierend.
„Nun, Quarud Shilbaz hätte nicht fünftausend Goldstücke für ihre Ergreifung ausgesetzt, wenn ihr Aufenthaltsort bekannt wäre“, sagte Kitano und leerte seinen Kelch. „Ihre Spur endete im Hafen; niemand weiß, wohin sie die Segel gesetzt hat.
Doch wenn sie klug ist, kehrt sie Ganiordaes für ein paar Monate den Rücken. Shilbaz’ gierige Kopfgeldjäger durchkämmen mittlerweile jedes schäbige Fischerdorf entlang der Küste nach ihr.“.
Bai schob den noch halb gefüllten Teller von sich.
Der Appetit war ihm vergangen.
„Wie viel Zeit ist seit ihrer Flucht verstrichen?“, fragte er.
„Zehn Tage“, antwortete Kitano und wischte sich mit einer seidenen Serviette Honigsoße von den wulstigen Lippen.
„Mittlerweile könnte sie überall sein…“.

Eine Stunde später – die Finsternis war mittlerweile vollends hereingebrochen – saßen die drei Gefährten gemeinsam mit Renski in der Passagierkabine einer Kutsche, die durch die bunt beleuchteten Straßen Glazurias rollte.
Terzon hatte sich umgezogen und trug nun eine geschwärzte Lederrüstung.
Rahne schaute durch eines der Fenster dem bunten Treiben entlang der Straße zu und betrachtete die beleuchteten Fassaden, während Bai missmutig auf den Boden starrte.
Seit dem Abendessen hatte sich die Laune des Ork sichtlich verschlechtert und selbst der bestens gelaunte Terzon, der genau wie am Vorabend auf dem Weg zum Silbernen Goblin eine nervöse Euphorie an den Tag legte, verzichtete darauf, Bai anzusprechen.
Vor dem nördlichen Stadttor versperrten Männer der Stadtwache der Kutsche den Weg, doch als sie das Wappen des Handelskonsuls – ein Lindwurm, der sich um eine Waage windet – erblickten, winkten sie das Fuhrwerk vorbei, ohne einen Blick auf die Insassen zu werfen.
Als sie Glazuria hinter sich ließen, wurde die Kutsche vom Dunkel der Nacht verschluckt.
Durch die schaukelnde Petroleumlampe, die die Kabine erhellte, war draußen kaum etwas zu erkennen.
Schweigend saßen die Männer da und dachten an die Aufgabe, die vor ihnen lag.
Renski schwieg ebenfalls und starrte ins Dunkel der Nacht hinaus.
Manchmal hatte Rahne das Gefühl, als würde die geheimnisvolle Frau ihre Spiegelbilder in der Scheibe mustern, anstatt nach draußen zu blicken.
Schließlich ertönte ein Klopfen vom Kutschbock und einen Augenblick später hielt die Kutsche an.
„Ihr seid nun fast da“, sagte Renski und brach das Schweigen.
„Folgt dem Fußweg, der von der Straße abzweigt und nach kurzer Zeit werdet ihr den Friedhof erreichen.
Kreshhs Informanten vermuten, daß sich die Piraten in der Kapelle einquartiert haben. Sie ist nicht zu übersehen. Wenn ihr das Diadem an euch gebracht habt, folgt der Straße zurück zur Stadt. Ich werde euch außerhalb der Sichtweite des Friedhofs erwarten.“.
Renski schaute den Männern prüfend ins Gesicht, bis alle mit einem Nicken bestätigten, ihre Worte zur Kenntnis genommen zu haben.
Dann öffnete sie die Tür der Kabine.
„Viel Glück!“, flüsterte sie, als die drei Gefährten hinaus sprangen und in der Finsternis verschwanden.

Die Gefährten folgten dem ausgetretenen Pfad, der eine Anhöhe hinauf führte.
In der Ferne hörten sie das Rauschen der Brandung, ansonsten umgab sie Stille. Lediglich der gelegentliche Ruf eines Nachtvogels und das Rascheln von Tieren im Gebüsch waren – neben dem Klang ihrer Schritte – zu hören.
Der Hang, den sie hinauf stiegen, war mit dichten Ginsterbüschen und knorrigen Zedern bewachsen, die in den nachtschwarzen Himmel ragten.
Hier – außerhalb des Talkessels, in dem Glazuria lag – war es angenehm kühl.
Eine erfrischende, salzige Brise wehte vom Meer hinüber.
Der Himmel war nun von dichten Wolken bedeckt, zwischen denen nur gelegentlich einer der Monde hervorschaute.
Rahne musste aufpassen, in der Dunkelheit nicht zu stolpern, während Terzon und der Ork zügig voran schritten, als würde der Mangel an Licht ihnen keinerlei Schwierigkeiten bereiten.
Rahne wusste, daß Orks über bessere Augen verfügten, als Menschen, doch die Sicherheit mit der Terzon voran ging, verblüffte ihn.
Er erinnerte sich, wie sein Gefährte am Vorabend sich ohne Schwierigkeiten in dem stockdunklen Treppenhaus zurecht gefunden hatte und er grübelte, wie der Mann dazu in der Lage sein konnte.
Nutzte er Magie? Bisher hatte Terzon keinen Hinweis darauf gegeben, daß er der arkanen Künste mächtig war. Möglicherweise verbarg er sie nur…
Rahne kannte schließlich aus eigenen Erfahrungen, daß es von großem Nutzen war, derartige Talente besser für sich zu behalten.
Als Lunaris durch ein Loch in der Wolkendecke brach, wurde ihre Umgebung in silbriges Licht getaucht.
Nun konnte auch Rahne besser sehen und er entdeckte zwischen den Bäumen und Büschen eine niedrige Mauer aus Feldsteinen, die die Kuppe der Anhöhe zu umgeben schien. Terzon bedeutete den Männern sich leiser zu bewegen und so schlichen die Gefährten vorwärts, bis sie schließlich die Mauer erreichten.
Ein schmiedeeisernes Tor, das rostig in den Angeln hing, versperrte nur notdürftig den Zugang zu dem Friedhof, der sich jenseits der Mauer erstreckte.
Es war auf den ersten Blick zu erkennen, daß der Totenacker von den Bewohnern Glazurias schon seit Jahren nicht mehr benutzt wurde.
Renski hatte auf der Fahrt berichtet, daß die Purpurpocken, die in Glazuria schrecklich gewütet hatten, die Anlage eines größeren Friedhofs südlich der Stadt nötig gemacht hatten und der nördliche Totenacker seitdem sich selbst überlassen wurde.
Die Grabsteine waren verwittert und etliche hatten sich zur Seite geneigt oder waren umgestürzt. Büsche und Rankengewächse hatten sich zwischen den Gräbern ausgebreitet und überwucherten nun einen großen Teil der steinernen Grabmähler.
In einiger Entfernung schimmerte das Dach einer kleinen Kapelle im bleichen Mondenschein.
Die Männer duckten sich im Schutze der Mauer und schauten zu dem Bauwerk hinüber, doch weder Licht noch Bewegung waren zu erkennen und das Gebäude machte nicht den Anschein, als würde jemand darin hausen.
„Lasst uns den Friedhof umrunden“, flüsterte Terzon, „nicht daß sich irgendwo Piraten herum treiben, die uns später in den Rücken fallen.“.

Als Rahne sich seinem Gefährten zuwandte, um ihm zuzustimmen, zuckte der Thalisier vor Schreck zusammen.
Terzons Haut hatte eine tiefschwarze Farbe angenommen und war nun kaum von der dunklen Lederrüstung, die den Großteil seines Körpers bedeckte, zu unterscheiden.
Lediglich die weißen Skleren seiner Augen und seine Silhouette waren in der Dunkelheit noch zu erkennen. Der geheimnisvolle Mann bot einen gespenstischen Anblick.
„Netter Trick“, flüsterte Bai, der die Veränderung nun ebenfalls bemerkt hatte, ohne daß seiner Stimme Verwunderung oder irgendeine andere Regung anzumerken war.
Terzon schenkte dem Ork ein gespenstisches Lächeln und begann, im Schutz der Mauer weiter zu schleichen.
Bai folgte ihm und auch Rahne gelang es, den Schreck und die Verwirrung abzuschütteln und den beiden Männern leise zu folgen.
Sie folgten der Mauer nordwärts bis diese gen Westen abbog.
Als die Gefährten diese Richtung einschlugen, wurde das Tosen des nahen Meeres lauter und sie schmeckten Salz auf ihren Lippen.
Die ganze Zeit behielten sie die Kapelle im Auge, doch dort regte sich nichts.
Schließlich endete die Mauer jäh am Rande einer Steilküste.
Rahne wurde schwindelig, als er vorsichtig über den Rand in die Tiefe blickte.
Die Küste fiel mehrere Dutzend Meter senkrecht in die Tiefe ab, wo sich das Meer schäumend an felsigen Klippen brach. Dahinter erstreckte sich das finstere und aufgewühlte Gwandalische Meer bis zum Horizont.
Der zunehmende Wind pfiff ihnen um die Ohren, als Terzon mit einem Satz über die niedrige Mauer sprang, die höchstens als Schutz vor wilden Tieren angelegt war, aber Eindringlinge nicht aufzuhalten vermochte.
Jene, die den Friedhof ursprünglich angelegt hatten, hatten es nicht für notwendig befunden, den Totenacker an der Meerseite zu begrenzen, so daß die Gefährten nun am Rande der Steilküste entlang schlichen und versuchten, sich hinter Büschen und Grabmählern zu verbergen.
Auch aus dieser Richtung sah die Kapelle einsam und verlassen aus.
Nachdem sie der Küste südwärts gefolgt waren, trafen sie wieder auf die moosbewachsene Mauer, der sie in Richtung Osten folgten, bis sie das schmiedeiserne Tor erkennen konnten.
Mittlerweile hatte der Wind aufgefrischt und es begann zu regnen.
Dicke Tropfen prasselten auf sie nieder und der Regen verwandelte sich binnen weniger Augenblicke in einen Wolkenbruch.
In der Ferne grollte Donner und gelegentliche Blitze tauchten die Kapelle, der sie sich nun vorsichtig näherten, in grelles Licht.

Als sie das kleine Gebäude erreichten, waren sie schon vollkommen durchnässt und froh, im Schutze der Mauern Zuflucht vor dem heulenden Wind zu finden.
Die Kapelle bestand aus drei kleinen Flügeln und einem gedeckten Kuppeldach. An vielen Stellen hatte der Meerwind Schindeln gelöst und Teile des Dachstuhls entblößt.
Der Putz an den Wänden war rissig und an manchen Stellen gänzlich verschwunden, so daß das nackte Mauerwerk zu erkennen war.
Hohe, bunte Bleiglasfenster waren in die Wände der Flügel eingelassen.
Sie waren dunkel und man konnte erkennen, daß kein Licht im Inneren der Kapelle brannte.
Ob die Informanten des Konsuls sich geirrt oder die Piraten sich ein neues Versteck gesucht hatten?
Die Männer schlichen einmal um das Bauwerk herum, doch auch auf den anderen Seiten war kein Zeichen von Bewohnern zu erkennen.
Schließlich begaben sie sich zu der hölzernen Flügeltür, die ins Innere der Kapelle führte.
Der Boden vor der Kapelle war vom prasselnden Regen schon völlig aufgeweicht, so daß jede eventuelle Spur, die auf Bewohner des Gemäuers hätte hinweisen können, längst verschwunden war.
Über dem Eingang der Kapelle war ein verwittertes Relief zu erkennen, das die Symbole Ozuuls – einen Totenschädel und eine Sanduhr – zeigte.
Unbemerkt von den anderen schloss Rahne für einen kurzen Moment die Augen; eine Geste, die Anhänger des Totengottes als stillen Gruß an ihren Schutzpatron entrichteten.
Terzon untersuchte derweil die Tür und fand, daß sie offen war.
In stillem Einverständnis zückten die Männer ihre Waffen.
Keiner von ihnen zog eine Schusswaffe, denn sie wollten so lange wie irgend möglich den Schutz der Heimlichkeit wahren.
Die drei Gefährten traten in eine dunkle, leere Eingangshalle, von der ein Gang tiefer ins Innere der Kapelle führte.
Es herrschte Grabesstille im Inneren des Gemäuers und die Männer konnten nur ihren eigenen Atem und das Prasseln des Regens hören.
Sie verzichteten darauf, Licht zu machen, denn die Blitze die draußen immer wieder zuckten genügten selbst Rahne, um in der dunklen Halle etwas erkennen zu können.
Leise schlichen sie den Gang entlang. Von diesem gingen zwei Türen ab, die in leere Räume führten, die – bis auf steinerne Sockel zum Aufbahren von Toten – keinerlei Mobiliar aufwiesen.
Der aufmerksame Terzon erkannte jedoch, daß der Boden in diesen Nebenräumen mit einer dicken Staubschicht bedeckt war; etwas, was in der Eingangshalle und dem anschließenden Flur nicht zu sehen war.
Terzon wertete dies als sicheres Zeichen dafür, daß die Kapelle bewohnt war oder bis vor kurzem bewohnt wurde. Mit dem Prickeln der Nervosität im Nacken schlich er weiter; die Gefährten folgten ihm dichtauf.
Der Gang führte zu einer weiteren Tür, hinter der der Altarraum der Kapelle lag.
Einige Stufen führten zu einem einfachen, schmucklosen Altar hinauf, der – wie es in den meisten Friedhofskapellen des Reiches üblich war – keiner bestimmten Gottheit geweiht war.
In Ganiordaes, einem Reich das großen Wert auf Religionsfreiheit legte, fanden die Anhänger unterschiedlichster Götter in Eintracht ihre letzte Ruhe auf den Totenäckern. Es existierten nur wenige Friedhöfe, die ausschließlich den Anhängern eines bestimmten Gottes geweiht waren, wie es Rahne aus seiner Heimat Vandelari kannte.
Die Männer beachteten die Ausstattung des Altarraums kaum, denn in dessen Mitte sahen sie etwas, das ihre Aufmerksamkeit fesselte.
Eine der Steinplatten, die den Boden des Raums bedeckte, war leicht verschoben, so daß eine darunter liegende Öffnung zu erkennen war, aus der Licht drang.
Es war nur ein Spalt und der Lichtschein nicht mehr als ein Schimmer, doch es war ein sicherer Hinweis, daß ihre Befürchtungen sich nicht bewahrheiteten und die Piraten sich noch immer hier versteckten. So leise wie möglich schoben Bai und Terzon die Steinplatte zur Seite und legten so eine Treppe frei, die in die Tiefe führte.

Lautlos und auf Geräusche lauschend schlichen die Männer die Stufen hinab, bis sie ein Gewölbe betraten, das als Gruft zu erkennen war.
Unbemerkt von den Gefährten hatte Terzons Haut wieder ihre gewohnte Farbe angenommen.
Mehrere steinerne Särge waren an die Wände geschoben worden, um Platz zu schaffen, doch von den vermeintlichen Bewohnern des Gewölbes war nichts zu sehen.
Eine schwere Holztür war in der nördlichen Wand zu sehen und Richtung Süden erstreckte sich das Gewölbe um eine Ecke herum.
Dann stieg ihnen ein Duft in die Nase, der ihnen vertraut war aber gleichzeitig vollkommen fehl am Platz wirkte; der Duft von Essen.
Bai schaute vorsichtig um die Ecke am Südende des Gewölbes und sah eine kleine Feuerstelle, über der ein Topf hing. Der Ork trat näher und sah, daß eine durchaus gut riechende Fischsuppe in dem eisernen Topf köchelte.
Schnell huschte er zu seinen Kameraden zurück und erzählte flüsternd von dieser merkwürdigen Entdeckung. Verwundert schauten die Männer einander an.
Die Menge in dem Topf war groß genug, um mindestens ein halbes Dutzend Männer zu sättigen, doch es war kein Laut zu hören; ganz so, als wären die Piraten ausgeflogen.
Doch hätten die Seeräuber ihr Nahen bemerkt und wären geflohen, wäre ihnen das sicher nicht verborgen geblieben; es sei denn, die Kapelle hatte einen weiteren, geheimen Ausgang.
Nichts in dem Gewölbe deutete auf eine überstürzte Flucht hin.
Mit gezogenen Waffen versteckten sich die Gefährten hinter einem der steinernen Särge. Sollten die Piraten sich tatsächlich hinter der geschlossenen Tür befinden, würde sicherlich bald jemand auftauchen und nach der Suppe sehen.

Doch schon nach kurzer Zeit wurde das Warten und Lauern nervtötend. Schließlich schlich Terzon aus dem Versteck hervor und lauschte vorsichtig an der Tür. Stille.
Es erschien ihm unwahrscheinlich, daß eine ganze Gruppe Piraten sich auf der anderen Seite befand, ohne daß etwas zu hören war.
Möglicherweise waren die Katakomben unter der Kapelle weitläufiger als angenommen oder die Seeräuber waren tatsächlich geflohen.
Terzon überzeugte sich mit einem kurzen Blick, daß seine Kameraden bereit waren und öffnete dann leise die unverschlossene Tür.
Licht drang durch den Spalt, doch kein Laut war zu hören.
Als Terzon die Tür weiter öffnete, drang ihm ein merkwürdiger, leicht unangenehmer Geruch in die Nase.
Auch Rahne rümpfte die Nase, als er den Duft bemerkte und warf Bai einen leicht verunsicherten Blick zu.
Rahne kannte diesen Geruch. Er erinnerte ihn an die Schlachttage in dem Kloster, in dem er aufgewachsen war. Blut…

Terzon machte einen Schritt in den Raum und sah sich einem schrecklichen Anblick gegenüber.
Auf provisorischen Pritschen, die an den Wänden aufgereiht standen, lagen die leblosen Körper von acht Menschen – allesamt Gwandalier – und Hobgoblins.
Sie trugen zusammengewürfelte, geflickte und verdreckte Kleidung, sowie Entermesser an den Gürteln. Die Toten trugen Bärte, ausgeblichene und laienhaft gestochene Tätowierungen und hatten eine zerzauste und verwegene Erscheinung.
Es waren eindeutig die Piraten, nach denen sie suchten.
Jedem von den Männern hatte man die Kehle durchgeschnitten und sie lagen in Lachen ihres eigenen Blutes, die sich auf den Strohmatratzen und unter den Pritschen ausbreiteten. Rahnes Augen weiteten sich als er das Blutbad erblickte.
„Bei den Göttern…“, flüsterte er stammelnd.
Bai, der die Szenerie betrachtete, ohne eine Regung zu zeigen, ging an seinen schockierten Gefährten vorbei und beugte sich über eine der Leichen.
„Man hat ihnen die Kehle durchgeschnitten“, sagte er und betrachtete die klaffende Schnittwunde am Hals der Leiche, bevor er seinen Blick über den Rest des Raumes schweifen ließ.
„Einen Kampf scheint es nicht gegeben zu haben“, fügte er hinzu und nun sahen auch die beiden anderen Männer, daß es – bis auf die sich ausbreitenden tiefroten Pfützen – keine Blutspritzer oder andere typische Zeichen eines Kampfes gab.
Andere Verletzungen außer den tödlichen Schnitten waren an den Leichen nicht zu erkennen und auch das spärliche Mobiliar – mehrere alte Seekisten sowie ein Tisch und mehrere Stühle – standen ordentlich an ihrem Platz.
Hätte es tatsächlich einen Kampf gegeben, selbst gegen einen übermächtigen Gegner, wäre angesichts des beengten Raumes kaum zu vermeiden gewesen, daß irgendwas zu Bruch geht.
Bai kniete sich nieder und strich mit der Fingerspitze durch den vergossenen Lebenssaft.
„Das Blut ist noch warm!“, erklärte er, „sie können noch nicht lange tot sein.“.
„Vielleicht hat man sie im Schlaf getötet…“, stotterte Rahne.
„Möglich“, räumte Terzon ein, „aber unwahrscheinlich. Man hängt doch keinen Topf Suppe übers Feuer und legt sich dann kollektiv schlafen!“.
Ein Nicken der Gefährten bestätigte Terzon, daß der Einwand berechtigt war.

Langsam durchquerte Bai den Raum und näherte sich einer weiteren Tür am Kopfende des Raumes.
Die Tür war unverschlossen und als der Ork den Raum betrat, sah er sich einer kleinen Kammer gegenüber, die außer einem Schreibtisch samt Stuhl und einer Pritsche keine weiteren Möbel enthielt.
Auf der Pritsche lag ein weiterer Toter; ein Gwandalier mittleren Alters mit zerzaustem Bart und narbigem Gesicht.
Auch ihm hatte man die Kehle durchgeschnitten.
Seine toten Augen starrten an die Decke.
„Vermutlich der Kapitän“, sagte Terzon, als er mit Rahne den Raum betrat.
Bai schaute sich um und entdeckte unter der Pritsche eine längliche Seemannskiste, die er hervorzog. Mit dem Dolch brach er das einfache Schloss auf und durchwühlte den Inhalt, während Rahne sich den Schreibtisch ansah.
Neben einem Tintenfass samt Federkiel und mehreren Seekarten ganiordischer Gewässer fand er ein in speckiges Leder gebundenes Buch, welches mehrere datierte Einträge und Listen enthielt.
Obwohl Rahne dem Gwandalischen nicht mächtig war, vermutete er, daß es sich um das Logbuch des Piratenkapitäns handelte.
„Das gefällt mir alles nicht…“, murmelte er.
„Was meint ihr damit, Borus?“, fragte Terzon, während Bai einen Haufen muffiger Kleider und einen Beutel mit einigen Gold- und Silbermünzen zutage förderte.
Rahne verstaute das Logbuch in seiner Tasche.
Möglicherweise enthielt es einen Hinweis auf einen versteckten Schatz oder sonstige, nützliche Informationen. Dann wandte er sich seinen Begleitern zu.
„Wer glaubt ihr, hat diese Männer umgebracht?“, fragte er.
Terzon zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht ein gieriger Pirat, der die Beute für sich wollte“, mutmaßte er.
„Ich habe schon oft davon gehört, daß solche Vorfälle unter Seeräubergesindel keine Seltenheit sind. Wo ist das Diadem?“.
„Hier ist es nicht“, antwortete Bai und gab der Seekiste einen angewiderten Tritt.
Terzon wirkte enttäuscht.
„Hier ist eine verschlossene Schublade!“, sagte Rahne und deutete auf den Schreibtisch. Mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen trat Terzon vor und schob den jungen Thalisier sanft beiseite.
Er holte ein Lederetui hervor, das mehrere seltsam geformte Metallstifte und Drähte enthielt, die entfernt an Schlüssel erinnerten.
Bai erkannte darin das typische Werkzeug eines Einbrechers und ein neues Mosaik fügte sich in sein Bild von dem geheimnisvollen Mann.
Mit einigen geübten Handgriffen hantierte Terzon an dem kleinen Schloss, das schließlich mit einem Schnappen aufging.
Vorsichtig zog er die Schublade auf und fand darin eine flache, mit blauem Samt überzogene Schatulle vor, die das Lindwurm-Wappen des Hauses Kreshh zeigte.
Terzon öffnete einen kleinen Hakenverschluss und schaute hinein.
Ein Lächeln breitete sich auf seinen Zügen aus, als er den Inhalt seinen Gefährten präsentierte.
Im Schein der Petroleumlampe schimmerte das Diadem mit den schwarzen Onyxen.
Es gab keinerlei Zweifel daran, daß dies das Schmuckstück war, das der Handelskonsul so sehnsüchtig vermisste.
Es glich in allen Details der Zeichnung, die Renski ihnen gezeigt hatte.
„Wunderbar!“, frohlockte Terzon, „einfach verdientes Geld!“.
„Das ist eine Falle!“, flüsterte Rahne, der jetzt zusehends beunruhigt wirkte.
„Eine Falle?“, fragte Terzon skeptisch, „wie kommt ihr darauf? Wer sollte uns hier eine Falle stellen?“.
Auch in Bai breitete sich Nervosität aus.
„Borus hat Recht!“, sagte der Ork, „hier stimmt was nicht! Wieso sollte ein Pirat seine Kameraden umlegen und sich dann ohne den wertvollen Schatz aus dem Staub machen? Und überhaupt; wie diese Männer zu Tode gekommen sind! Das ist alles äußerst seltsam.“.
„Ihr habt Recht“, musste Terzon eingestehen, dessen Lächeln nun einem Anflug von Besorgnis gewichen war, „wir sollten besser verschwinden!“.
Eilig verließen die Männer das Gruftgewölbe.
Die Kapelle war noch immer finster und verlassen.
Abgesehen von dem Prasseln des Regens herrschte Stille.

Leise aber zügig eilten die Männer auf die Tür des Gemäuers zu, als sie plötzlich hinter sich ein Geräusch vernahmen; ein metallenes Klicken.
Die Männer wirbelten herum und sahen sich acht Männern in schwarzen Mänteln gegenüber, die mit erhobenen Militärflinten aus den Schatten der Eingangshalle traten.
„Im Namen des Erzherzogs!“, rief einer, „lasst eure Waffen fallen! Ihr seid verhaftet!“.
Mit einem Krachen wurde die Eingangstür aufgestoßen und die überraschten Gefährten sahen sich auch dort Männern mit schussbereiten Flinten gegenüber, die auf sie zielten.
Im grellen Schein eines zuckenden Blitzes waren die Silhouetten mehrerer Männer zu erkennen, die sich auf den Stufen vor dem Eingang postiert hatten.
Unter den schwarzen Kapuzenmänteln war die Uniform der Stadtwache von Glazuria zu erkennen.
Die Gefährten wechselten besorgte Blicke.
„Runter mit den Waffen und Hände hoch!“, brüllte der Wächter erneut und wieder war das klickende Geräusch zu hören, das die Männer nun dem Entsichern der Flinten zuordnen konnten.
Angesichts der Übermacht – vor der Kapelle standen mindestens zwölf weitere Stadtwachen – ließen die Männer ihre Waffen fallen und hoben die Hände.
Die Stadtwachen stürmten in die Eingangshalle und umzingelten die drei Abenteurer.
Lampen wurden entzündet und erhellten nun die schmucklose Halle.
„Sieh’ an! Alte Bekannte!“, sagte eine Stimme, die den Gefährten vertraut vorkam.
Hauptmann Lefgyr schob sich durch die Reihe seiner Männer und baute sich vor Rahne, Terzon und Bai auf.
Sein schwarzer Mantel war durchnässt und Regenwasser tropfte von seinem Bart.
„Ich hätte euch gleich in den Kerker werfen lassen sollen“, knurrte der Mann und betrachtete die Gefangenen.
In seinem Blick lag Verachtung.
„Dieses Mal werden euch die Schlampe Renski und der aufgeblasene Konsul nicht zur Hilfe eilen!“, sagte Lefgyr mit einem Unterton der Genugtuung, „dieses Mal wird der Erzherzog euch nicht laufen lassen! Auf euch wartet der Galgen!“.
„Was?!“, entfuhr es dem schockierten Terzon, „was wird uns vorgeworfen?“.
„Als würdet ihr das nicht wissen!“, grollte Lefgyr. „Ihr werdet wegen Piraterie angeklagt!“.
„Piraterie?!?“, rief Bai, „dieser Vorwurf ist lachhaft!“.
„Wir werden sehen, wie viel ihr in den nächsten Tagen zu lachen habt“, antwortete Lefgyr mit kalter, bedrohlicher Stimme, bevor er sich einem seiner Untergebenen zuwandte.
„Nehmt euch sechs Mann und durchkämmt die Kapelle!“, befahl er, „macht kurzen Prozess mit jedem Piraten, der Gegenwehr leistet!“.
Dann wandte er sich einem zweiten Wächter zu: „Ihr fesselt diesen Abschaum und durchsucht sie! Gründlich!“.
Die Wächter salutierten und führten ihre Befehle aus.
Die Männer wurden grob gepackt und von mehreren Wächtern durchsucht.
All’ ihr Besitz wurde ihnen abgenommen und Terzon ärgerte sich, daß sie selbst den kleinen Dolch, den er in einem seiner Stiefel versteckt hatte, fanden.
Anschließend fesselte man ihnen mit eisernen Handschellen die Hände auf den Rücken und legte ihnen Fußfesseln an.
Durch den Vorhang prasselnden Regens konnten die Gefährten sehen, daß sich eine Kutsche mit vergitterten Fenstern, die von zwei Pferden gezogen wurde, schaukelnd der Kapelle näherte.
„Wir sind keine Piraten!“, rief Terzon aufgebracht, „dies ist ein Missverständnis! Wir sind selbst hierher gekommen, um die Seeräuber zur Strecke zu bringen!“.
Lefgyr ignorierte Terzons Worte und blätterte durch die Seiten des Logbuchs, das die Wächter in Rahnes Tasche gefunden hatten.
„Wer von euch ist Terzon?“, fragte Lefgyr und starrte die verdutzten Männer an, „antwortet!“.
„Das bin ich“, sagte Terzon zögerlich, der irritiert war, daß dem Hauptmann sein Name – einer seiner Namen – geläufig war.
„Dieses Buch hier widerspricht eurer Behauptung, Kapitän Terzon!“, knurrte Lefgyr und wedelte mit dem speckigen Buch, „der oberste Richter wird euren Worten angesichts dieses Beweises nicht viel Glauben schenken!“.
„Was?!“, stammelte Terzon.
Er war völlig fassungslos. Was redete der Hauptmann da?
„Seite um Seite habt ihr hier genüsslich eure Schandtaten verewigt!“, brüllte Lefgyr ihn an, „wollt ihr das etwa bestreiten?“.
Mit ausgestrecktem Arm hielt der Hauptmann Terzon das Buch vor die Augen.
…haben heute eine Handelsgaleere des Hauses Kreshh aufgebracht und zwei Dutzend dreckiger Bornesen erschlagen. Es hat sich gelohnt! Wir haben zwanzig Ballen pasadrische Seide, acht Fässer Aprikosenlikör von den Trubonischen Inseln und allerlei andere wertvolle Güter erbeutet; darunter auch eine Schatulle mit wertvollem Schmuck.
Voller Panik starrte Terzon auf die aufgeschlagene Seite.
„Aber…“, keuchte er, doch die Stimme versagte ihm den Dienst.
Eiskalt lief es ihm den Rücken hinab, als er seine eigene Handschrift erkannte.
Der Eintrag war auf den vierten Tag des Kreevaltin datiert und unter dem Datum erkannte er seine eigene, schwungvolle Signatur.
Terzon, Kapitän der Seehure stand dort.
„Das ist unmöglich!“, stammelte er.
„Ihr werdet aus dieser Angelegenheit nur schwerlich wieder hinaus kommen!“, frohlockte Lefgyr.
Der Hauptmann ließ die Seiten des Buches durch seine Finger gleiten.
Seite um Seite war mit dieser Schrift gefüllt; mit Terzons eigener Handschrift!

„Hauptmann, da unten sind nur Leichen!“, meldete ein blasser Wächter, der aus dem Gang geeilt kam, der zum Altarraum führte.
„Allen wurde die Kehle durchgeschnitten! Ein Blutbad!“.
„Eine ehrenwerte Gesellschaft seid ihr!“, sagte Lefgyr, der gerade das funkelnde Diadem betrachtete.
„Ihr wolltet die Beute also nicht mit euren Männern teilen und habt sie umgebracht?“, fragte er.
Terzon antwortete nicht.
Er hatte für den Augenblick jede Hoffnung verloren, daß irgendein Wort ihn aus diesem Alptraum befreien könnte.
„Ein Jammer, daß man euch nur einmal hängen kann!“, knurrte Lefgyr und wandte sich dann seinen Männern zu.
„Sperrt sie in die Kutsche und holt die Pferde. Wir reiten zurück in die Stadt. Dieser Hinweis war ein Volltreffer!“.
„Hinweis?“, stotterte Rahne.
„Allerdings!“, antwortete Lefgyr mit einem zufriedenen Lächeln. „Ich weiß nicht, wer den Boten bezahlte, der die Nachricht über euren Unterschlupf in unser Quartier brachte, aber eines ist sicher: ihr wurdet verraten!“.
Unsanft drängten die Wächter die Gefangenen aus der Kapelle.
Der Regen prasselte auf die Männer hinab, als sie durch den Schlamm des Vorplatzes zu der eisenbeschlagenen Kutsche geführt wurden.

Als Bai seinen Blick über die grimmig dreinblickenden Stadtwachen schweifen ließ, glaubte er plötzlich seinen Augen nicht zu trauen.
In der hintersten Reihe der Wachen, die ein Spalier bildeten, stand Renski in den Gewändern eines Stadtwächters.
Mit ihrem typischen, spöttischen Lächeln schaute sie Bai unter ihrer Kapuze heraus an.
Bai wollte gerade den Mund öffnen um sie anzurufen und sie zur Rede zu stellen, als die Frau sich abwendete.
Als sie sich zurückdrehte, starrte Bai in das faltige Gesicht eines alten und hageren Stadtwächters mit einem spärlichen Kinnbart.
Der Ork war so perplex, daß er stolperte und der Wächter, der ihn führte, ihn packen musste, damit er nicht in den Schlamm stürzte.
Wie war das möglich?
Spielten seine schockierten Sinne ihm einen Streich?
Doch der alte Wächter zwinkerte ihm zu und verzog die Lippen zu dem ihm bekannten Lächeln, das auf den Zügen des Alten merkwürdig grotesk wirkte.
Bai starrte den Mann mit offenem Mund an, bis er schließlich auf ein Trittbrett und dann ins Innere der Kutsche gestoßen wurde.
„Renski“, flüsterte er, als er unsanft neben Terzon und Rahne auf eine Holzbank geschubst wurde, „sie ist hier! Sie ist nicht, was sie zu sein scheint! Sie hat ihre Gestalt ver…“.
Weiter kam er nicht.
„Maul halten!“, brüllte einer der drei Wächter, die ihnen gegenüber Platz genommen hatten und stieß dem Ork den Schaft seiner Flinte in die Rippen, so daß ihm die Luft wegblieb und er sich hustend krümmte.
Die Tür zu der gepanzerten Passagierkabine wurde zugeschlagen und von außen verriegelt.
Lefgyrs Stimme und das Wiehern von Pferden waren zu hören.
Der Hauptmann blaffte Befehle und schließlich setzte sich die Kutsche mit den gefesselten Gefährten und den drei Wächtern schaukelnd in Bewegung.

Die drei Männer saßen schweigend und gefesselt auf der Sitzbank.
Nur eine kleine Laterne erleuchtete die Kabine und die unbewegten Gesichter der drei mit doppelläufigen Militärflinten bewaffneten Wachen, die ihnen gegenüber saßen.
Die Gefährten hingen ihren Gedanken nach und grübelten, in was für eine Situation sie da geraten waren.
Es war offensichtlich, daß entweder Renski oder der Konsul selbst sie der Stadtwache ans Messer geliefert hatten; die Frage war nur warum.
So sehr sie auch grübelten, das ergab keinen Sinn.
Sie befanden sich fast in der selben Situation wie in der, aus der Renski sie befreit hatte; mit dem Unterschied, daß ihnen nicht nur Mord, sondern auch Piraterie vorgeworfen wurde.
Wer profitierte von diesem Verrat?
Wenn wirklich der Konsul oder seine Handlangerin dahinter steckte; was mochten sie damit bezwecken? Warum sollte Kreshh in ihre Mission investieren, um sie dann scheitern zu lassen?
Oder verfolgte die mysteriöse Renski eigene Interessen?
Die verschlossenen Mienen der Wachen und die Stille konnten ihnen keine Antwort auf die Fragen geben.
In Rahne wuchs die Furcht.
Würde man sie wirklich hängen?
Der junge Thalisier verspürte wie sich sein Magen bei dem Gedanken zusammen zog.
Sein nervöser Blick huschte durch den Raum; über die schweigenden Wächter und seine Gefährten, die ähnlich deprimierenden Gedanken nachzuhängen schienen.
Terzon schien sich wieder etwas gefasst zu haben und Bais Miene war unergründlich wie eh und je.
Schließlich fiel sein Blick auf eine kleine, offene Luke an der Kopfseite der Kabine, die vermutlich der Kommunikation mit dem Kutscher diente.
Rahne konnte sehen, daß zwei Männer auf dem Kutschbock saßen.
Ab und an ertönten anspornende Rufe und das Knallen einer Peitsche.
Da kam dem verzweifelten Rahne eine waghalsige Idee und prüfend bewegte er die gefesselten Hände hinter dem Rücken.
Die Handschellen saßen fest, doch die Beweglichkeit seiner Finger wurde dadurch kaum eingeschränkt.
Probeweise vollführte er einige Gesten, während er einen betont abwesenden Gesichtsausdruck aufsetzte und hoffte, daß die Wachen sein Treiben nicht bemerkten.
Es würde schwierig sein, aber unmöglich war es nicht…
Leise begann Rahne die arkanen Worte zu murmeln, während seine Finger die komplizierten Gesten vollführten.
Sein Blick heftete sich auf den Rücken des Kutschers, der durch die Luke zu erkennen war und er wirkte den Schwarmzauber, der ihm bereits bei der Auseinandersetzung im Treppenhaus am vorigen Abend so gute Dienste geleistet hatte.
Das plötzliche Kreischen vom Kutschbock ließ die Wächter zusammenzucken und schickte eine Welle von Hoffnung durch Rahnes Eingeweide.
Durch die Luke sah er das Wimmeln der Spinnen. Er hörte lautes Rufen und sah hektische Bewegungen auf dem Kutschbock.
Die Pferde wieherten und die Kutsche kam merklich ins Schlingern, so daß die Insassen durchgerüttelt wurden.
„Heh, Kutscher, was ist los?“, brüllte einer der Wächter.
„Spinnen!“, schrie eine panische Stimme vom Kutschbock, während das Kreischen in ein qualvolles Geschrei überging.
Plötzlich trat Bai, der zwischen Rahne und Terzon saß, mit den gefesselten Füßen dem ihm gegenüber sitzenden, abgelenkten Wächter mit voller Wucht gegen den Lauf der Flinte.
Polternd fiel die Waffe zu Boden und der Mann griff hektisch danach, während die anderen Wächter vor Schreck die Augen aufrissen.
Bai warf sich vorwärts und schlug der Wache die Stirn ins Gesicht.
Es krachte und Blut spritzte.
Die Kutsche schlingerte erneut und Bai wurde wieder auf seinen Sitz zurück geschleudert.
Niemand der Anwesenden sah, wie Terzons Hände sich auf unheimliche Weise in die Länge zogen und die Handschellen von den Handgelenken glitten.
„Keine Bewegung!“, brüllte der Wächter, der Terzon gegenüber saß und legte auf Bai an, während sein benommener, blutender Nebenmann fast von der Bank rutschte.
Terzons nun freie und völlig normal aussehenden Hände stießen nach vorne und versuchten, die Flinte des Wächters zu packen, doch ein plötzliches Schaukeln ließ ihn daneben greifen.
Ein lauter Schuss, der allen Insassen fast die Trommelfelle zerriss, ertönte und mit einem Schmerzensschrei wurde Terzon zurück auf die Bank geschleudert.
Die Kugel hatte sich tief in seine Schulter gegraben und warmes Blut begann aus der Wunde zu fließen.
Terzon stöhnte vor Schmerz.
Mit einem Rucken kam die Kutsche zum Stehen.
Rufe übertönten das Geschrei des Kutschers, das langsam in ein gequältes Winseln überging.
Bai versuchte erneut, sein gegenüber zu treten, doch der Wächter war, trotz seiner zertrümmerten und blutenden Nase, schneller als der Ork und versetzte Bai einen schmerzhaften Kinnhaken.
„Keiner bewegt sich!“, brüllte der dritte Wächter, der Rahne gegenüber saß und wild mit der Flinte fuchtelte.
Schlüssel ertönten in den Schlössern der Türe und bevor der zornige Bai einen weiteren Angriff wagte, wurde die Tür aufgerissen und sie schauten in die schussbereiten Läufe weiterer Flinten.
Die Wächter packten ihre Gefangenen und zerrten sie aus der Kutsche.
Terzon schrie vor Schmerz, als man ihn an der verletzten Schulter ins Freie zog. Es regnete noch immer in Strömen.
In der Ferne waren bereits die Lichter Glazurias zu erkennen.

„Ein Fluchtversuch!“, meldete einer der Wächter, als Lefgyr herbei ritt und vom Pferd sprang.
Zwei Wachen waren dabei, die verängstigt wiehernden Pferde zu beruhigen.
Ein Stück abseits lag der sich windende Kutscher im Matsch der Straße, während seine Kameraden versuchten, die wimmelnden Spinnen abzuschlagen und die Tiere zu zertreten.
Das Gesicht und die Hände des Mannes waren von den unzähligen Bissen so geschwollen, daß man seine Züge kaum noch erkennen konnte.
Rahne lächelte in sich hinein.
„Magie!“, rief einer der Wächter. „Einer der Gefangenen ist ein Magier!“.
Die drei Gefährten knieten im Schlamm der Straße und fühlten das kalte Metall der Flintenläufe in ihren Nacken.
„Wir sollten sie hier und jetzt aufknüpfen!“, brüllte Hauptmann Lefgyr, als er die vermeintlichen Piraten voller Zorn musterte.
„Knebelt und verschnürt sie!“, befahl er, „keiner von ihnen soll auch nur einen Finger rühren können! Für den Angriff auf Männer des Erzherzogs werden sie sich nun ebenfalls zu verantworten haben!“.
„Vergesst nicht, ihr könnt uns nur einmal hängen!“, presste Terzon mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor.
Die Antwort auf Terzons dreiste Bemerkung war eine schallende Ohrfeige.
Dann packte man sie und führte den Befehl des Hauptmanns aus.
Terzon drückten die Wächter ein zusammengefaltetes Tuch auf die blutende Schusswunde, bevor man auch ihn verschnürte.
Unsanft wurden die Männer wieder in die Kutsche geworfen und drei andere Wächter übernahmen nun die Aufsicht über die Gefangenen.
Wenige Minuten später setzte sich der Gefangenentransport wieder in Bewegung und holperte eilig auf die Stadttore Glazurias zu.

Fortsetzung unter: Kapitel 3 : Unter Schlangen

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