Kapitel 3 : Unter Schlangen

Als die Gefängniskutsche schließlich anhielt und die gepanzerte Tür geöffnet wurde, sahen die Gefangenen den gewaltigen Palast der Gerechtigkeit bedrohlich vor ihnen aufragen. Eine Glocke, hoch oben im zentralen Turm des imposanten Gebäudes, schlug gerade Mitternacht.
Die Kutsche war vor einem Seiteneingang – einer großen, mit Eisen beschlagenen Flügeltür – zum Stehen gekommen. Stadtwachen mit Fackeln flankierten die offene Tür, hinter der sich ein langer, breiter Tunnel, der ohne Mühen die Kutsche in sich hätte aufnehmen können, ins Innere des Gebäudes erstreckte.
Je zwei Wächter eskortierten einen der gefesselten Männer, als sie Hauptmann Lefgyr den Gang hinab folgten.
Die Kugel in Terzons Schulter schmerzte fürchterlich. Ihm war übel und der Blutverlust verursachte ihm Schwindel, so daß seine Bewacher ihn gelegentlich stützen mussten, damit er nicht stürzte.
Mehrere schmalere Gänge, Flure und Treppenhäuser zweigten von dem Tunnel ab und an jeder dieser Abzweigungen war ein Wächter postiert, der salutierte, wenn Hauptmann Lefgyr mit seinem Gefolge vorüber schritt. Schließlich bog der Hauptmann in ein Treppenhaus und betrat eine Wendeltreppe, die in die Tiefe führte.
Je tiefer sie hinab stiegen, um so dicker und wärmer wurde die Luft und Terzon hätte es nicht verwundert, wenn der grimmige Hauptmann verkündet hätte, daß ihr Weg sie direkt in den Feurigen Abgrund führte. Bai schätzte, daß sie sich mindestens drei Stockwerke tief unter der Erde befanden, als die Wendeltreppe endete und sie vor einer schweren, eisernen Tür standen, in die das Wappen der Stadt – eine rote Schlange, die sich um eine goldene Windrose windet – eingelassen war.
Auf das Klopfen des Hauptmanns erschien ein Augenpaar hinter einer schmalen Luke, das die Neuankömmlinge kurz musterte; dann wurden die schweren Riegel der Tür geöffnet.

Nun hatte Terzon tatsächlich das Gefühl, den Abgrund zu betreten.
Die stickige Wärme wich einer feurigen Hitze. In der Luft lag der Geruch nach Kohlen und verbranntem Haar. Die Gefangenen fanden sich in einem großen, fensterlosen Gewölbe wieder, in dem geschäftiges Treiben herrschte. An den Türen standen schweigend Stadtwachen und behielten die Justizbeamten im Auge, die um eine Ansammlung schwerer Schreibtische in der Mitte des Raumes herum wieselten.
An einer Wand, die von Fackeln beleuchtet wurde, hatte man ein Dutzend Gefangene mit eisernen Hand- und Fußfesseln direkt an den grob behauenen Mauerstein gekettet. Einige dieser Männer zeigten deutliche Spuren der Misshandlung; Striemen von Peitschen und Brandwunden bedeckten ihre gefesselten Leiber.
Bai schauderte, als er in einer Ecke einen Hobgoblin sah, der auf eine Streckbank geschnallt war. Zwei Wächter mit schwarzen Tuchmasken, die ihre Gesichter verbargen, betätigten die Winde, die den Leib des Gefangenen über die Schmerzgrenze hinaus streckte, während einer der Beamten – in Begleitung eines Schreibers – ein Verhör durchführte. Die Schreie des Gemarterten hallten durch das Gewölbe. Zwei weitere Folterknechte waren gerade dabei, einen alten Gwandalier von den Ketten an der Wand zu befreien, während ein Dritter ein Becken mit glühenden Kohlen beiseite schob. Ein Beamter stand mit enttäuschtem Blick daneben und beobachtete die Arbeit seiner Handlanger. Schlaff und leblos war der Körper des Mannes, als sie ihn davon schleppten. Ob der Mann, dessen ausgemergelter Körper mit den Spuren glühender Kohlen übersäht war, das Bewusstsein oder gar sein Leben verloren hatte, vermochte der Ork nicht zu erkennen.
Bai Khordor war erschrocken über diese düstere Seite seines Heimatlandes, das sich so gern als Nation des Fortschritts, der Toleranz und Menschlichkeit darstellte.

„Wen bringt ihr mir da?“, ertönte die Stimme eines hageren Beamten mit harten Zügen und kalten Augen, der den Hauptmann mit einem Handschlag begrüßte.
„Piraten, Kerkermeister!“, antwortete Lefgyr und deutete auf seine Gefangenen. „Dies sind die übrigen Männer von der Seehure, die dem Geschwader beim ersten Zugriff durch die Lappen gingen.“, erklärte Lefgyr. „Wir haben sie in ihrem Versteck auf dem Nord-Friedhof gefasst.“.
Dann deutete er auf Terzon. „Dieser Mann ist ihr Kapitän; er nennt sich Terzon. Die beiden anderen sind vermutlich einfache Matrosen. Sie haben uns die Arbeit abgenommen und dem größten Teil ihrer Kameraden selbst die Kehle durchgeschnitten.“.
Der Kerkermeister nickte, während sein Blick kurz über die Neuankömmlinge huschte. Das Kratzen einer Feder auf Pergament war zu vernehmen, als einer der Beamten schweigend Notizen machte.
„Wie lautet die vorläufige Anklage?“, fragte der Kerkermeister. An einem Gürtel, der sein Gewand zusammen hielt, baumelte eine aufgerollte Peitsche.
„Piraterie!“, antwortete Lefgyr, „Mord in mindestens neun Fällen und Widerstand gegen die Exekutive. Zwei meiner Männer wurden verletzt; einer davon schwer.“.
Unbewegt nahm der Kerkermeister die Informationen zur Kenntnis.
„Beweise?“.
„Für den Angriff auf Männer des Erzherzogs gibt es mehrere Zeugen. Als Beweise für die übrigen Anklagepunkte existieren ein ausführliches Logbuch und Beutestücke.“, antwortete Lefgyr und schob das Buch und die Schatulle mit dem Diadem über den Tisch. Der Kerkermeister betrachtete das Wappen des Hauses Kreshh.
„Sie haben die Kreshh bestohlen?“, fragte der Beamte und warf den Männern einen ungläubigen Blick zu. „Leiden diese Dummköpfe an Todessehnsucht?“.
„Möglich.“, brummte Lefgyr. Der Kerkermeister schüttelte verständnislos den Kopf. Einer der Wächter schleppte den restlichen Besitz der Gefährten heran.
„Hier sind weitere Gegenstände, Waffen und magisches Zeug. Es muss noch geklärt werden, ob diese Dinge ebenfalls Teile der Beute sind.“.
„Katalogisiert das.“, forderte der Kerkermeister seinen Schreiber auf und wendete sich dann wieder Lefgyr zu. „Sind sie geständig?“.
„Keiner!“, knurrte der Hauptmann und warf seinen Gefangenen einen missbilligenden Blick zu. „Der Kapitän streitet alles ab; die beiden anderen haben keine Aussage gemacht.“.
„Wie zu erwarten.“, seufzte der Beamte und wandte sich dann einem anderen Gehilfen zu. „Informiert den Obersten Richter und beraumt eine Anhörung an!“.
Der Mann nickte und eilte davon.

Der Kerkermeister winkte zwei seiner Wächter herbei.
„Sperrt sie ein und benachrichtigt den Priester.“. Er deutete auf Terzon. „Dieser Gefangene ist verletzt. Er soll dafür sorgen, daß er zumindest verhandlungsfähig ist.“. „Seid vorsichtig!“, warf Lefgyr ein, „unter ihnen ist ein Hexer oder Magier! Sie haben versucht, sich mittels Zauberei zu befreien!“.
„Das wird ihnen hier kaum etwas nützen!“, antwortete der Kerkermeister und klatschte in die Hände.
„Wachen! Schafft die Gefangenen in die präparierte Zelle!“.
Mit einem boshaften Lächeln wandte er sich dann den gefesselten und geknebelten Gefangenen zu.
„Eure Magie wird sich an unseren Zellen die Zähne ausbeißen, ihr Bastarde! Willkommen im Palast der Gerechtigkeit! Ich bin sicher, daß ihr bald die Bekanntschaft unseres Henkers machen werdet!“.

Bai, Terzon und Rahne mussten unter den wachsamen Blicken der Wachen ihre Kleider ablegen und graue Hosen und Hemden aus grobem Leinen anlegen.
Terzon musste vor Schmerz die Zähne zusammen beißen und konnte sich nur mit Hilfe der Wächter umziehen.
Der Kerker, in den die Gefangenen anschließend geleitet wurden, bestand aus drei fensterlosen Zellen, die an einen Wachraum grenzten. Ein beißender Gestank nach Fäkalien, Schweiß und Schmutz drang ihnen entgegen, als sie den Wachraum betraten.
Die Mittlere der drei Zellen war die größte und in ihr drängten sich mindestens zwanzig Gefangene; allesamt abgerissene und heruntergekommene Männer.
Die meisten waren Menschen – Gwandalier und Bornesen – aber auch einige Hobgoblins und Merkanier waren darunter. Viele dieser Gefangenen trugen schmutzige Verbände oder wiesen Wunden auf, die sie vermutlich in Verhören davon getragen hatten. Die meisten hockten in Grüppchen auf dem mit Stroh bedeckten Boden oder den wenigen Pritschen zusammen.
Mit gleichgültigen, hoffnungslosen Blicken musterten sie die drei Neuankömmlinge, die in eine der beiden kleineren, leeren Zellen geführt wurden.
Terzon, Rahne und Bai wurden die Fesseln und Knebel abgenommen, bevor die Wächter sie verließen und die Gittertüren zusperrten.
Auch diese Zelle war mit stinkendem Stroh ausgelegt.
An den Wänden standen drei harte Pritschen und in einer Ecke ein hölzerner Eimer, der vermutlich dem Verrichten der Notdurft diente.
Die Wand, die an den Wachraum grenzte, bestand auf ihrer gesamten Länge aus Gitterstäben, so daß sich den Gefangenen keine Möglichkeit bot, sich den Blicken der Wachen zu entziehen.
Einen Schmerzlaut unterdrückend ließ der blasse Terzon sich auf eine der Pritschen nieder, während Bai sich mit einem resignierenden Seufzen auf eine andere setzte.
Rahne sah sich um; voller Hoffnung, eine Möglichkeit zur Flucht zu entdecken, doch seine Hoffnung wich bald Ernüchterung.
Die schwere Eisentür, die aus dem Kerker führte, war der einzige sichtbare Ausgang. Es gab nicht mal Fenster, um zu erkennen, ob draußen Tag oder Nacht herrschte.
Die Luft war dick und verbraucht.

Der junge Thalisier wandte den Wachen den Rücken zu und begann leise, einen Zauber zu wirken, doch enttäuscht musste er feststellen, daß der Kerkermeister Recht hatte. Die einstudierten Worte und Gesten, die sonst das Prickeln arkaner Magie weckte, die – einer unsichtbaren Energie gleich – seinen Körper durchströmte, zeigten keinerlei Wirkung. Die mächtigen Worte und komplizierten Bewegungen verpufften zu einer wirkungslosen Aufführung.
Rahne fühlte sich wie ein kleiner Junge, der Zauberer spielte und sinnlose Worte plapperte und dazu theatralisch herumhampelte.
Er konnte ein enttäuschtes Seufzen nicht unterdrücken.
Vermutlich war diese Zelle speziell für Männer wie ihn hergerichtet worden.
Er wusste, daß es aufwändige Mittel und Wege gab, die arkanen Energien zu unterdrücken, obwohl er dergleichen nie am eigenen Leib erfahren hatte.
Enttäuscht und mit wachsender Furcht setzte er sich neben Bai auf die Pritsche. Besorgt betrachtete er den verletzten Terzon, der blass und schwitzend an die graue Decke starrte. Gelegentlich kreuzten sich seine Blicke mit denen anderer Gefangener aus der Nachbarzelle. Ihre Blicke waren leer und gleichgültig.
Was auch immer diesen Männern während ihrer Gefangenschaft widerfahren war, es hatte sie gebrochen und sie jeglicher Hoffnung beraubt; ein Schicksal, das vermutlich auch ihnen bevorstand.
Was für ein Schlamassel…

Nach einiger Zeit kamen Wächter in Begleitung eines hageren Gwandaliers mittleren Alters, der eine lange, lederne Robe trug, die mit einem Schlangenmuster geprägt war. Von seinem Hals baumelte ein grünlich schimmerndes Amulett, das eine Schlange darstellte, die sich in den eigenen Schwanz biss und so einen Ring bildete.
Bai erkannte den Mann als einen Priester Barnazuls, der Schlange der Zeit.
Der Barnazul-Kult war die anhängerreichste Religion in den Reichen am Gwandalischen Meer und stellte dort selbst den Kult um Krom, dem höchsten Gott der Menschen, in den Schatten.
Barnazul war die Göttin der Zeit, des Raums und des Wandels.
In ihr vereinten sich Erneuerung und Vergänglichkeit. Ihre Anhänger glaubten, daß sie das Fundament des gesamten Multiversums bildete.
Ohne ihre Macht gäbe es kein Leben und nicht einmal die Götter könnten existieren; und wenn sie es könnten, so wären sie zur Bedeutungslosigkeit verdammt.
Nur die Zeit ermöglichte Schöpfung und Verfall, den Aufstieg und Fall von Völkern, Kulturen und Imperien und das Heranwachsen eines Sterblichen von einem schwachen Kind zu einer Persönlichkeit, die das Schicksal von Reichen lenken konnte.
Reptilien waren die heiligen Tiere dieses Kultes, denn wie keine andere Kreatur unter der Sonne symbolisierten sie die das Prinzip der Lehren Barnazuls: Leben in ständigem Wandel.
Die Priester Barnazuls galten als weise, mächtige Männer.
Der Einfluss des Kultes in den Reichen am Gwandalischen Meer war so gewaltig, daß selbst Nationen wie Ganiordaes sich den Willen ihrer Führer beugen mussten.
Der Gottgeweihte des Ordens – die Große Schlange – war vermutlich der mächtigste Mann des Südens.
Könige, Kaiser und Imperatoren beugten ihr Knie vor seinem Thron im gewaltigen Smaragdtempel von Shembanyor, dem Zentrum des Glaubens.

Der Schlangenpriester beugte sich zu Terzon hinab und fühlte seinen Puls. Aufmerksam betrachteten die Wachen den Verwundeten und die beiden anderen Gefangenen; die Militärflinten schussbereit im Anschlag.
Terzon stöhnte vor Schmerz, als der Priester vorsichtig das von Blut durchtränkte Hemd öffnete.
Die Schulter war geschwollen und gerötet und aus dem Eintrittsloch der Kugel sickerte dunkelrotes Blut.
„Die Kugel muss entfernt werden“, sagte der Priester ohne seinen Patienten eines Blickes zu würdigen, „sonst wird er den morgigen Tag nicht überleben. Bringt ihn in mein Behandlungszimmer!“.
Die Wächter zogen den schreienden Terzon auf die Beine und führten ihn davon.
Ein Hoffnungsschimmer breitete sich auf Terzons Zügen aus, als er abgeführt wurde und er zwinkerte seinen Gefährten zu, die in der Zelle zurück blieben.
Wenn er nur eine Gelegenheit hätte, seine Fähigkeiten zu nutzen, könnte er vielleicht entkommen…
Die Wachen führten Terzon durch mehrere Gänge, bis sie schließlich eine Tür erreichten, auf der das Symbol Barnazuls zu sehen war.
Hinter der Tür lag ein geräumiges Gewölbe, in dessen Mitte ein großer Behandlungstisch stand. An den Wänden standen Regale voller Bücher, Gefäße mit unterschiedlichsten Substanzen und Tinkturen und auch einige Apparatschaften, deren Zweck Terzon unbekannt war. Daneben hingen detaillierte Zeichnungen, die die menschliche Anatomie der Organe und des Skeletts veranschaulichten. Neben dem Behandlungstisch waren auf einem niedrigeren Beistelltisch mehrere medizinische Instrumente – Zangen, Skalpelle und Haken – aufgereiht.
Zwei junge Männer, die ebenfalls ein Schlangengewand aber kein Amulett trugen und die Terzon für Novizen hielt, sprangen bei ihrem Eintreten von ihren Schemeln auf und verneigten sich vor dem Priester.
„Wir haben hier eine Schusswunde“, sagte der Priester, „facht’ das Kohlebecken an und legt die nötigen Instrumente bereit. Wir müssen operieren.“.
Die Wachen legten Terzon auf den Behandlungstisch und zu seinem Ärger begannen sie, seine Gliedmaßen mit Lederriemen an den Tisch zu fixieren.
Auch die Wächter blieben im Zimmer, auch wenn sie zurücktraten, um dem Priester und seinen Gehilfen Platz zu machen.
Terzon hatte gehofft, mit dem Priester allein zu sein.
Ein paar Augenblicke hätten ihm schon gereicht…

Einer der Novizen stopfte dem Verwundeten einen hölzernen Beißkeil zwischen die Zähne. Bewegungslos lag Terzon da; unfähig, selbst den Kopf zu bewegen.
Er hörte das Klappern von Instrumenten und das Pumpen des Blasebalgs, mit dem einer der Novizen das Feuer schürte.
Dann beugten sich die Priester über ihn. Sie hatten sich weiße Tücher vor Mund und Nase gebunden, so daß Terzon nur ihre Augen erkennen konnte.
Mit einer Schere wurde ihm das Hemd vom Leib geschnitten und dann spürte er den ersten Schmerz, als die Wunde mit brennendem Alkohol bepinselt wurde.
Ein glänzendes Skalpell tauchte vor seinen Augen auf und kurz darauf spürte er einen schneidenden Schmerz, der ihm fast die Sinne raubte. Der Verwundete bäumte sich auf, doch sofort waren zwei Wächter zur Stelle, die ihn unsanft auf den Tisch drückten.
„Was für eine Zeitverschwendung!“, murrte der Priester. „Da wird man aus dem Bett geholt um diesem Mann das Leben zu retten, nur damit sie ihn in ein paar Tagen bei bester Gesundheit aufknüpfen können.“.
Die Novizen nickten.
Der Schmerz nahm zu. Tränen liefen Terzon über die Wangen und er grub seine Zähne in den hölzernen Beißkeil.
„Zange!“, befahl der Priester und bekam einen Augenblick später das gewünschte Instrument gereicht.
Terzon wurde für einen Augenblick schwarz vor Augen, als der Priester die freigelegte Kugel herauszog und klirrend in eine Schale fallen ließ. Als einer der Novizen dann Alkohol über die tiefe Wunde goss, verlor Terzon das Bewusstsein.
Als er wieder die Augen öffnete, war einer der Novizen gerade dabei, die Wunde zuzunähen. Er konnte den Priester mit einem blutverschmierten Kittel sehen, der sich in einem Becken die Hände wusch.
Terzon spuckte den hölzernen Keil und ein paar Splitter aus, die zwischen seinen Zähnen steckten. Sein Kiefer schmerzte, doch das war nichts im Vergleich zu den Schmerzen in seiner Schulter.
„Gebt ihm etwas von dem Mohn-Extrakt“, wies der Priester einen der Gehilfen an, ohne Terzon eines Blickes zu würdigen.
Ein Gefäß wurde an seine Lippen gesetzt und dann lief ihm eine säuerliche, widerlich schmeckende Flüssigkeit die Kehle hinunter. Nur Augenblicke später spürte er eine entspannende Wärme in seinen Eingeweiden und der unerträgliche Schmerz begann langsam nachzulassen. Sein Kopf fühlte sich plötzlich ganz leicht an und er merkte, daß ihm die Lider schwer wurden.
„Das war’s“, erklärte der Priester und wendete sich an die Wachen: „Schnallt ihn los und bringt ihn zurück in die Zelle. Der Schlange sei gedankt, wenn ich wenigstens den Rest der Nacht nicht mehr wegen solcher Geschichten belästigt werde!“.
Als Terzon sich mit Hilfe der Wachen aufsetzte, wurde ihm schwindelig.
Das Bild des Priesters und seiner Novizen drohte vor seinen Augen zu verschwimmen.
„Danke“, sagte er, doch über seine Lippen kam nur ein schwerfälliges Lallen.
Der Priester ignorierte den Gefangenen und verschwand hinter einem Vorhang, während seine Gehilfen begannen aufzuräumen.
Terzon konnte sich kaum auf den Beinen halten, als er abgeführt wurde.
Er ging wie auf Wolken und seine Gedanken zogen merkwürdige Kreise, doch zumindest war der Schmerz fast verschwunden. Man brachte ihn in die Zelle zurück, wo er Rahne und Bai auf ihren Pritschen liegen sah. Die Wachen legten ihn auf die freie Liege und lösten seine Fesseln. Noch bevor die Gittertür hinter den Wächtern ins Schloss fiel, war Terzon eingeschlafen.

Der Klang von Stimmen weckte Rahne.
Der junge Thalisier wusste für einen Augenblick nicht wo er war, bis der Anblick der Zelle und der grauen Sträflingskleidung an seinem Leib ihm die jüngsten Ereignisse ins Gedächtnis zurück rief. Seine Gefährten schliefen tief und fest und auch die Gefangenen in der anderen Zelle rührten sich nicht. Nur eine Laterne mit klein gedrehter Flamme erleuchtete den Wachraum, aus dem die Stimmen kamen.
„Guten Morgen, Kameraden“, hörte er jemanden sagen.
Das Klimpern eines Schlüssels war zu hören. „Alles ruhig hier?“.
Rahne drehte sich leicht auf der harten Pritsche, um die Quelle der Stimmen sehen zu können. Durch fast geschlossene Lider und sich noch immer schlafend stellend, konnte er nun sehen, daß zwei weitere Wächter den Vorraum der Zellen betreten hatten. Vermutlich fand gerade der Wachwechsel statt.
„Hier ist alles ruhig“, sagte einer der angesprochenen Wächter und unterdrückte ein Gähnen, „keine besonderen Vorfälle.“.
„Den Kerl da hat der Priester noch in der Nacht operiert“, berichtete sein Kamerad. Der Wächter deutete auf den schlafenden Terzon.
„Der Idiot hat sich bei der Verhaftung eine Schusswunde zugezogen. Scheint das Ganze aber gut überstanden zu haben. Schläft selig; wie in Ozuuls Schoß…“.
Die beiden frisch angetretenen Wächter nahmen das Gehörte ohne Regung zur Kenntnis.
„Lefgyr und seine Männer hatten heut’ Nacht alle Hände voll zu tun!“, platzte einer der Neuankömmlinge heraus. „Stellt euch vor, der Erzherzog hat den Befehl erlassen, Kitano Kreshh zu verhaften!“.
„Tatsächlich?!“, fragten die Wächter wie aus einem Munde, „wieso denn das?“.
Der Verkünder dieser Neuigkeit zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung! Offiziell ist nichts bekannt! Fadvyr, der oben Torwache hatte, hat mir erzählt, daß der Konsul angeblich mit Piraten gemeinsame Sache gemacht hat!“.
„Ach was…“, murmelte einer der Wächter, „dabei möchte man meinen, der fette Kreshh hätte schon Gold genug!“.
„Quatsch!“, fiel ihm einer seiner Kameraden ins Wort. „Als könne man genug Gold haben!“.
Die Wächter lachten leise.
„Ich dachte, der Erzherzog könne dem Konsul nichts; wegen diplomatischer Immunität und dem ganzen Käse!“, warf einer der Wächter ein.
„Du weißt doch“, antwortete der Wächter, der die Neuigkeit verkündet hatte, „daß der alte Erzherzog bei Piraterie keinen Spaß versteht! Angeblich haben unsere Kameraden sogar ein paar seiner Hauswachen erschossen! Sie haben den fetten Bastard aus seinem Palast geholt und ihn in Ketten gelegt wie einen gemeinen Verbrecher!“.
„Echt?!“, fragte einer der übernächtigten Wächter ungläubig, „und haben sie ihn hier im Palast eingelocht?“.
„Nein“, antwortete sein Kamerad, „so hart sind sie ihn dann doch nicht angegangen. Sie haben ihn in die Flutburg geschafft! Ich habe keinen blassen Schimmer, was jetzt mit ihm passiert!“.
„Ob sie ihn aufhängen?“, fragte einer der Wächter.
„Verdient hat’s die Qualle!“, bekam er zur Antwort, „wenn die Vorwürfe stimmen. Aber ich glaube kaum, daß es der Erzherzog wagt, den fetten Bornesen aufzuknüpfen! Das würden die Kreshh ihm übel nehmen. Nicht mal der Damar könnte sich das rausnehmen… Aber seine Tage als Handelskonsul sind gezählt! So viel ist sicher…“.
Die Wächter nickten.
„Auf den Straßen verbreitet sich die Neuigkeit schon wie ein Lauffeuer!“, erwähnte einer der Wächter, „dabei wollte Lefgyr wohl diskret vorgehen. Keine Ahnung, wer’s dem Pöbel gesteckt hat, aber ein Geheimnis ist es nicht mehr!“.
Die vier Wächter lachten.
„Auch gut, wenn’s den Kreshh mal an den Kragen geht“, sagte einer der Männer, „dann merken sie mal, wer in Glazuria das Sagen hat!“.
„Wir gehen schlafen“, verkündete einer der Wächter, deren Dienst nun zu Ende war.
„Euch eine ruhige Wache! Ihr habt nicht viel zu befürchten. Nachher holen sie die da!“.
Der Wächter gestikulierte in Richtung der Zellen. „Heut’ werden sie aufgeknüpft!“.
Ein eisiger Schreck fuhr durch Rahnes Glieder, doch dann bemerkte er, daß von den Männern in der anderen Zelle die Rede war.
„Dann bleiben nur noch die drei da, aber die hatten noch nicht mal ihren Prozess. Und irgendwann kümmern sie sich um die Zelle gegenüber!“.
Die frisch angetretenen Wächter nickten.
„Gut, hört sich nach ’ner ruhigen Wache an. Schlaft gut!“.
Die Wächter verabschiedeten sich von einander und die neu angetretenen Wachen wurden von ihren Kameraden eingesperrt.

Die neuen Wächter wechselten noch ein paar Worte über die Thematik und wendeten ihr Gespräch dann schnell den körperlichen Vorzügen einer bestimmten Schankmaid zu; ein Thema, das sie deutlich mehr zu beschäftigen schien, als die neuesten politischen Entwicklungen in ihrer Heimatstadt.
Rahne rollte sich wieder auf den Rücken und dachte über die Worte nach, die er vernommen hatte.
Dem fetten Konsul war es also genauso an den Kragen gegangen wie ihnen! Erstaunlich…
Ob Renski ebenfalls verhaftet wurde oder ob sie hinter dieser ganzen Geschichte steckte? Bai hatte schließlich behauptet, sie gesehen zu haben, als Lefgyrs Leute ihnen vor der Kapelle aufgelauert hatten.
Stand Kitanos Verhaftung mit ihrer Gefangenschaft in Verbindung?
Ein Zufall konnte aus kaum sein, daß ihm noch in der selben Nacht ein ähnliches Schicksal blühte.
Wollte die Hure Renski sich an Kopfgeldern bereichern oder steckte mehr dahinter?
Auf Rahne hatte der fette Blutmagier nicht den Eindruck gemacht, als habe er für Piraten irgendwas über. Aber möglicherweise hatte der Konsul sie auch nur ans Messer geliefert, um von seinen eigenen Verbrechen abzulenken. Nun, wenn dem so war, war der Plan gründlich in die Hose gegangen.
Dennoch; irgendetwas an dieser Geschichte erschien dem jungen Thalisier merkwürdig.
Rahne schob noch ein paar Gedanken in seinem Kopf hin und her, kam aber zu keinem befriedigenden Schluss und schließlich übermannte ihn der Schlaf erneut.

Als Rahne das nächste Mal erwachte, herrschte reges Treiben in dem Kerkergewölbe. Fast zwei Dutzend Wächter waren angetreten, um die Gefangenen aus der mittleren Zelle abzuführen.
Die Gefangenen flehten um Gnade oder versuchten gar zu fliehen, doch die Übermacht der schwer bewaffneten Wachen brachte diese Versuche zum Scheitern.
Manche klammerten sich weinend an die Gitterstäbe der Zelle, wurden jedoch brutal losgerissen und davon gezerrt.
Heulen und Jammern und der Gestank jener, die vor Furcht die Kontrolle über ihre Blase verloren, erfüllte den Raum.
Einer der Gefangenen, ein kräftiger Hobgoblin, fiel einen Wächter an, der ihm Ketten anlegen wollte, doch sofort eilten ihm dessen Kameraden zu Hilfe.
Brutale Stockhiebe gingen auf den Hobgoblin nieder und zerschmetterten dem Gefangenen schließlich den Schädel.
Die Leiche wurde von zwei schimpfenden Wächtern davon getragen.
Mit Stockhieben wurden die Gefangenen in Reih’ und Glied getrieben, wo weitere Wächter sie an einander ketteten.
„Beeilt euch!“, brüllte einer der Wächter die Gefangenen an, „ihr seid nicht die Einzigen, die heute gehängt werden! Marsch, marsch! Beeilung!“.
Auch Bai und Terzon waren wach und beobachteten das Geschehen besorgt.
Ob ihnen bald ein ähnlicher Gang blühte?
Schließlich hatte die schreckliche Prozession den Kerker verlassen. Das Geschrei der Verurteilten war noch eine Weile aus dem angrenzenden Gang zu hören, dann trat Stille ein. Die Wächter servierten den Gefährten warmen Haferschleim zum Frühstück und die drei Männer aßen mit wenig Appetit, während die nun leere Zelle in der Mitte ausgefegt wurde.

Sie unterhielten sich leise. Terzon war noch ein wenig blass um die Nase, doch die Schmerzen waren erträglich und er fühlte sich nach dem erholsamen Schlaf etwas besser. Bai und Terzon waren ebenfalls erstaunt, als Rahne ihnen die Neuigkeiten über Kitano Kreshh zuflüsterte, doch auch sie konnten sich auf das Geschehene keinen Reim machen. Beide Männer spürten jedoch eine gewisse Genugtuung, daß es dem fetten Konsul ebenfalls an den Kragen ging.

Die Zeit verstrich.
Gelegentlich unterhielten sich die Männer über ihre Lage, doch meist hockte jeder für sich auf seiner Pritsche und hing seinen Gedanken nach.
Im Laufe des Tages kam der Priester, überprüfte Terzons Wunde und wechselte den Verband und ging dann wieder, ohne ein Wort mit den Häftlingen zu wechseln.
Rahne versuchte mehrmals ein Gespräch mit den Wächtern anzufangen; in der Hoffnung, in einem von ihnen vielleicht einen Verbündeten zu finden, der ihnen zur Flucht verhelfen könnte, doch ohne Erfolg.
Die einzige Folge dieser Worte schien zu sein, daß die Wachen nun häufiger gewechselt wurden und man seine Worte zunehmend ignorierte und ihm gar Schläge androhte, wenn er seinen Mund nicht hielte.
Terzon, dem es zusehends besser ging, verlangte danach, mit einem Verantwortlichen zu sprechen, da man sie zu Unrecht eingesperrt habe.
Die Wächter quittierten diese Forderungen mit Gelächter und versicherten ihm, daß man sie früher oder später dem Obersten Richter vorführen werde.
„Keine Bange!“, sagte eine der Wachen, „man wird euch noch früh genug aufknüpfen! Wenn ihr die Zeit bis dahin nicht in Dunkelhaft verbringen wollt, dann haltet euer Maul!“.

Schließlich betraten drei Männer in den Gewändern von Beamten und in Begleitung mehrerer Wächter den Kerker. Die Gefährten hofften schon, daß man sie nun vor den Obersten Richter bringen würde, doch die Neuankömmlinge ignorierten sie und wendeten sich der kleinen, leeren Zelle gegenüber ihrer eigenen zu.
Die vermeintlichen Beamten leuchteten die Zelle mit Spiegeln und mehreren Laternen aus und begannen dann unter stetigem, unverständlichem Gemurmel mit roter Farbe seltsame Zeichen an die Wände und auf den Boden zu malen.
Rahne und seine Gefährten schauten interessiert zu, doch der Zweck dieser Arbeiten blieb ihnen verborgen.
Der junge Thalisier kam bald zu dem Schluss, daß es sich bei den Zeichen um arkane Symbole handelte, doch diese waren zu fein und zu weit entfernt, als daß er sie erkennen und Rückschlüsse auf ihren Nutzen ziehen konnte.
Die drei Beamten, die meistens schwiegen und nur selten geflüsterte Worte mit einander tauschten, arbeiteten nie länger als ein oder zwei Stunden, kehrten aber stets nach ein paar Stunden zurück, um ihr Werk fortzusetzen.
Den Gefangenen wurden unregelmäßige Mahlzeiten serviert.
Manchmal knurrte ihnen bereits der Magen, wenn es wieder etwas gab und manchmal waren sie noch satt, wenn einer der Wächter bereits das nächste Essen brachte.
Diese Unregelmäßigkeit im Zusammenspiel mit den ungleichmäßigen Wachwechseln und die Abwesenheit jeglicher Hinweise auf die Tageszeit führten bald dazu, daß die Männer ihr Zeitgefühl verloren. Nur am Sprießen ihrer Bärte konnten sie sich ein ungefähres Bild davon machen, wie viel Zeit seit ihrer Inhaftierung vergangen war.

Tage.
Tage vergingen, ohne daß ein Richter oder sonst jemand, der für ihre Gefangenschaft verantwortlich war, sich blicken ließ.
Immer wieder kamen die Beamten und pinselten weiter an ihren Symbolen, die bald den größten Teil der Wände und des Bodens bedeckten.
Schließlich stellten die Wachen hölzerne Gerüste auf und die drei Männer begannen, auch die Decke der Zelle mit ihren Zeichnungen zu bedecken.
Schließlich – wahrscheinlich waren zwischenzeitlich Tage vergangen – waren die Arbeiten beendet. Die Wachen verhängten die Gitterwand der Zelle mit Decken, so daß den Gefangenen der weitere Verlauf der Arbeiten verborgen blieb.
Die Männer hörten Worte, die in einer ihnen unbekannten Sprache formuliert wurden und die gelegentlich laut anschwollen. Rahne erinnerten die Silbenfolge und der Rhythmus des Gesprochenen an eine magische Beschwörung, doch über die Natur dieses Rituals konnte er nur rätseln.
Als die drei Männer die Zelle schließlich verließen und die Decken von den Gittern entfernt wurden, waren die arkanen Symbole – zum großen Erstaunen der Männer – verschwunden.

Nicht lange nachdem die mysteriösen Arbeiten an der gegenüberliegenden Zelle abgeschlossen wurden, betrat ein Gwandalier mittleren Alters, dessen Schläfen ein erstes Grau zeigten, in der schwarzen Robe eines Richters und in Begleitung mehrerer Wächter die Zelle der drei Gefährten.
„Seid gegrüßt!“, sagte der Mann und ließ sich von einem der Wächter einen Stuhl aufstellen. Er legte sich ein Schreibbrett auf die Knie. Einer der Wächter reichte ihm Tinte und Feder.
„Mein Name ist Maturias.“, stellte der Mann sich vor, „ich bin Richter im Dienste des Erzherzogs. Der Oberste Richter schickt mich, um den Prozess vorzubereiten, der in Kürze gegen euch eröffnet wird.“.
Terzon schnaubte verächtlich.
„Euren Prozess könnt ihr abblasen“, sagte er, „denn diese ganze Geschichte hier ist ein ärgerlicher Irrtum. Man hat uns zu Unrecht der Piraterie beschuldigt! Ich bin weder Kapitän der Seehure, noch sind meine Kameraden hier Piraten! Wer auch immer uns dieser Verbrechen bezichtigt hat, lügt! Vermutlich stecken andere Gründe hinter dieser infamen Behauptung, aber ich schwöre, daß niemand von uns ein Seeräuber ist!“.
„Wie üblich“, murmelte der Richter und kritzelte einige Worte auf ein Pergament.
„Ich nehme diesen Einspruch in das Protokoll unseres Gesprächs auf“, erklärte er, „doch ich kann euch schon jetzt versichern, daß er gegen die erdrückenden Beweise, die gegen euch vorliegen, wohl kaum etwas ausrichten wird!“.
„Diese Beweise sind gefälscht!“, sagte Bai schroff. „Sie wurden angefertigt, um uns etwas in die Schuhe zu schieben, womit wir nichts zu tun haben!“.
Der Richter seufzte und faltete die Hände.
Dann schaute er die Gefährten an und ließ ein Räuspern vernehmen.
„Hört mir zu“, sagte er, „ich höre Ausflüchte wie diese jeden Tag und ich kann verstehen, daß man in eurer Situation nach jedem Strohhalm greift, der sich bietet, um der Hinrichtung zu entgehen. Doch ich muss euch leider sagen, daß es angesichts der Beweise keinerlei Zweifel gibt, daß ihr Piraten seid. In dem bevorstehenden Prozess wird es nicht darum gehen, zu ergründen, ob ihr schuldig seid, sondern ausschließlich darum, in welchem Umfang ihr schuldig seid!“.
„Das ist unglaublich!“, platzte es nun aus Rahne heraus. „Wir sind unschuldig! Es gibt Zeugen für unsere Behauptungen! Terzon und ich sind erst vor kurzem hier von Bord gegangen! Schickt eure Wachen in den Hafen und macht die Tranbraut ausfindig! Sie liegt dort sicher noch vor Anker. Der Kapitän kann euch bestätigen, daß ich dort die letzten zwei Jahre als Harpunier ehrliches Geld verdient und gewiss nicht die Meere als Pirat bereist habe!“.
„Hört die Worte meines Gefährten!“, sagte Terzon aufgebracht. „Mein Schiff war die Zimtnelke! Fragt auch dort den Kapitän und lasst euch meine Worte bestätigen!“.
Das Kratzen der Feder auf Papier war die einzige Antwort, die die Gefährten erhielten.
„Die Wachen am Tor können euch bestätigen, daß ich zu Fuß aus Pelessia kam“, ergriff nun Bai das Wort. „Und auch in Pelessia habe ich meine Ankunft und Abreise gemeldet. Schickt einen Boten und lasst das überprüfen!“, sagte der Ork barsch. „Diesen Aufwand solltet ihr betreiben, bevor ihr Unschuldige hängen lasst!“.
Maturias schrieb weiter und hob dann den Kopf, um die Männer zu betrachten.
„Ich werde eure Aussage an den Obersten Richter weiterleiten, doch auch diese Behauptungen werden die erdrückenden Beweise gegen euch kaum aus der Welt räumen. Neben den Indizien, die gegen euch vorliegen, hat der Konsul Kitano Kreshh gestanden, daß ihr in seinem Auftrag auf Kaperfahrt gegangen seid.
Die Aufzeichnungen in eurem Logbuch, Kapitän Terzon, bestätigen diesen Umstand eindrucksvoll. Es tut mir leid.“.
Terzon und Rahne wechselten einen ungläubigen Blick.
„Es tut euch leid?!“.
Bai schäumte nun vor Wut und die schweigenden Wachen richteten nervös die Läufe ihrer Flinten auf den Ork.
„Warum seid ihr dann hier, wenn unsere Aussagen keinen Einfluss auf euren fingierten Prozess haben?“.
„Ich bin hier, um euch die Möglichkeit des Geständnisses zu geben!“, erklärte der Richter, ohne sich von Bais Wut beeindrucken zu lassen.
„Warum sollten wir gestehen, wenn das Urteil gegen uns eh’ beschlossene Sache ist?“, fragte Terzon. Auch in seiner Stimme schwang nun Zorn mit.
„Weil ein Geständnis euch das Leben retten könnte“, antwortete Maturias.
„Der Oberste Richter und der Erzherzog sind keine Unmenschen. Natürlich werdet ihr für eure abscheulichen Verbrechen bezahlen müssen, aber diese Strafe würde milder ausfallen, als die, die euch erwartet, wenn ihr an euren verzweifelten Behauptungen festhaltet. Wenn ihr ein oder zwei Jahrzehnte im Steinbruch oder als Galeerensklave gearbeitet und reumütig seid, winkt euch möglicherweise sogar eine Begnadigung. Dann könntet ihr zumindest das Alter als freie Männer begehen.“.
Fassungslos starrten die Gefährten den Richter an.
„Niemals werde ich ein Verbrechen gestehen, das ich nicht begangen habe!“, brüllte Bai. Seine Gefährten nickten zustimmend.
„Wie ihr wünscht“, seufzte der Richter und erhob sich.
Er reichte einem der Wächter seine Schreibutensilien.
„Dann wird in ein paar Tagen der Prozess gegen euch beginnen.“, erklärte Maturias.
„Seid euch jedoch darüber im Klaren, daß ihr auf mein Angebot nicht mehr zurückkommen könnt, wenn ihr erst auf der Anklagebank hockt. Dann entscheidet der Oberste Richter allein und ihr wisst vermutlich, daß der Erzherzog ihm aufgetragen hat, reuelose Piraten wie euch mit der vollen Härte des Gesetzes zu strafen. Angesichts eurer Verbrechen bedeutet das den Galgen! Denkt daran! Solltet ihr eure Entscheidung ändern, dann lasst die Wache nach mir schicken. Noch bleibt euch Zeit für ein Geständnis, doch wartet nicht zu lang!“.
Mit diesen Worten erhob sich der Richter und ging.

Die Gefährten berieten noch einige Zeit über ihre Lage, die immer auswegsloser erschien. An Flucht war – zumindest bisher – nicht zu denken.
Verbrechen zu gestehen, die sie nicht begangen hatten, kam für die drei Gefangenen ebenfalls nicht in Frage, doch die Alternative war nicht erstrebenswert.
Es schien wirklich darauf hinauszulaufen, daß sie zwischen dem Tod am Strang oder einem halben Leben in Gefangenschaft und Sklaverei wählen konnten; beides keine Aussichten, die ihnen behagten.
„Diese Bastarde!“, grollte Terzon – wütend in der Zelle auf- und abmarschierend – während Bai mit düsterer Miene und wie üblich schweigend auf seiner Pritsche hockte.
Rahne war bemüht, sich nicht von der Verzweiflung übermannen zu lassen und zerbrach sich den Kopf darüber, was eigentlich hinter all’ diesen Ereignissen stecken mochte und wie sie der Situation entrinnen könnten.
Der junge Thalisier fand zu keiner befriedigenden Erkenntnis, doch wenigstens lenkte es ihn von der Aussichtlosigkeit ihrer Lage ab.

Quälend langsam verstrich die Zeit und die einzige Kurzweil, die sich ihnen bot, waren die faden aber ausreichenden Mahlzeiten und das Belauschen und Beobachten der gelegentlichen Wachwechsel.
Bei einem dieser Wachwechsel trat einer der Wächter – ein junger Gwandalier, den sie zuvor noch nie gesehen hatten – dicht an das Gitter der Zelle und winkte Rahne, dessen Pritsche in der Nähe stand, zu sich heran.
Rahne war erstaunt, denn bisher hatten die Wachen – wenn überhaupt – nur das Nötigste mit ihren Gefangenen gesprochen und nie von sich aus das Gespräch gesucht; es sei denn, um ihnen Befehle zu erteilen.
Der zweite der ablösenden Wächter war in ein Gespräch mit seinen Kameraden vertieft und schien seinen Gefährten nicht zu beachten.
„Was wollt ih…“, sagte Rahne, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken.
Vor seinen Augen verwandelte sich das Gesicht des Gwandaliers in Renskis Anlitz.
„Haltet den Mund und hört mir gut zu!“, flüsterte die Frau mit der Stimme eines Mannes.
Verblüfft tat Rahne einen Schritt zurück.
„In Kürze wird euch ein Wächter das Abendessen servieren.“, zischte die groteske Erscheinung.
„Anders als sonst bekommt ihr keinen Krug Wasser, sondern drei einzelne Becher, die bereits gefüllt sind. Wenn euch euer Leben lieb ist und ihr diesem Gefängnis entrinnen wollt, leert sie bis auf den letzten Tropfen und legt euch dann auf eure Pritschen.“.
„Hexe!“, zischte Rahne die unheimliche Gestalt an. „Glaubt ihr, wir trauen euch, nachdem ihr uns verraten habt? Ihr seid…“.
„Halt deinen Mund!“, fiel ihm Renski kalt ins Wort. „Wenn ihr eure Becher nicht leert, werdet ihr morgen gehängt! Dafür wird mein Herr sorgen; verlasst euch drauf! Wählt euer Vorgehen also weise!“.
„Alles in Ordnung, Pilvas?“, rief einer der Wächter hinüber.
In nur einem Augenblick vollzog Renskis Gesicht die unheimliche Verwandlung und Rahne sah sich wieder dem Gwandalier gegenüber, der sich nun zu seinem Kameraden herumdrehte.
„Alles bestens, Torq!“, antwortete „er“.
„Scheinbar saufen sich die Halunken gegenseitig das Wasser weg! Ich werde den Proviantmeister anweisen, ihre Rationen einzuteilen! Es soll ja niemand verdursten, bevor es an den Galgen geht!“.
Der Wächter, der Torq genannt wurde, nickte.
„Ist in Ordnung, Pilvas, mach’ nur! Wäre ja schade, wenn einer von ihnen das Beste verpasst!“.
Die vier Wächter lachten laut; dann verlies die verwandelte Renski den Kerker.

Mit ungläubigem Blick wandte sich Rahne seinen Kameraden zu.
Dem Ausdruck auf ihren Gesichtern war zu entnehmen, daß sie das Geschehene ebenfalls gesehen hatten.
Bai und Terzon hatten Renskis Flüstern allerdings nicht verstehen können und so steckten die Gefährten die Köpfe zusammen und Rahne wiederholte die Worte der Frau.
„Diese Hure!“, zischte Bai und ballte die Fäuste. „Hält sie uns für so dumm, noch einmal auf ihr Spiel hereinzufallen? Vielleicht trachtet sie uns nach dem Leben und in den Bechern ist Gift!“.
„Sie lässt uns keine Wahl“, flüsterte Terzon. „Warum sollte sie uns vergiften, wo doch der Henker ihr morgen den selben Dienst ohne den Einsatz teurer Gifte erweist? Einen Freispruch wird sie kaum zu befürchten haben…“.
Die Männer schauten einander unschlüssig an.
„Wer mag ihr Herr sein, von dem sie gesprochen hat?“, fragte Bai.
„Das werden wir noch früh genug erfahren!“, mutmaßte Terzon grimmig.
„Das heißt, ihr werdet das Zeug trinken, das sie uns bringen lässt?“, fragte Rahne, „ich bin mir nicht sicher, ob wir uns darauf einlassen sollten.“.
„Dann baumelt ihr morgen um diese Zeit schon vom Galgen!“, gab Terzon schroff zu bedenken.
„Ich trinke das Zeug und bin schon gespannt, was sie dieses Mal für uns parat hat.“, sagte Bai entschlossen.
Damit beendeten die Gefährten ihre Unterredung und harrten ihrer ungewissen Zukunft.

Einige Zeit verging, bis ein weiterer unbekannter Wächter schließlich das Abendessen servierte.
Wie angekündigt fanden sich neben Dörrfleisch, Hartkäse und trockenem Brot drei Becher mit Wasser. Schweigend aßen die Männer.
Immer wieder schweiften ihre Blicke über die Becher mit dem fragwürdigen Inhalt.
Die Flüssigkeit war klar wie Quellwasser und nur, wenn man sich den Becher direkt unter die Nase hielt, war ein säuerlicher Geruch zu bemerken, der Terzon entfernt an das Schmerzmittel erinnerte, das der Priester ihm verabreicht hatte.
Schließlich nahm Terzon den Becher in die Hand und Bai folgte seinem Beispiel. Rahne zögerte, nahm sich dann jedoch den verbliebenen Becher.
„Schlimmer als der Galgen kann es nicht sein!“, sagte Bai und stürzte den Inhalt des Bechers herunter. Terzon und Rahne tranken ebenfalls.
Im Stillen hofften die Männer, daß Bai mit seinen letzten Worten Recht behalten würde.

Es vergingen nur wenige Augenblicke, bis die drei Gefährten das Aufwallen einer bleiernen Müdigkeit spürten. Schlaf drohte sie zu übermannen.
Die Muskeln in ihren Beinen wirkten schlaff und drohten, ihnen den Dienst zu versagen. Stolpernd begaben sich Terzon und Bai zu ihren Pritschen und legten sich hin. Sie konnten kaum noch die Augenlider offen halten.
Rahne, der an einer der Wände gelehnt vor den Resten seines kargen Mahls hockte, sank der Kopf auf die Brust.
Nur wenige Augenblicke später waren die drei Kameraden eingeschlafen.

Rahne erwachte durch einen stechenden Schmerz zwischen den Schulterblättern.
Er war benommen und hatte das Gefühl, als existiere die Empfindung irgendwo weit am Rande seines Bewusstseins.
Irgendwo aus weiter Ferne drang ein Jammern an sein Ohr.
„Bringt den Halbling zum schweigen!“, befahl eine tiefe, heisere Stimme, „bevor er die anderen Gefangenen weckt!“.
Der Schmerz wurde intensiver. Er ging mit einem Klopfen einher, das ihm den Schmerz direkt unter die Haut seines Rückens zu treiben schien.
Der junge Thalisier bemerkte nun, mit nachlassender Benommenheit, daß er auf dem Bauch lag. Der Schmerz ließ ihn nun zusammenzucken, doch er konnte sich nicht bewegen. Kopf, Rumpf und Gliedmaßen waren mit Lederschlaufen festgeschnallt, die sich ihm schmerzhaft in die Haut gruben.
„Zu spät, Herr“, sagte eine zweite Stimme. „Dieser hier ist bereits wach!“.
Erneut bohrten sich mehrere Stiche in seine Haut. „Nun gut“, antwortete die dunkle Stimme, „wie weit seid ihr?“.
„Ich bin fertig, Herr!“.
Rahne bemerkte nun, daß die Stimmen von einem Hallen begleitet wurden.
Befand er sich nicht mehr in dem Kerker? Er bemerkte auch den Geruch von Feuchtigkeit.
„Hervorragend!“, sagte die dunkle, heisere Stimme.
Dann ertönten hallende Schritte, die sich näherten.
„Kettet ihm Hände und Füße und bringt ihn dort rüber!“, befahl die Stimme. Rahne erschrak, als mehrere kräftige Hände ihn packten.
Die Fesseln wurden gelöst, doch die Hände hinderten ihn daran, sich zu bewegen. Unsanft wurden ihm die Arme auf den Rücken gedreht.
Rahne spürte das vertraute Gefühl eisernen Handschellen.
Man kettete auch seine Füße zusammen; dann hob man ihn hoch und eine Augenbinde – die er erst jetzt bemerkte – wurde ihm mit einem Ruck vom Kopf gerissen. Rahnes Kopf schmerzte und das Licht der Fackeln, die die Umgebung erhellten, stach ihm in den Augen.
Undeutlich konnte er die Silhouetten mehrerer Gestalten erkennen, die ihn umringten. Er erkannte die Umrisse mehrerer Tische, die in einer Reihe standen und auf denen weitere Personen lagen. Seine Gefährten?
„Wie immer gute Arbeit!“, sagte die heisere Stimme. „Ihr könnt euch nun entfernen!“.
Rahne sah, wie eine dunkle Gestalt sich verbeugte und dann davon eilte.
„Weckt die anderen und sorgt dafür, daß sie begreifen, was ich ihnen gleich zu sagen habe!“.
Langsam kehrte Rahnes Sehkraft zurück. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Stroh ausgekleidet. Eine Nachwirkung der Droge, mit der man ihn betäubt hatte?

Rahne wurde davon geschleppt.
Man trug ihn zu drei Stühlen, die in einer Reihe standen und die von einer Lichtkugel beleuchtet wurden, die darüber in der Luft schwebte. Nun konnte Rahne auch erkennen, daß die Männer, die ihn zu den Stühlen brachten und dort hinsetzten, rostrote Plattenpanzer und Helme trugen. Schwere Krummsäbel baumelten von ihren Gürteln. Die Helme, die dem Kopf einer Kobra nachempfunden waren, verdeckten fast das ganze Gesicht, doch an ihrer Mundpartie erkannte er, daß es Menschen waren; vermutlich Gwandalier.
Die Wächter nahmen hinter ihm Aufstellung und als Rahne sich nun umsah, konnte er auch seine Umgebung erkennen.
Die Wände glänzten feucht und waren mit Moos bewachsen.
Der größte Teil des Gewölbes wurde von der Dunkelheit verschluckt, doch das Hallen der Stimmen und Schritte verriet ihm, daß es sich um eine große Halle handeln musste.
Weitere Wachen trugen seine schlaffen Gefährten herbei, die langsam zu erwachen schienen. Bais Augenlider flatterten und Terzon stöhnte.
Beide hatten nackte Oberkörper und nun bemerkte Rahne, daß er selbst auch nur die graue Leinenhose trug, mit der man ihn im Kerker gekleidet hatte. Begleitet wurden die Wächter von einem stattlichen, großen Mann, dessen dunkle, sonnengebräunte Haut einen deutlichen Kontrast zu seinem eisgrauen Haar darstellte. Der Mann trug ein langes Gewand, das Rahne an die Kleidung des Priesters erinnerte, der Terzons Schusswunde behandelt hatte.
Im Gegensatz zu dem Priester schien dieser Mann allerdings eine Robe aus echter Schlangenhaut zu tragen. An seinen Händen glänzten mehrere Ringe, die aussahen wie Schlangen, die sich um seine Finger wanden.
Stahlblaue Augen musterten Rahne kalt und prüfend.
Terzon und Bai wurden auf die freien Stühle gesetzt und die Wächter rüttelten sie unsanft und weckten sie mit schallenden Ohrfeigen.
Der grauhaarige Mann betrachtete das Treiben seiner Wächter ohne eine erkennbare Reaktion.
„Wer seid ihr?“, fragte Rahne.

„Das ist ihre Eminenz Tefano Makeiros, die Große Schlange von Shembanyor!“, erklang eine Rahne wohl bekannte, weibliche Stimme.
Mit hallenden Schritten trat Renski aus den Schatten.
Sie trug ihr schwarzes Ledergewand und wirkte nun wieder vollends weiblich.
„Gottgeweihter der Barnazul und Hohepriester des Smaragdtempels“, fuhr die geheimnisvolle Frau fort. „Wäret ihr nicht gefesselt, würde ich euch befehlen niederzuknien!“.
„Hure!“, knurrte Bai.
Renski lachte leise. Die Beleidigung des Orks schien ihr Freude zu bereiten.
In Terzons Gehirn arbeitete es. Die Nebel, die sein Bewusstsein umhüllten, lichteten sich völlig, als ihm bewusst wurde, wenn er da vor sich hatte.
Tefano Makeiros.
Gottgeweihter der Barnazul.
Der Mann war der mächtigste Schlangenpriester Angraenors und sein Einfluss erstreckte sich sogar über das bornesische Kaiserreich hinaus.
Die Große Schlange; ein Mann dessen Macht es mit der von Kaisern und Königen aufnehmen konnte.
Selbst der Damar beugte sein Knie vor dem Thron des Gottgeweihten.
Bei den Göttern! Was hatte diese Zusammenkunft zu bedeuten?
Terzon ließ sich die Empfindungen nicht anmerken, die in ihm tobten.
Die Wirkung der Droge ließ nur langsam nach.
„Dann ist das also euer Herr?“, mutmaßte er mit schwerer Zunge.
Ein zufriedenes Lächeln war die einzige Antwort, die Renski ihm gab.

„Das bin ich!“, ertönte Tefanos dunkle, heisere Stimme, als er vortrat, „und euer Herr bin ich ebenfalls!“.
„Ich habe keinen Herrn!“, spuckte Bai aus und funkelte den Hohepriester grimmig an.
Terzon spürte einen Anflug von Nervosität.
Wusste denn dieser Ork nicht, wen er da vor sich hatte?!
„Ist das so?“, fragte Tefano sichtlich amüsiert. Er gab den Wachen, die bei den Tischen zurückgeblieben waren, einen Wink. Erst jetzt sahen die Männer, daß dort noch ein vierter Tisch mit einer gefesselten Gestalt stand.
„Bringt mir den Halbling!“, rief der Schlangenpriester.
Einen Augenblick später trugen die Wächter einen verängstigten, wild strampelnden Halbling herbei.
Der Halbling war ein junger Mann, der keine Sträflingsgewänder trug, aber ebenfalls nur eine Hose am Leib hatte. Voller Panik flogen die Blicke des Halblings zwischen dem Hohepriester, dessen Wächtern und den Gefangenen hin und her.
„Was ist hier los? Was wollt ihr von mir?“, stammelte der Halbling.
Angstschweiß stand ihm auf der Stirn.
„Ich bin nur ein einfacher Kaufmann!“, rief er. „Ich hab’ niemandem was getan! Was mache ich hier? Warum hat man mich entführt?“.
In den Worten schwang kein Vorwurf, sondern reine Verzweiflung mit.
Tefano kniete sich zu dem Halbling hinab und legte ihm dann behutsam eine Hand auf die Schulter.
„Fürchtet euch nicht!“, sagte Tefano mit einer auffallend sanften Stimme.
„Wie ist euer Name?“.
„Joskal, Herr!“ antwortete der Halbling, in dessen Augen ein Hoffnungsschimmer glomm.
„Bitte tut mir nichts!“, jammerte Joskal, „ich habe niemandem etwas getan! Ich bin ein ehrbarer und friedfertiger Bürger!“.
„Daran habe ich keinerlei Zweifel, mein Freund.“, sagte Tefano mit freundlicher Stimme. Die Kälte und Härte, die ihn zuvor umgeben hatte, war nun völlig von dem Gottgeweihten gewichen.
„Ich bin untröstlich, Joskal, aber leider seid ihr Opfer einer Verwechslung geworden. Wachen, lasst ihn los!“.
Die Wächter mit den Kobrahelmen ließen von dem verängstigten Mann ab und traten einen Schritt zurück.
Der Halbling rieb sich die Handgelenke.
Der harte Griff der Wachen hatte Spuren hinterlassen.
Unsicher tasteten Joskals Finger über seine Schultern. Als er sich drehte, konnten die drei Gefährten sehen, daß ein seltsames Symbol zwischen seinen Schulterblättern prangte. An den blutigen Rändern des Zeichens – das entfernt an eine Windrose erinnerte und von merkwürdigen Zeichen umgeben war – war zu erkennen, daß es sich um eine frische Tätowierung handelte.
Rahne, Terzon und Bai starrten auf den Rücken des Halblings.
Jeder von ihnen spürte ebenfalls einen brennenden Schmerz zwischen den Schulterblättern und es lag nahe, daß sie ebenfalls ein solches Symbol auf ihren Rücken trugen.

„Was ist mit meinem Rücken passiert?“, fragte der Halbling; eine Frage, die auch den drei Gefährten durch den Kopf ging.
„Nichts worüber ihr euch Sorgen machen solltet.“, antwortete Makeiros, der den Halbling milde anlächelte.
„Bei eurer Ergreifung – ich bin untröstlich, daß uns diese Verwechslung unterlaufen ist – habt ihr ein paar geringfügige Blessuren erlitten. In ein paar Tagen werdet ihr davon sicher nichts mehr spüren.“.
Joskal wirkte erleichtert.
Tefano zog einen dicken Geldbeutel aus seinem Mantel hervor. Das Klimpern von Münzen war zu hören, als er ihm dem Halbling reichte. Joskal bekam große Augen.
„Nehmt dies als Entschuldigung für die Umstände und die Angst, die wir euch bereitet haben“, sagte der Gottgeweihte warmherzig, „daß ist das mindeste, was ich tun kann, um euch für diese bedauerliche Situation zu entschädigen.“.

Die drei Gefährten warfen sich Blicke zu.
Was war das für eine Posse, die der Schlangenpriester hier aufführte?
Wollte er ihnen seine Großzügigkeit und Nächstenliebe beweisen?
„Habt Dank, Herr!“, sagte Joskal strahlend. „Das ist wirklich zu gütig! Ich werde euch diese Verwechslung nicht nachtragen!“.
„Das will ich hoffen, mein junger Freund!“, sagte Tefano Makeiros und erhob sich wieder.
„Wachen, begleitet Joskal hinaus und sorgt dafür, daß er wohlbehalten zu seiner Familie zurückkehrt!“. Die Wächter salutierten und führten den Halbling davon.
Tefano Makeiros schaute ihm nach. Der Halbling drehte sich mehrmals um und winkte ihm zu; auf seinem Gesicht ein glückseliges und erleichtertes Lächeln.

Die Wächter und ihr Schützling durchschritten das große Gewölbe, bis sie einen Torbogen erreichten.
„Joskal!“, rief Tefano, bevor der Halbling und die Wächter aus der Halle verschwanden. Joskal drehte sich um und schaute mit fragendem Blick zu dem Hohepriester hinüber.
Tefano Makeiros rief ein Wort, das keiner Sprache zugehörig war, die die drei Männer je gehört hatten.
Laut hallte das Wort in dem Gewölbe wieder und der Halbling stieß einen markerschütternden Schrei aus.
Mit Schrecken sahen die drei Gefangenen, wie Joskal mit einem Fauchen in Flammen aufging.
Das Feuer platzte förmlich aus dem Halbling hervor und nur einen Augenblick später war er gänzlich in weiße, lodernde Flammen gehüllt.
Die Wachen machten einen Schritt zurück, als der brennende Halbling zappelnd zu Boden fiel. Sein lautes Schreien erstarb innerhalb von Sekunden.
Nur einen Moment später hatte das weiße Feuer ihn vollständig verzehrt und erlosch. Von Joskal blieb nur ein qualmender Haufen Asche; selbst der Beutel mit den Münzen war vollständig verbrannt.
Renski lächelte.

Als Tefano Makeiros sich wieder den entsetzten Gefangenen zuwandte, war sein mildes Lächeln wieder einem kalten Blick gewichen.
„Ihr seid ein Ungeheuer!“, stammelte Rahne fassungslos.
„Hütet eure Zunge!“, erklang Renskis Stimme wie ein Peitschenschlag.
„Euch blüht das gleiche Schicksal, wenn ihr mich nicht als euren Herrn anerkennt!“, sagte er und ließ einen prüfenden Blick über die Männer schweifen.
Keiner von ihnen sagte ein Wort, als sie abwechselnd den Gottgeweihten und die qualmenden Überreste des Halblings betrachteten.
Terzon schluckte und selbst der sonst so unerschütterliche Bai war nun blass im Gesicht. Jedem der Männer war bewusst, daß es offensichtlich nur eines Wortes des Gottgeweihten bedurfte, um ihnen einen ebenso grausamen Tod zu bereiten.

„Vielleicht ist es nun an der Zeit, euren Gästen zu erläutern, warum sie hier sind“, sagte Renski und brach so das Schweigen.
„Ihr habt Recht, Renski“, sagte der Gottgeweihte und räusperte sich.
Ein Wächter brachte einen Stuhl und der Schlangenpriester setzte sich.
„Ihr habt sicherlich schon von meinem Haus gehört“, setzte Tefano an, „dem ehrwürdigen und mächtigen Haus Makeiros!“.
Bai und Terzon nickten stumm. Rahne zeigte keine Reaktion.
Als Ausländer hatte er sich nie mit der Geschichte des Reiches Ganiordaes und seiner Adelshäuser befasst, doch er konnte sich vorstellen, welche Position dieses Haus in der Hierarchie des Reiches einnahm, wenn es den mächtigsten Priester des Südens stellte.
„Ich bin das Oberhaupt meines Hauses“, erklärte Tefano, „doch meine Position als Gottgeweihter der Schlange erfordert, sämtlichen Reichtümern und materiellem Besitz zu entsagen.“.
„Wie schade für euch!“, spottete Rahne.
Renski war ihm einen missbilligenden Blick zu, doch der Gottgeweihte ignorierte den Sarkasmus in der Bemerkung des Thalisiers.
„Nun, Rahne von Bram, wenn man von der Schlange der Zeit selbst in die Ränge ihrer Geweihten erhoben wird, kann man nicht wählerisch sein!“.
Ein eisiger Schreck durchfuhr Rahne.
Er spürte die verwunderten Blicke seiner Gefährten.
„Ich…ich heiße nicht…“, stammelte der Thalisier. „Mein Name ist Borus! Scheinbar verwechselt ihr mich…“.
Ein genüssliches Lächeln breitete sich auf Tefanos Zügen aus.
„Nun, wie ihr meint…Borus.“, sagte der Gottgeweihte.
Der triumphierende Blick des Hohepriesters ließ Rahne keinen Zweifel daran, daß der Mann sehr genau wusste, wen er vor sich hatte.
Alarmierende Gedanken schossen Rahne durch den Kopf.
Woher wusste Tefano seinen richtigen Namen? Seit Rahne sein Heimatland verlassen hatte, hatte er niemals seine Identität offenbart. Seine Maskerade war ihm so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß er von sich selbst oft als Borus dachte. Wie war das möglich?
Und – dieser Gedankengang erschreckte ihn am meisten – wenn Tefano Makeiros mit solcher Leichtigkeit seinen Namen herauszufinden vermochte, konnten möglicherweise seine Verfolger es ihm gleich tun.
Rahne war blass und sein Herz schlug ihm bis zum Hals.

Tefano Makeiros ging nicht weiter auf diesen Umstand ein und fuhr in seiner Erklärung fort.
„Ich habe Kinder, die fähig genug sind, sich nach meinen Vorstellungen um die Belange des Hauses zu kümmern.“, sagte Tefano.
Er schwieg einen Moment und ein Anflug von Gram huschte über seine kantigen Züge. „Nun, ich sollte mich verbessern.“, seufzte er, „ich hatte Kinder, die sich darum kümmern konnten.“.
Er wechselte einen kurzen Blick mit Renski und seine Züge erhärteten sich.
„Das Schicksal meiner Kinder ist eng mit einer Person verbunden, die all’ meinen Hass auf sich zieht; Ragnolio von Borvis.“.
Der Schlangenpriester musterte die Männer, doch keiner von ihnen zeigte eine Reaktion. Niemand von ihnen hatte den Namen zuvor gehört.
„Wer ist dieser Ragnolio?“, fragte Terzon.
„Ragnolio ist ein Mann, der mich tief enttäuscht hat.“, erklärte Tefano.
„Es beschämt mich, sagen zu müssen, daß ich ihn und seinen Bruder Samerion in meinem eigenen Hause groß zog! Ich weiß nichts über ihre Herkunft.
Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachten beide im Waisenhaus meines Ordens in Shembanyor. Ragnolio machte durch ein auffallendes arkanes Talent auf sich aufmerksam und so beschloss ich, ihn und seinen Bruder aufzunehmen und ihn zu fördern. Damals war er ein freundliches und aufgeschlossenes Kind und zeigte noch nicht den Charakter eines Teufels, zu dem er heranwachsen sollte.
Meine Söhne Skarbald und Shefton und meine Tochter Ivendra freuten sich über ihre neuen Spielgefährten und die fünf Kinder wurden bald unzertrennlich.
Nach dem Tod meiner geliebten Frau hatte ich mit den Angelegenheiten des Hauses viel zu tun und so war ich froh, daß die Kinder wenigstens einander als Gesellschaft hatten.
Ich muss sagen, daß es eine schöne und glückliche Zeit war und ich liebte Ragnolio und Samerion wie mein eigen Fleisch und Blut.
Ich ließ Ragnolio von den fähigsten Magiern des Reiches ausbilden und er hielt, was sein Talent versprach. Er wurde zu einem der vielversprechendsten Magier seiner Generation. In ihm schlummerte das Zeug, um in die Ränge der Meister seines Faches aufzusteigen!
Die Freundschaft der Kinder blieb auch bestehen, als sie zu Erwachsenen herangewachsen waren. Wie junge Adelige unseres Reiches oft sind, dürstete es sie nach Abenteuern. Sie reisten durch die Welt und erprobten ihr Können.
Sie begaben sich nicht selten in Gefahr, doch von mir ließen sie sich nicht aufhalten. Sicher wisst ihr nur zu gut, wie verbohrt junge Männer und Frauen sein können.“.
Ein Lächeln huschte über Tefanos Züge.
„Ihre Gemeinschaft erlangte sogar eine gewisse Bekanntschaft und sie fochten sogar gegen die Schergen der Pestkönigin. Der Damar persönlich zeichnete sie für ihre Verdienste aus!“. Tefano machte eine Pause, so als sinne er darüber nach, was er als nächstes sagen sollte.

„Nun, mit Ragnolio wendete es sich zum Übel, als ich beschloss, meine Tochter Ivendra zu vermählen. Ich glaube, er hatte ein Auge auf sie geworfen und möglicherweise hatte er gehofft, um ihre Hand anhalten zu können.
Nun, so sehr ich ihn auch liebte; auf diese Möglichkeit hätte ich keinen Gedanken verschwendet. Ivendra ist die hochwohlgeborene Tochter des Hauses Makeiros und eine Hochzeit käme nur mit jemandem in Frage, der ihrem Stand entsprach.
Meine Wahl viel auf Milano Pudris, Erstgeborener des Hauses Pudris, eines angesehenen Adelshauses und ebenfalls Mitglied der Gemeinschaft meiner Kinder. Er mochte Ivendra und sie mochte ihn.
Ich wusste, daß sie mit einander glücklich werden konnten und ihre Heirat hätte einen Fortschritt für beide Häuser bedeutet. Nun, zu dieser Heirat kam es nicht.
Als die Kinder sich auf einer Reise durch die Slaadspitzen befanden, wurde Milano getötet. Ich weiß nicht, was genau geschah.
Ivendra besteht noch heute darauf, daß es ein Unfall war, doch Skarbald – mein Erstgeborener – bezichtigte Ragnolio des Mordes!
Skarbald war ein besonnener Junge; kein Hitzkopf!
Ich hatte stets Vertrauen in sein Urteil….
Er forderte Ragnolio auf, die Tat zu gestehen und sich vor mir zu verantworten, doch Ragnolio dachte nicht daran.
Er tötete Skarbald und floh gemeinsam mit seinem Bruder.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, welchen Zorn und Enttäuschung ich verspürte! Milanos Vater verlangte Ragnolios Tod und ich ließ ihn suchen. In jeden Hafen des Gwandalischen Meeres schickte ich meine Männer, doch ohne Erfolg.
Ragnolio verließ das Land und ich hörte Jahre lang nichts von ihm, bis Nachricht aus Tandiak kam. Ragnolio und sein Bruder waren ins Reich des Eisernen Leichnams geflohen, wo der Mörder sich an der Nekromantischen Akademie in die schwarzen Künste einführen ließ.
Ragnolio heiratete eine tandiaksche Adelige und wurde so zum Baron von Borvis; einer Provinz des Reiches.
Der Bastard…“.

„Was geschah mit Ivendra?“, fragte Rahne, der sich von seinem Schrecken mittlerweile erholt hatte, „habt ihr sie verheiratet?“.
Der Schlangenpriester schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er und der Gram in seiner Stimme war unüberhörbar.
„Sie hat jeden Antrag viel versprechender Adeliger abgelehnt und jede Heirat verweigert, die ich für sie arrangieren wollte. Zu sehr hing sie an Milano; sie wollte keinen anderen Gatten. Ihr einziger Trost war die kleine Mirena, meine Enkeltochter, die sie schon unter ihrem Herzen trug, als Ragnolio den armen Milano schändlich ermordete.“.
„Warum erzählt ihr uns all’ diese Dinge?“, fragte Bai schroff, „was hat das mit uns zu tun?“.
„Das werdet ihr bald erfahren!“, antwortete Tefano und so wie er diese Worte aussprach, klangen sie wie eine Drohung.
„Das Unglück, das über mein Haus herein brach, begann mit meinem Sohn Shefton; meinem Zweitgeborenen“, fuhr Tefano fort.
„Nach Skarbalds Tod hätte er sich um das Haus kümmern müssen, doch er lehnte es ab! Ich hatte mittlerweile mein Amt als Oberhaupt der Kirche Barnazuls eingenommen und konnte mich nicht selbst darum kümmern. Wie Ragnolio war auch Shefton ein Anhänger der arkanen Künste und er schloss sich den Wissenshütern von Shembanyor an, anstatt zu seinem Haus zu stehen!“.
Zorn ließ die Stimme des Gottgeweihten beben.
„Das Wühlen in alten Schriften bedeutete ihm mehr als das Schicksal der seinen!
Oft sprach ich mit ihm und versuchte, ihn zur Vernunft zu bringen, doch ohne Erfolg! Ich hätte ihn zwingen können, seine Studien aufzugeben, doch hatte ich Zweifel, daß dieser Weg der Zukunft unseres Hauses von Nutzen sein würde.
Ich beauftragte also Renski, ihre Talente einzusetzen, um Shefton bei den Wissenshütern in Misskredit zu bringen.“.
„So wie ihr uns in Misskredit gebracht habt?“, polterte Bai, so daß Terzon zusammenzuckte und nervös auf seinem Stuhl herumrutschte.
„Auf ähnliche Weise“, antwortete Tefano, den Vorwurf ignorierend.
„Renski hatte Erfolg und die Wissenshüter verstießen ihn. Doch Shefton reagierte darauf anders, als ich erwartet hätte. Anstatt reumütig zu seinem Haus zurückzukehren und sich seiner Bestimmung zu fügen, verschwand er spurlos!
Es gab Gerüchte, daß er sich dem Geächteten Zirkel angeschlossen hätte! Ich bin sicher, ihr habt von diesen abtrünnigen Arkanisten gehört!“.

„Eine Gilde von Magiern“, sagte Terzon – einerseits um Tefanos Annahme zu bestätigen, andererseits um Rahne ins rechte Bild zu setzen, dem der Name als Ausländer sicher nicht geläufig war.
„Einst waren sie Mitglieder der Wissenshüter von Shembanyor, bis herauskam, daß sie skrupellose Geschäfte mit der Pestkönigin trieben! Der Damar brandmarkte sie als Verräter des Reiches und erklärte sie für vogelfrei.
Nur wenige von ihnen wurden gefasst. Die übrigen führen seitdem das Leben von Seeräubern und stellen ihre Dienste jedem zur Verfügung, der sie sich leisten kann. Sie sind Soldmagier von übelstem Schlage!“.
„Sehr richtig!“, bestätigte der Schlangenpriester Terzons Worte.
„Sheftons Verschwinden ist nun zwei Jahre her. Mir blieb nichts anderes übrig, als Ivendra mit der Aufsicht über die Geschäfte des Hauses zu beauftragen.
Sie machte ihre Sache gut, auch wenn ich andere Pläne für ihre Zukunft hatte, wie ihr mittlerweile wisst. Nun, es ist nun ein Jahr her, daß auch Ivendra mitsamt meiner Enkeltochter plötzlich verschwand.“.
Tefano machte eine Pause und rieb sich die Schläfen.
Für einen Augenblick machte er den Eindruck eines gramgebeutelten, alten Mannes, bevor er wieder seine Haltung annahm.
„Es scheint, als habe sich Ivendra in den Kopf gesetzt, Shefton auf eigene Faust zu suchen und zur Rückkehr zu bewegen! Was meinen Spionen nicht gelang, wollte sie nun bewerkstelligen. Ein törichtes Unternehmen! Sie nahm Hauptmann Trask, den Anführer meiner Hauswache und eine stattliche Anzahl von Soldaten mit, als sie aufbrach.“.

„Was hat das alles mit diesem Ragnolio zu tun?“, erkundigte sich Rahne.
„Es scheint, als hätte sie ihn kontaktiert, um sich ausgerechnet von diesem Mörder und Verräter bei ihrem Unternehmen helfen zu lassen!“, fluchte Tefano, der nun die Fassung zu verlieren schien.
„Scheinbar teilte sie nicht eure Meinung von ihm“, sagte Rahne.
„Allerdings!“, knurrte Tefano und warf dem Thalisier einen bedrohlichen Blick zu. „Meine Nachforschungen haben ergeben, daß sie sich mit dem Teufel vor etwas mehr als einem Jahr in Skarfell traf; einer zwielichtigen Hafenstadt südlich von Viviandis. Dort gingen beide an Bord eines Schiffes und seither ist sie verschwunden. Ragnolio jedoch ist einige Wochen später wieder im Gwandalischen Meer aufgetaucht! An Bord eines Schiffes namens Abschaum macht er das Gewässer seither als Pirat unsicher!“.
Rahne runzelte die Stirn und schaute seine Kameraden an, die ebenso irritiert wirkten.
„Habt ihr nicht erzählt, daß der Mann in Tandiak das Leben eines Barons führt?“, fragte Terzon, „warum also hat er sich der Piraterie zugewandt? Das macht doch keinen Sinn!“.
„Es ist aber so!“, sagte Tefano, „das Goldene Geschwader hat bereits einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt! Er hat im Laufe eines Jahres mehr Schiffe aufgebracht, als andere Seeräuber während ihrer ganzen Laufbahn. Bisher ist es den Männern des Erzherzogs nicht gelungen ihn zu fassen, geschweige denn, seinen Unterschlupf ausfindig zu machen, falls so ein Ort überhaupt existiert.“.
Tefano schwieg einen Moment und schaute die Gefangenen mit seinem kalten Blick an. „Die Gründe für Ragnolios Lebenswandel werdet ihr herausfinden!“.
Die Männer starrten ihn sprachlos an.

„Ihr werdet euch in Ragnolios niederträchtige Bande einschleichen und herausfinden, was mit meiner Tochter und meiner Enkelin geschehen ist!“, befahl Tefano.
„Findet ihren Aufenthaltsort heraus und bringt sie zurück nach Ganiordaes und zwar so schnell wie möglich!“.
„Aber wie soll uns das gelingen?“, fragte Terzon, „wie sollen wir Ragnolio finden, wenn selbst das Goldene Geschwader bei dem Versuch versagt?“.
Tefano Makeiros nickte.
„Euer Einwand ist berechtigt, Terzon! Aber wenn mein Plan gelingt, werdet ihr Ragnolio nicht finden, sondern er euch!“.
Erneut schauten die Männer den Priester ungläubig an.
„Ich habe einigen Aufwand betrieben, um euch in die Situation zu bringen, in der ihr nun seid“, erklärte der Gottgeweihte.
„Mein Plan nahm Form an, nachdem eine glückliche Fügung mir einen von Ragnolios Vertrauten in die Hände spielte; einen Mann namens Quartez.
Durch Zeugen, die Ragnolios Überfälle überlebten, weiß ich, daß Quartez zu seinen engsten Vertrauten zählt! Er wurde dabei ertappt, als er in das Arkane Archiv der Wissenshüter von Shembanyor eindrang, um irgendwelche Schriften zu stehlen. Durch meinen Einfluss konnte ich erwirken, daß man ihn in den Palast der Gerechtigkeit hier in Glazuria überstellt. Gegenwärtig ist er auf dem Weg hierher; er wird in Kürze eintreffen.“.
„Ich kann euch nicht folgen!“, sagte Bai. „Was für einen Vorteil versprecht ihr euch davon, wenn wir mit diesem Mann eine Zelle teilen? Wollt ihr einen gemeinsamen Ausbruch fingieren?“.
„Oh nein!“, antwortete Tefano. „Ragnolio ist ein durch und durch misstrauischer Hund! Der Palast der Gerechtigkeit gilt als sicherstes Gefängnis des Reiches! Bisher ist es noch niemandem gelungen, von dort zu entkommen.
Ragnolio würde vermutlich schnell den Verdacht schöpfen, daß der Ausbruch eine Farce ist und dann wäre euer Leben verwirkt.
Nein, ich zähle darauf, daß Quartez für Ragnolio unentbehrlich ist und auf seine Dreistigkeit. Ragnolio hat schon vor ein paar Monaten einmal ein Gefängnisschiff des Geschwaders überfallen und Piraten befreit. Vermutlich wollte er seine Mannschaft vervollständigen oder Lücken in seinen Reihen schließen.
Das könnte er erneut tun und vor allem dann, wenn seine rechte Hand sich an Bord dieses Schiffes befindet.“.
„Was lässt euch so sicher sein, daß er uns nicht einfach tötet?“, fragte Rahne besorgt.
„Der Teufel hat einen merkwürdigen Sinn für Gerechtigkeit“, sagte Makeiros.
„Bei seinem letzten Überfall hat er zwar jeden Soldaten des Schiffes töten lassen, doch die Gefangenen ließ er am Leben; selbst jene, die nicht auf das Angebot eingehen wollten, sich ihm anzuschließen.“.
„Interessant!“, gestand Terzon ein, „doch warum sollte er ausgerechnet uns anheuern wollen?“.
„Weil ihr euch einen Ruf als gerissener und notorischer Pirat erworben habt, Kapitän Terzon!“, antwortete der Gottgeweihte mit einem zufriedenen Lächeln.
„Seit eurer Gefangennahme verbreiten Leute in meinen Diensten mannigfaltige Gerüchte über eure Überfälle! Die gesprächigsten Wächter und Richter erhielten durch „Unachtsamkeit“ Einblick in euer Logbuch! Die Taten der Piraten von der Seehure und ihres Kapitäns sind in aller Munde; vor allem in zwielichtigen Kreisen. Ich bin nahezu sicher, daß Ragnolio Spione in Glazuria hat, die ihm von diesen Erzählungen berichten werden. Selbst wenn diese Gerüchte nicht ausreichen sollten, ihn dazu zu bewegen, euch zu befreien, so wird er doch von euch gehört haben, wenn sich eure Wege kreuzen! Ich bin sicher, daß er für Männer eures Schlages durchaus Verwendung finden könnte.“.
„Und wie soll Ragnolio unserer habhaft werden?“ erkundigte sich Bai skeptisch.
„In drei Tagen wird eine Gefangenengaleere von Glazuria aus Kurs auf Viviandis nehmen“, erläuterte Tefano geduldig.
„Der Damar lässt dort gegenwärtig gemeinsam mit den Herrschern dieser Stadt eine Flotte für den Krieg gegen die Xurakon ausheben, für die Rudersklaven benötigt werden. Es ist nicht der erste Transport dieser Art, der von Glazuria aus aufbricht, weshalb Ragnolio keinen Verdacht schöpfen wird. Quartez und ihr werden an Bord dieser Galeere sein und ich werde dafür sorgen, daß diese Information in die richtigen Kreise gerät. Ragnolio wird sich eine solche Chance nicht entgehen lassen.“.
„Und für diesen Plan nehmt ihr in Kauf, daß er sämtliche Soldaten der Gefangenengaleere töten lässt wie beim letzten Mal?“, fragte Rahne bestürzt.
„Wo gehobelt wird fallen Späne, Rahne von Bram…“, sagte Tefano mit gleichgültiger Miene.
„Und ihr habt auch dafür gesorgt, daß Kitano Kreshh verhaftet wurde?“, fügte der Thalisier hinzu.
Der Gottgeweihte nickte.
„Ihr habt das Leben dieses Mannes zerstört!“, protestierte der schockierte Thalisier. „Ihr habt den Konsul mit Renskis Hilfe für eure Zwecke eingespannt und nun lasst ihr ihn über die Klinge springen?!“.
„Zeugen dieses Plans kann ich nicht gebrauchen“, erklärte Tefano kalt und ohne auf Rahnes Entsetzen einzugehen, „vor allem nicht solche, die für den weiteren Verlauf nicht mehr von Nutzen sind!“.

„Und deshalb die Tätowierung?“, fragte Terzon besorgt, „damit wir nach eurer Pfeife tanzen und keinen Fluchtversuch wagen und ihr uns trotzdem nach getaner Arbeit verschwinden lassen könnt?“.
„Die Rückkehr meiner Kinder bedeutet mir viel!“, erklärte Tefano ruhig.
„Zumindest die Rückkehr von Ivendra und Mirena. Shefton hat mich zutiefst enttäuscht; sein Schicksal ist mir einerlei…“.
„Ihr seid eine Bestie“, schnaubte Rahne angewidert, „es ist kein Wunder, daß eure Kinder euch davon gelaufen sind!“.
Erneut wurde der Thalisier mit einem warnenden Blick von Renski bedacht.
„Sollte es euch gelingen Ivendra und Mirena oder auch nur eine der beiden Frauen zurück zu bringen, werde ich euch fürstlich entlohnen!“, verkündete Tefano ungerührt von Rahnes Einwurf.
„Für jede von ihnen zahle ich euch fünfzigtausend Goldmünzen!“.
„Fünfzigtau…?“. Rahne wurde von Sprachlosigkeit übermannt.
„Weitere Fünfzigtausend erhaltet ihr für Ragnolios Leiche oder einen unumstößlichen Beweis seines Todes!“, ergänzte der Hohepriester sein Angebot.
„Ihr erhaltet ganze hunderttausend Goldmünzen, wenn ihr ihn lebend zu mir bringt und ich in den Genuss der Vergeltung komme!“.
Rahne klappte der Unterkiefer hinunter.
Angesichts dieser Zahlen starrte er Tefano Makeiros ungläubig an.
„Ihr könnt uns jeden denkbaren Betrag bieten“, knurrte Bai resignierend, „ihr werdet uns nach unserer Rückkehr – ob erfolgreich oder nicht – sowieso töten.“.
„Geld bedeutet mir nichts!“, sagte Tefano gereizt.
„Mein Haus hat mehr als genug davon! Was mir allerdings viel bedeutet, ist der Fortbestand meiner Familie! Das ist mir eine großzügige Belohnung wert.“.
„Angesichts eures Angebots erscheint mir eure Tätowierung überflüssig!“, sagte Terzon mit einem Lächeln. „Ich hätte mich auch ohne dieses Zwangsmittel zu dieser Mission bereit erklärt!“.
„Ihr seid verrückter als ich gedacht hätte!“, sagte Renski amüsiert.
Rahne kam nicht umhin, der Frau schweigend zuzustimmen.

„Was ist nach unserer Rückkehr?“, fragte Terzon besorgt.
„Immerhin sind wir dann noch immer gesuchte Piraten! Flüchtige Piraten noch dazu!“.
„Nun, wenn ihr euren Auftrag erfüllt, werdet ihr rehabilitiert“, erklärte der Gottgeweihte.
„Und ihr verleiht uns aus Dankbarkeit einen Adelstitel!“, schlug Terzon mit einem breiten Lächeln vor, „und Ländereien!“.
Tefano Makeiros zog erstaunt die Augenbrauen hoch und verlor für einen Augenblick die kalte Maske der Unnahbarkeit von seinem Anlitz. Renski lachte leise.
Bai war angesichts der Dreistigkeit seines Gefährten in dieser Situation sprachlos.
„Wenn ihr Ivendra, Mirena und den lebenden Ragnolio nach Glazuria bringt, sollt ihr auch euren Titel und Land haben!“, sagte Tefano nach kurzer Überlegung.
Bai war erstaunt.
Sollte der Gottgeweihte tatsächlich darüber nachdenken, seinen Teil der Abmachung einzuhalten oder wollte er sie nur in Sicherheit wiegen? Möglicherweise hatte Bai Recht und der Priester würde auf jede Forderung eingehen, da er keinerlei Absicht hegte, seinen Teil des Geschäfts einzuhalten. Er hatte sie in der Hand…
„Wie viel Zeit gebt ihr uns für diese Mission?“, fragte Rahne schließlich.
„Ein Jahr“, antwortete Tefano knapp. „Wenn ich bis heute in einem Jahr, am zehnten Tag des Szinderika, nichts von euch gehört habe, werde ich die magischen Worte sprechen und ihr werdet Joskals Schicksal teilen.
An Flucht müsst ihr keinen Gedanken verschwenden!
Das magische Wort wird euch überall erreichen; sogar auf den Ebenen! Für euch gibt es kein Entrinnen!
Natürlich könntet ihr euch entschließen, meine Weisungen zu ignorieren und euch irgendwo zu verstecken, doch dann könnt ihr sicher sein, daß eure Tage gezählt sind! Versuche, die Tätowierung zu entfernen, sind ebenfalls zwecklos.
Dieses Kunstwerk auf eurem Rücken ist nach Art bornesischer Sklaventätowierungen direkt in euer Fleisch gestochen. Selbst wenn ihr euch die Haut abziehen lasst, wird sie wieder auftauchen.
Auch Magie – selbst mächtige Bannzauber – können nichts dagegen ausrichten. Einzig und allein der Tätowierer selbst kann euch davon befreien und ich werde dafür sorgen, daß ihr ihn niemals finden werdet! Ihr müsst allerdings kein Bedenken haben, daß irgendjemand in eurer Gegenwart versehentlich das Befehlswort ausspricht und euch dem Tod überantwortet. Eure Tätowierungen reagieren ausschließlich auf meine Stimme und so bleibt es mir vorbehalten, über euch zu richten!“.
Rahne schluckte angesichts dieses Teufelswerks.
„Ich fürchte den Tod nicht!“, sagte der Jüngling trotzig, „doch ich wünsche euch, daß euch euer teuflisches Tun eines Tages in gleichem Maße vergolten wird!“.
„Ein frommer Wunsch!“, sagte Tefano und lachte amüsiert, „jedoch einer, den ich euch nicht erfüllen werde…“.
Die Männer sahen, daß Renski ein Tablett mit drei Bechern heran trug.

„Nun, unser Gespräch neigt sich dem Ende!“, verkündete Tefano.
„Ihr müsst lediglich euer Geständnis unterschreiben, um die Ereignisse in Gang zu setzen, die euch Freiheit und Reichtum und mir die Rückkehr meiner Kinder bescheren. Ich werde dafür sorgen, daß euer Hab und Gut sich an Bord der Galeere befindet.“.
Dann wendete Tefano seinen Blick Rahne zu und lächelte ihn an.
„Für eure geistige Erbauung, Rahne von Bram, habe ich eurem Gepäck ein gewisses Buch hinzugefügt, an dem ihr in Kitanos Anwesen ein reges Interesse zeigtet. Er wird in nächster Zukunft vermutlich keine Verwendung dafür haben.“.
Rahne konnte seine Überraschung und einen Anflug von Freude nicht verbergen.
„Danke“, sagte er knapp. Tefano lächelte zufrieden.
„Wenn ich noch eine bescheidene Bitte äußern dürfte“, sagte Rahne und schaute den Hohepriester erwartungsvoll an.
„Sprecht!“, sagte Tefano und setzte eine großmütige Miene auf.
„Ich habe vor einigen Tagen bei dem Holzschnitzer Iglosius einen Schrein zu Ehren meiner Schutzgottheit in Auftrag geben lassen“, erklärte der Thalisier.
„Mir liegt viel daran, ihn auf einem der Friedhöfe der Stadt aufstellen zu lassen. Da wir auf dieser Mission jede Hilfe benötigen können und göttlicher Beistand somit auch euren Zielen zuträglich wäre, wäre es sehr ehrenwert von euch, wenn ihr euch darum kümmern könntet, daß dies geschieht.“.
Der Gottgeweihte der Barnazul schien einen Augenblick zu überlegen, bevor er schließlich nickte. Rahne verspürte ein Gefühl der Erleichterung.
Der Schlangenpriester musste nicht wissen, daß hinter seinen Beweggründen mehr steckte, als bloße Frömmigkeit.
„Das ist die einzige Hilfe die ich euch gewähren kann, ohne Ragnolios Misstrauen zu erregen. Ansonsten werdet ihr während eurer Mission auf euch selbst gestellt sein!“, sagte der Gottpriester und ließ so durchblicken, daß die Unterredung sich ihrem Ende neigte.
Die Männer nickten schweigend.
Man löste ihre Handschellen und Renski reichte jedem von ihnen einen Becher mit der bekannten Flüssigkeit.
Tefano erhob sich und musterte die Männer.
„Möge die Vergänglichkeit euch verschonen!“, sagte er und vollführte die segnende Geste der Barnazul-Priester.
„Viel Glück! Wenn ihr eure Haut retten wollt, dann seid erfolgreich!“.
In Begleitung einer Gruppe Wächter schritt der Gottgeweihte des Smaragdtempels davon. Die drei Männer wechselten einen kurzen Blick und leerten dann ihre Becher.
Renskis spöttisches Lächeln war das Letzte was sie sahen, bevor ihnen die Augen zufielen.

Lautes, metallenes Poltern weckte die drei Gefährten.
Ein Blick zeigte ihnen, daß sie sich wieder in der Kerkerzelle befanden.
Wie schon bei ihrer Audienz bei Tefano Makeiros verspürten sie deutlich die Nachwirkung der Schlafdroge, die Renski ihnen verabreicht hatte.
Träge setzten sie sich auf, um sich nach der Ursache des Lärms umzuschauen.
Die Panzertür des Kerkers stand offen und mehrere Wachen waren dabei, eine große, eiserne Kiste in den Vorraum und von dort in die zuvor auf so geheimnisvolle Weise präparierte Zelle zu schleifen.
Die Kiste war gut zwei Meter hoch und hatte eine Fläche von einem Meter im Quadrat. Die schwere Kiste schien vollständig aus Panzerstahl zu bestehen, der von massiven Nieten zusammengehalten wurde.
Aus schmalen Schlitzen, die in die Seiten der Kiste eingelassen waren, drang grelles Licht hervor.
Die Wachen schwitzten und fluchten vor Anstrengung, doch schließlich gelang es ihnen, die merkwürdige Kiste in die Mitte der leeren Zelle zu bugsieren.
Anschließend zogen sie Seile durch mehrere Ösen, die an den Außenwänden der Kiste angebracht waren und lösten mehrere massive Eisenbolzen, die die Seiten der Kiste zusammenhielten.
„Raus jetzt!“, brüllte einer der Wächter und seine Gefährten sputeten sich, seinem Befehl nachzukommen und die Zelle schleunigst zu verlassen.
Die Enden der Seile zogen sie durch die Gitterstäbe.
Die seltsamen Vorkehrungen und die spürbare Nervosität der Wächter hatte nun die volle Aufmerksamkeit der drei Gefangenen erregt und sie standen am Gitter ihrer Zelle und beobachten gebannt das Geschehen.
Einer der Wächter zog einen Stab aus seinem Gürtel, richtete ihn auf die Zelle und flüsterte leise ein Wort. Die plötzliche Helligkeit, die in der Zelle aufblitzte, blendete die überraschten Gefangenen und ihre Augen tränten.
Es dauerte einen Moment, bis ihre Augen sich an das gleißende Licht gewöhnt hatten. Licht, heller als die Mittagssonne des ganeordischen Sommers, erfüllte die Zelle, in deren Mitte die geheimnisvolle Kiste stand.
Nun waren auch die arkanen Symbole wieder zu erkennen, die Wände, Boden und Decke der Zelle bedeckten und rötlich glühten.

„Holt ihn raus!“, befahl der Wächter mit dem Stab und seine Kameraden zerrten an den Seilen. Polternd zerfiel die Kiste in ihre Einzelteile, die scheppernd zu Boden fielen, und enthüllte die Gestalt eines Mannes.
Der Mann, der sich schützend die Hand vor die Augen hielt, war groß und hager und trug die graue Hose der Kerkerkluft. Abgesehen davon war er nackt.
Er war eher schmächtig, doch seine Muskeln wirkten sehnig und fest.
Sein kahler Schädel glänzte in dem gleißenden Licht.
Das Bemerkenswerteste an seiner Erscheinung war jedoch seine Haut. Sie war schwärzer als die Haut eines Iqueri; schwarz wie Onyx.
„Wo bin ich hier?“, stöhnte der Mann, der benommen wirkte.
„Da wo ihr hingehört, Quartez!“, antwortete der Anführer der Wächter spöttisch, „willkommen im Palast der Gerechtigkeit!“.

Fortsetzung unter: Kapitel 4 : Glutwind

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