Kapitel 5 : Abschaum

Während Bai den bewusstlosen Lorush zum Bug der Abschaum trug, wo er ihn behutsam niederlegte, befahl Tariq Rahne und Terzon dabei zu helfen, die Beute von der Glutwind in den Laderaum des Piratenschiffs zu tragen.
Schnell füllte sich der Laderaum mit Proviant, Munition und anderen nützlichen Utensilien wie Segeltuch, Tauen und anderen Dingen.
Schließlich wurden auch Kisten voll mit anderen Dingen – offensichtlich die Habe der Soldaten der Glutwind – unter das Deck der Abschaum befördert.
Rahne staunte angesichts der Fülle von Ladung, die bereits im Bauch des Schiffes vorhanden war. Ballen erlesener Stoffe vom Nachtmeer, aufgerollte kaspairische Teppiche, Fässer mit den Siegeln larkanischer Gewürzhändler und Säcke voll Tabak waren nur einige der Kostbarkeiten, die dem jungen Thalisier ins Auge stachen.
Es machte den Eindruck, als wäre die Mannschaft der Abschaum auch in Abwesenheit ihres Kapitäns nicht untätig gewesen…
Voller Freude entdeckte Terzon sein Bündel zwischen anderen und machte sich daran, saubere Kleider daraus hervorzuziehen.
Er bemerkte nicht die missbilligenden Blicke der übrigen Piraten, als er die verdreckte und zerrissene Sklavenmontur ablegte und begann, seine eigenen Kleider anzuziehen.
„Was treibst Du da?“, hörte er plötzlich eine polternde Stimme und eine Pranke legte sich auf seine Schulter.
Terzon wirbelte herum und sah sich dem hünenhaften Quartiermeister des Schiffs gegenüber, der ihn mit zornigem Blick musterte.
„Ich ziehe mich um!“, erklärte Terzon trotzig und fuhr damit fort, sein seidenes Hemd zuzuknöpfen.
„Du legst die Sachen sofort wieder weg, Du Ratte!“, knurrte der Halbork und griff sich den Seesack, der zu Terzons Füßen stand. „Das ist die Beute meiner Männer! Wer sich daran vergreift, kann sich auf eine gehörige Abreibung gefasst machen; vor allem wenn er noch nicht mal zu meiner Mannschaft gehört!“.
Die Stimme des Quartiermeisters drang bedrohlich.
„Das ist keine Beute“, erwiderte Terzon schroff und unbeeindruckt von Tariqs Worten. „Das ist mein Eigentum und ich sehne mich schon seit Tagen danach, etwas Frisches anzuziehen!“.
„Dich werde ich Gehorsam lehren, aufsässiger Bastard!“, polterte Tariq und war gerade im Begriff, den überraschten Terzon zu packen, als Quartez’ Stimme ertönte.

„Was ist hier los?“, verlangte der Kapitän zu wissen, als er durch das Gewimmel der arbeitenden Piraten zu den beiden Männern trat. Rahne fiel auf, wie die Männer – trotz daß sie mit Säcken und Kisten beladen waren – peinlich darauf achteten, ihrem schwarzhäutigen Kapitän nicht in die Quere zu kommen.
„Euer Fang hier vergreift sich an unserer Beute!“, schimpfte der Quartiermeister und deutete auf Terzon, der sich trotzig das Hemd in die Hose steckte.
„Ich habe eurem Quartiermeister schon gesagt, daß dies hier meine Sachen sind!“, erklärte Terzon. „Ich nehme mir nur, was ohnehin mir gehört!“.
Quartez warf Terzon einen bohrenden Blick zu.
„Mein Quartiermeister hat Recht“, erklärte er kühl.
„Ihr besitzt nichts außer der Haut auf euren Knochen. Alles, was von der Glutwind geholt wird, ist Eigentum der Mannschaft und wird gerecht geteilt.“.
„Was?!“, entgegnete Terzon aufgebracht. „Aber das ist mein Zeug! Das ist alles, was ich besitze!“.
„So ist das Gesetz der Abschaum!“, erklärte Quartez unbewegt. „Alles hier gehört meiner Mannschaft. Seid froh, daß ihr mit dem Leben davon gekommen seid.“.
Tariq nickte zustimmend und Quartez war gerade im Begriff, sich abzuwenden, als Terzon erneut das Wort erhob: „Verzeiht, Kapitän Quartez, aber das kann ich nicht hinnehmen!“.
Ungläubig starrten sowohl Quartez als auch der Quartiermeister den aufsässigen Mann an.
Rahne erschauerte, als er daran dachte, wie der Kapitän der Abschaum bedingungslosen Gehorsam von den Männern gefordert hatte, die sich ihm anschlossen. Der unheimliche Pirat schien keine Skrupel zu haben, seinen Willen auch auf unsanfte Weise durchzusetzen.

„Erklärt euch!“, zischte Quartez und an der angespannten Haltung des Kapitäns war zu erkennen, daß der Zorn in ihm erwachte.
Tariq trat einen Schritt zurück und Rahne glaubte, einen Anflug von Sorge auf dem Gesicht des Halborks zu erkennen.
„Seht ihr das Schwert dort?“, sagte Terzon und deutete auf den langen, in Tuch geschlagenen Gegenstand, der aus dem Seesack ragte.
„Das ist mein wertvollster Besitz! Ich respektiere eure Gesetze, Quartez, aber diese Klinge kann ich nicht hergeben! Wenn ihr das von mir verlangt, müsst ihr mich töten!“.
Quartez zog das Schwert aus dem Seesack und beseitigte das Tuch.
Sanft strich er mit der Hand über das polierte Holz des Griffs, bevor er die Klinge aus der Scheide zog.
Für einen kurzen Augenblick befürchtete Rahne, daß der unheimliche Pirat Terzon enthaupten würde, als er die Klinge hob, doch Quartez betrachtete lediglich bewundernd die meisterlich geschmiedete Klinge.
„Ein Meisterwerk…“, sagte er anerkennend.
„Ich werde tun, was ihr von mir verlangt, wenn ihr mir meinen Besitz wiedergebt!“, bat Terzon, in dessen Augen Hoffnung glomm.
„Das werdet ihr ohnehin…“, antwortete Quartez kalt. „Ihr werdet schon ein anständiges Angebot machen müssen, wenn ihr eure Klinge zurück haben möchtet!“.
Mit einem Fauchen ließ Quartez die Klinge durch die Luft sausen.
„Wahrhaftig ein Prachtstück!“, sagte der Kapitän erneut.
Ein Anflug von Panik überkam Terzon. Würde der Kapitän das Katana für sich beanspruchen?
„Ich verzichte auf jeglichen Anteil an der Beute, wenn ihr mir meinen Besitz zurück gebt!“, bot er an, „für ein halbes Jahr!“.
„Ein gewagtes Angebot“, entgegnete Quartez, „zumal ihr bisher noch nicht einmal bewiesen habt, daß ihr dazu taugt, euch meiner Mannschaft anzuschließen!“.
Terzon ignorierte die Provokation in Quartez’ Worten.
„Wenn wir versagen, ist unser Leben ohnehin verwirkt!“, entgegnete Terzon nüchtern. „Meine Klinge wird mir dann auch nicht mehr viel nützen.“.
„Weise Worte, die von Klugheit und einem klaren Verstand zeugen, Terzon“, sagte Quartez anerkennend.
Der Schwarzhäutige starrte für einen Augenblick in Gedanken versunken auf die Klinge, bevor er sie Terzon schließlich reichte.
„Betrachtet dies als Ausnahme und als Zugeständnis an eure Position als ehemaliger Kapitän!“, erklärte Quartez, „doch erwartet keine weiteren Gefälligkeiten von mir und sorgt vor allem dafür, daß ich diese Entscheidung – in Anbetracht eures Wohlbefindens – nicht bereue…“.
Mit diesen Worten machte Quartez auf dem Absatz kehrt und begab sich wieder zu der Treppe, die aufs Deck führte.
„Danke!“, sagte Terzon, doch der Kapitän verschwand, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Als die letzte Beute verstaut war und Rahne und Terzon aufs Deck zurückkehrten, war die Glutwind nur noch als flammender Umriss in der Ferne zu erkennen.
Quartez hatte den Befehl gegeben, das stolze Kriegsschiff zu verbrennen.
Der Nebel, der den Überfall der Abschaum begleitet hatte, war verflogen und einer sternenklaren Nacht gewichen.
Mit stolz geblähten Segeln schnitt das Piratenschiff durch die Wogen.
Tariq, der den frisch eingekleideten Terzon mit missbilligenden Blicken bedachte, brachte die beiden Gefährten zu den übrigen Neuankömmlingen an den Bug des Schiffes.
Dort hockten – neben Bai, der den bewusstlosen Lorush auf einem provisorischen Lager aus Seilrollen und Segeltuch bettete – mehr als zwanzig ehemalige Rudersklaven, die den Schritt gewagt hatten, auf Quartez’ Abschaum anzuheuern. Verwegene Männer, allesamt gezeichnet von Gefangenschaft und den Strapazen des Ruderns. Es war eine zerlumpte, zerzauste und bärtige Gesellschaft.
Nun saßen sie schweigend da, während der kühle Seewind an ihren dreckigen Haaren zerrte, und ließen ihre Blicke übers Deck huschen.
Mit Missfallen bemerkte Terzon, daß auch der tätowierte Hobgoblin, der seinen Plan einer Sklavenrevolte stets als Irrsinn abgetan und bei der Flucht Lorush erschossen hatte, sich ebenfalls unter den Anwärtern befand.
Terzon warf dem Mann einen finsteren Blick zu.

„Dies ist vorerst euer Platz!“, erklärte Tariq befehlend, „und den werdet ihr nur verlassen, wenn ich euch den Befehl dazu gebe oder die See euch holt. Verstanden?“.
Die meisten Männer nickten, einige starrten auf ihre Füße.
„Ich werde euch Eimer bringen lassen, damit ihr euch Meerwasser zum Waschen herauf ziehen könnt“, fuhr Tariq fort, „und Trinkwasser und etwas zu essen. Ein bisschen Verbandszeug, ein paar Decken und ein paar Lumpen dürften sich ebenfalls auftreiben lassen.“.
Terzon merkte, wie einige der ehemaligen Rudersklaven neidvoll seine saubere Kleidung betrachteten und auch Bai zog fragend eine buschige Augenbraue hoch, als er den Aufzug seines Gefährten sah.
Terzon ignorierte das.

„Ich bezweifle, daß Lorush das überleben wird…“, flüsterte Bai, während er die Blutung der sickernden Bauchwunde zu stillen versuchte.
Rahne musterte den bleichen, schwitzenden Soldaten gleichgültig.
Zwei Piraten in Begleitung des Quartiermeisters brachten die versprochenen Dinge und die befreiten Gefangenen begannen sofort damit, Eimer voller Seewasser über die Reling herauf zu ziehen und sich von ihren verdreckten Kleidern zu befreien.
Die Piraten entfernten sich angeekelt angesichts des Gestanks, der um die Männer herum aufwallte.
Die Gefährten betrachteten einen Augenblick die Gruppe der Männer, die nun begannen, den demütigenden Dreck der Gefangenschaft von ihren zerschundenen Leibern zu spülen.
Terzon bemerkte zufrieden, daß auch der Blick des Orks zu dem tätowierten Hobgoblin hinüber glitt und sich Bais Miene leicht verfinsterte.
„Der Bastard“, flüsterte Terzon und Bai nickte stumm.
Die abfälligen Kommentare des Tätowierten kamen ihm wieder in den Sinn und mit Schaudern dachte er daran, wie der Mann Lorush kaltblütig niedergeschossen hatte.
„Er hätte von Bord gehen sollen, als er die Gelegenheit hatte…“, flüsterte Terzon mit einem grimmigen Unterton und tauchte dann den Kopf in einen Eimer voller Wasser.
Bai ließ seine Gedanken wandern, während Terzon sein Haar wusch und Rahne damit beschäftigt war, die ärgsten Flecken aus seiner zerschlissenen Sträflingskluft zu schrubben.

Als Terzon sich gewaschen und abgetrocknet hatte, setzte er sich zu seinen Gefährten und begann, seine Sachen zu sortieren.
Er beugte sich dabei beiläufig über Lorush und Bai sah nun, daß sein Gefährte den Heilstecken, den Kitano Kreshh ihnen gegeben hatte, in der Hand hielt und damit den Schwerverwundeten berührte.
Terzon versuchte, das bläuliche Leuchten der heilenden Magie mit seinem Leib abzuschirmen und tatsächlich schien niemand Notiz von dem zu nehmen, was dort im Bug des Schiffes gerade geschah.
Erleichtert beobachtete Bai wie sich Lorushs Wunde langsam schloss. Eine hässliche, frische Narbe zog sich nun über den mit violetten Hämatomen übersähten Bauch.
Lorush würde noch länger an Schmerzen leiden, aber sterben würde er vermutlich nicht mehr. Zufrieden sah Bai, daß Lorushs Gesicht wieder eine rosige Farbe annahm.
„Das habe ich nur für euch getan!“, stellte Terzon flüsternd klar und schenkte Lorush einen verachtenden Blick.
Terzon wandte sich ab und begann sich wieder anzuziehen.
An den sich waschenden Männern vorbei nahm Bai plötzlich den starrenden Blick des Hobgoblin war, der von der anderen Seite des Bugs zu ihnen hinüber schaute.

Nachdem die Männer sich notdürftig gereinigt und bekleidet hatten, saßen sie schweigend und dicht gedrängt im Bug.
Einige von ihnen sahen aus, als hegten sie Zweifel an ihrem Entschluss, an Bord eines Piratenschiffs gegangen zu sein. Misstrauisch beäugten sie das Treiben auf dem Deck des Schiffes und ihre eigenen, neu gewonnenen Gefährten.
Zwei Piraten brachten schließlich Schläuche mit Trinkwasser und ein Tablett mit Zwieback, Dörrfleisch, Hartkäse und Äpfeln und setzten es den hungrigen Männern vor.
Der tätowierte Hobgoblin war einer der ersten, die beherzt zugriffen; doch plötzlich schnellte Bai vor und packte den Hobgoblin am Arm.
Rahne verschluckte sich vor Schreck und hustete Wasser über das Deck.
„Feiglinge kriegen als letztes!“, knurrte der Ork und seine gelben Augen funkelten zornig. „Seid froh wenn ihr überhaupt etwas abbekommt!“, zischte Terzon den Hobgoblin an.
Der Tätowierte schnaubte und starrte die Gefährten böse an.
„Die Mahlzeit ist für alle!“, knurrte der Hobgoblin und riss sich los.
„Glaub’ nicht, daß Du hier befehlen kannst, nur weil du dich mit dem Käpt’n arrangiert hast.“. Er funkelte Terzon zornig an, während er sich ein Stück von dem Brot abbrach und es genüsslich in den Mund schob. Die anderen Männer saßen schweigend daneben und beobachteten bangen Blickes den Disput.
„Bastard!“, knurrte Terzon.
Bai hieb mit der Faust auf den Hobgoblin ein, doch der Tätowierte duckte sich unter dem Schwinger weg.
Der Ork wirbelte herum und wollte einen zweiten Schlag gegen den Hobgoblin führen, als er plötzlich am Ohr gepackt wurde.
Der Schmerz ließ Bai zusammenzucken.
Es wurde so hart an seinem Ohr gerissen, daß er fast das Gleichgewicht verlor.
Blind vor Tränen stolperte Bai seinem Peiniger hinterher.
Er erkannte, daß es Tariq war, der ihn am Ohr quer über das Deck zerrte und ihn dort schließlich los ließ.

„Wenn ich dich noch einmal einen Kameraden angreifen sehe, lasse ich dich Kielholen!“, schimpfte der Quartiermeister, während Bai sich sein schmerzendes Ohr rieb. Tariq hatte sich bedrohlich vor ihm aufgebaut. Bai spürte die Blicke der Piraten, die an Deck standen oder in der Takelage hockten und das Treiben beobachteten.
„Er ist ein Bastard!“, fauchte Bai zurück, „ein Schwein, das uns die Aussicht auf Flucht zunichte machen wollte. Ihr hättet ihn nicht mit an Bord nehmen sollen!“.
„Er ist jetzt dein Kamerad!“, fuhr ihm Tariq dazwischen, „und hier herrscht Einigkeit! Hier gibt es kein böses Blut unter einander. Verstanden?“.
Bai holte Luft um zu widersprechen, als er Tariqs entschlossene Miene sah.
Die Männer musterten sich einen Augenblick und Bai erkannte, daß der Quartiermeister nicht nachgeben würde.
Mit einem Seufzen nickte er. „Verzeiht, Quartiermeister, ich habe die Nerven verloren.“.
„Mich müsst ihr nicht um Verzeihung bitten!“, schnauzte Tariq ihn an und zog ihn zurück zu den Männern.
„Doch das nächste Mal, wenn ihr die Nerven verliert, während ihr eure gerechte Strafe dafür bekommen!“, raunte der Quartiermeister ihm zu.
Die Anwärter hockten zusammen und stopften sich hungrig Essen in den Mund. Tariq schob Bai in Richtung des Hobgoblin, der den Quartiermeister und den Ork misstrauisch musterte.
„Verzeiht!“, sagte Bai und hielt dem Hobgoblin die Hand hin, „ich habe euch Unrecht getan. Verzeiht mir!“.
Terzon senkte beschämt den Blick.
Der Hobgoblin reagierte nicht und starrte nur auf Bai und die ausgestreckte Hand.
Der Ork wiederholte seine Bitte, denn er spürte Tariqs prüfenden Blick im Nacken.
„Nun gut…“, knurrte der Hobgoblin schließlich und musterte Bai und Tariq mit Verachtung. Widerwillig schüttelte er Bais Hand.
Der Quartiermeister wirkte zufrieden und befahl den Männern, sich nun auszuruhen.
Schweigend warfen sich Bai und der Hobgoblin grimmige Blicke zu.

Der Rest der Nacht war kühl und windig.
Terzon erwarb sich Sympathie unter den anderen Anwärtern, indem er seine Pfeife und Tabak mit ihnen teilte.
Er plauderte zwanglos mit jenen, die sein Angebot annahmen und demonstrierte Optimismus. Doch dann kehrte unter den Männern im Bug zügig Ruhe ein, denn die Strapazen des Befreiungskampfes, der unverhofften Freiheit und der Ungewissheit forderten ihren Tribut.
Die drei Gefährten bekamen nur wenig Schlaf, da sie immer wieder fröstelnd erwachten, wenn Gischt über den Bug spritzte.
Gegen Morgen waren die Männer wie gerädert und dankbar, als einige Piraten schließlich einen großen Kessel heißen Tee brachten.
Rahne bemerkte, daß Terzon und Bai noch immer böse Blicke in Richtung des Hobgoblin warfen und war erstaunt über die Aversion, die beide gegen den Mann hatten…
Sicherlich hatte der Kerl sich keinesfalls heldenhaft verhalten, aber hatte er diese Behandlung verdient? Rahne verspürte Gleichgültigkeit.

Die Männer verspeisten ein einfaches, nahrhaftes Frühstück, während die Sonne sich hinter der Silhouette der Insel Orgish im Osten orange glühend aus dem Dunst der Nacht erhob.
Langsam erwachte das Schiff zum Leben.
Tariq tauchte schließlich auf und begann, sie zu Arbeiten einzuteilen.
Terzon, der sich mit seiner Situation vorerst zufrieden gegeben hatte, nutzte die Gelegenheit, um den Halbork mit einer Frage zu unterbrechen.
„Sagt, Tariq, wohin geht die Reise?“.
Der Halbork sah von einer auf Pergament gekritzelten Liste auf.
„Das werdet ihr schon früh genug sehen, Bursche!“, entgegnete der Halbork barsch.
Terzon war sprachlos, als der Halbork ihm Eimer und Schrubber in die Hand drückte und ihn aufforderte, das Achterdeck zu schrubben. Rahne kannte diese Aufgabe von der Tranbraut nur zu gut und er fügte sich bereitwillig in sein Schicksal.
Auch Bai bekam die Aufgabe, die Planken zu putzen, während andere Gefangene für das Flicken der Segel oder Küchenarbeiten eingeteilt wurden.
Der Ork bekam außerdem die Erlaubnis, für den noch immer schlafenden Lorush einen provisorischen Sonnenschutz zu errichten, bevor er seine Arbeit aufnahm.

Es wurde schnell wärmer und die Sonne stieg glühend empor und brachte einen heißen, wolkenlosen Tag. Die drei Männer schrubbten die Planken des Piratenschiffs und hingen ihren Gedanken nach.
Vom Achterdeck aus konnte man weit über das Meer schauen.
Orgish lag irgendwo im flimmernden Osten und am westlichen Horizont verrieten Dunststreifen die Sumpfküste Pangeshas.
Die Abschaum war das einzige Schiff weit und breit.
Während seiner Arbeit hatte Rahne genug Zeit, das Treiben an Deck zu beobachten und sich ein Bild vom Schiff und der Mannschaft zu machen.
Er war erstaunt zu bemerken, daß das Schiff hervorragend in Schuss war.
Bei Tageslicht betrachtet war die Abschaum ein schönes Schiff. Sie war von stabiler Bauweise mit einem breiten, gehärteten Rumpf, wie sie die Jorum in Nord-Iqueria bauten.
Rahne war sicher, daß die Abschaum auch im Eismeer bestehen und sich sicher auch zum Walfang eignen würde.
Ihre drei Masten waren prächtig betakelt.
Das beige Segeltuch, das sich im satten Morgenwind blähte, glänzte in der Sonne. Alles war an seinem Platz und die Mannschaft reagierte schnell und flink auf jedes Kommando des Bootsmanns. Rahne war erstaunt, daß sich das Klischee des anarchistischen Piratenschiffs an Bord der Abschaum nicht bewahrheitete.
Das Schiff war fast militärisch organisiert und es war niemand zu sehen, der betrunken war oder sich mit Huren vergnügte!
Unter den Besatzungsmitgliedern ging es locker zu.
Die Mannschaft war eine ungewöhnlich bunte Mischung von Völkern und Kulturen.
Menschen – vor allem Gwandalier und Bornesen – und Hobgoblins schienen den größten Teil der Besatzung zu bilden. Doch Rahne sah auch einen stämmigen Hügelzwerg, vier flinke Goblins und einen Merkanier.
Sabetha schien die einzige Frau an Bord zu sein und obwohl sie mit ihren Reizen nicht geizte und bei den milden Temperaturen nur ein dünnes Seidenhemd trug, erntete sie weder Blicke noch schlüpfrige Bemerkungen. Sie war tabu.
Unter den Piraten wurde gescherzt, gesungen, einander geholfen und gemeinsam geflucht und es herrschte eine entspannte Atmosphäre.
Die Disziplin der Mannschaft schien sich auch nicht – wie er am Vortag noch vermutet hatte – mit Angst und Unterdrückung erklären zu lassen. Die Piraten schienen ihren Kapitän zwar zu respektieren, aber fürchten taten sie ihn nicht.
Wenn sie Quartez nicht fürchteten, dann vielleicht Ragnolio…
Rahne war gespannt und gleichzeitig leicht besorgt, weil der Name des berüchtigten Magiers, der angeblich der Herr dieser Männer war, noch kein einziges Mal gefallen war.
Der Thalisier bemühte sich ruhig zu bleiben und sich in Geduld zu üben.

Gegen Mittag taten Terzon bereits Knie und Rücken weh von der Schrubberei.
Er hatte Kopfschmerzen von der stechenden Sonne.
Als man sie zusammen holte und ihnen im Bug ein kräftiges Mittagessen servierte,
befand sich seine Laune auf dem Tiefpunkt.
Der Anblick des feigen Hobgoblin, der selbstzufrieden seinen Eintopf löffelte, ging ihm auf die Nerven.
Einer der anderen Anwärter, ein bärtiger Gwandalier, erzählte gerade, daß er sich auf der Glutwind befand, weil er seine Frau mit einem fremden Mann im Bett erwischt und dann beide erdolcht habe. Rahne schluckte.
Ein paar andere Männer murrten oder drückten ihr Bedauern aus, die meisten löffelten jedoch stumm ihr Mittagessen.
Rahne begriff, daß all’ diese Männer wahrscheinlich wegen einer ähnlichen Sachen in diese Lage geraten waren. Sie saßen inmitten von Mördern und Piraten.
„Der da hat Kinder ermordet!“, ertönte Terzons Stimme.
Die wenigen Gespräche unter den essenden Männern verstummten.
Der Hobgoblin schaute von seinem Suppenteller auf und sah, daß Terzon mit dem Finger auf ihn zeigte.
Ein Flüstern ging durch die Menge.
„Woher weißt Du daß?“, fragte Rahne erstaunt.
Terzon lachte. „In Glazuria weiß das jeder!“, fügte er hinzu und beobachtete mit einem genüsslichen Lächeln, wie Männer von dem Hobgoblin abrückten und ihn anschauten.
Rahne wirkte skeptisch.
„Stimmt das?“, fragte ein kräftiger Thalisier mit Hakennase den Hobgoblin, „stimmt es, was der Bengel sagt?“.
Der Hobgoblin räusperte sich und schaute Terzon geringschätzig an.
Die Männer starrten den Tätowierten an.
„Ich habe drei Männer getötet.“, erklärte er tonlos.
Nervös sah er sich um und starrte dann wieder Terzon an.
„Kinder waren das…“, zischte Terzon boshaft und funkelte den Hobgoblin an.
„Er hat drei Kinder ermordet und sich an ihnen vergangen. In dieser Reihenfolge, stimmt’s?“.
Einer der Zuhörer schnaubte entsetzt und ein anderer spie aus.
Bai bemerkte mit Schrecken, daß Terzon den Hobgoblin provozieren wollte.
Hatte Terzon nicht behauptet, kurz vor ihnen in Glazuria angekommen zu sein?
Woher sollte er Einzelheiten über diesen Mann wissen?
Er war erstaunt über die Boshaftigkeit, mit der sein Kamerad hier vorging.
Der Hobgoblin wirkte angespannt und aufgebracht. Mehrmals ging sein Blick zu den Piraten, die in einiger Entfernung saßen und aufpassten.
„Was sagst Du zu diesen Abscheulichkeiten?“, fragte ein dicklicher Bornese bewegt, „stimmt das?“.
Die musternden Blicke der Männer glitten über den Tätowierten.
„Wie heißt du überhaupt?“, fragte Rahne.
„Mein Name ist Dubrak.“, antwortete der Mann.
„Ich war Büchsenmacher in Glazuria, mit Frau und zwei Kindern. Söhnen.“.
Er schaute sich kurz um.
Einige der Zuhörer waren von ihm abgerückt, aber jeder starrte ihn an.
„Ich wurde eines Nachts auf der Rückkehr von einem Kunden von drei bewaffneten Adeligen überfallen.“, erzählte der Hobgoblin. „Von Halbstarken! Von jungen Männern, mit Dolchen. Sie wollten mich abstechen, weil ich in ihrem Viertel nichts zu suchen hätte… Ich habe mich nur zu Wehr gesetzt!“.
Der letzte Satz hörte sich an wie eine Beteuerung.
Terzon kicherte.
Ein unangenehmes Schweigen folgte auf Dubraks Erzählung.
Einige kratzten ihre Schalen aus, während andere den Blick senkten. Es gab keine Widerworte, doch das Gefühl von Zweifel hing in der Atmosphäre nach.
„Euer gutes Recht…“, sagte Rahne schließlich.
Terzon warf ihm einen verärgerten Blick zu.
Mehrere Männer nickten stumm. Die meisten mieden den Blickkontakt zu dem nervösen Hobgoblin.
„Kinder…“, zischte Terzon und füllte sich lächelnd einen Teller mit Eintopf auf.
Rahne verspürte angesichts Terzons Worten ein Schaudern.
Er war ebenfalls zu dem Schluss gekommen, daß Terzon nur bluffte, doch die Auswirkungen, die seine Worte auf die übrigen Männer im Bug hatten, waren beängstigend.

Der Rest des Tages und der Morgen des folgenden Tages waren mit Arbeit gefüllt.
Die drei Gefährten wienerten das Deck und wurden später damit beauftragt, Teile des Achterdecks frisch zu kalfatern.
Die Männer waren müde, denn auch die zweite Nacht im Bug der Abschaum war nicht sonderlich erholsam gewesen.
Lorush war nur zwischenzeitlich einmal kurz erwacht und hatte ein paar Schlucke Wasser genommen, bevor er wieder einschlief.
Der Groll zwischen Bai, Terzon und Dubrak, dem Hobgoblin schwelte vor sich hin und Terzon merkte zufrieden, daß etwa die Hälfte der Anwärter den Tätowierten mittlerweile mied.
Die Piraten der Abschaum straften die Neuankömmlinge noch immer mit Missachtung.
Die einzigen Worte, die an sie gerichtet wurden, kamen von Tariq und der Halbork war auch der einzige Mann, der ihnen antwortete. Die anderen Piraten beobachteten sie zwar heimlich, taten ansonsten aber, als wären sie Luft.
Selbst Terzons charmante Einladung zu einer Partie Xirtik schlugen sie aus.

Quartez war nur selten an Deck zu sehen und dann nur kurz und im Schutze eines breitkrempigen Hutes. Der Kapitän der Abschaum schien der gnadenlos auf sie hinab brennenden Sonne nur wenig abgewinnen zu können.
Navigiert wurde das Schiff überwiegend von Raknar – ebenfalls ein Hobgoblin und Steuermann der Abschaum.
Raknar war ein rotblonder Mann mit rötlich brauner, sonnengegerbter Haut. Er trug einen fransigen Wangenbart, Turban und weite Gewänder aus edlem Tuch, wie man sie bei Seefahrern vom Nachtmeer oft sah.
Quartez schien ihm vollstes Vertrauen zu schenken, denn die beiden wechselten nur wenige Worte.
Raknar zur Seite stand ein kräftiger, tiefbrauner Bakairi namens Majoru, der Bootsmann der Abschaum war und Wendemanöver und die einzelnen Deckmannschaften koordinierte.
Beide Männer nahmen keine Notiz von ihnen, wenn sie mit ihren Schrubbern und Eimern vorüber krochen, sondern beugten sich meist über Seekarten und die Instrumente.

Es war Mittag und Tariq hatte die Anwärter zu ihrer Mahlzeit in den Bug gerufen, als der Mann im Ausguck zu rufen begann.
„Kleines Boot backbords!“, rief der Mann und deutete in die Richtung.
Die Männer im Bug wendeten ihre Blicke von den dampfenden Schüsseln und sahen nun auch in der Ferne – im Gleißen der Sonne – ein kleines Boot dümpeln, in dem scheinbar zwei winkende Gestalten saßen.
Das Boot schien nicht mehr als ein Ruderboot zu sein; es hatte nicht mal einen Mast, geschweige denn ein Segel.
Die Männer kauten und schauten zu dem Boot hinüber.
Es schien, als wäre eine der beiden Personen ein Kind, denn sie war deutlich kleiner, als ihr Begleiter.
Die Besatzung des Bootes machte keine Anstalten, sich der Abschaum zu nähern, sondern winkte nur. Dann begann der Wind ihre Stimmen herüber zu tragen.
„Zu Hilfe!“, rief eine gellende Stimme, „nehmt uns an Bord! Zu Hilfe!“.
„Schiffsbrüchige“, mutmaßte Bai und einige der Männer nickten.
„Die armen Schweine haben nicht mal Ruder!“, bemerkte Dubrak, doch die Männer ignorierten ihn.
Terzon war nicht entgangen, daß Quartez an Deck erschienen war und sich kurz mit Tariq und Raknar besprach. Dann änderte die Abschaum ihren Kurs und hielt auf das Boot zu.
Als das Boot näher kam, erkannte Bai, daß es sich bei den Insassen um einen Gwandalier mit zerschundener aber sichtlich teurer Kleidung und einem kleinwüchsigen Reptil in einem einfachen Leinenrock mit Sandalen an den Füßen handelte.
Ein merkwürdiges Paar…
„Ist das Vieh bei dem Kerl ein Teufel?“, fragte einer der Männer verunsichert.
Bai schnaubte.
„Kobold!“, korrigierte er knurrend den Mann.
Diese kleinwüchsigen Kreaturen – die angeblich auf weit verschlungenen Wegen mit Drachen verwandt sein sollten – tauchten in den letzten Jahren vermehrt in den Städten von Ganiordaes auf.
Wie Goblins heuerten sie in Minen und Manufakturen an und verfügten über ein gewisses Geschick für Konstruktion und Mechanismen.
Es war eines dieser Völker, das von der Zivilisation angespült und für zivilisiert genug befunden wurde, am ständigen Ringen um Gold und Macht teilzunehmen.
Gemeinhin galten Kobolde als ein Volk von Parasiten – ähnlich den Tengu – das stillschweigend in den meisten Reichen geduldet wurde.
Bai wusste nicht viel über diese reptilienhaften Kreaturen, außer daß sie ursprünglich aus den Höhlenreichen der lichtlosen Tiefen stammten und auf dem Meer ein seltener Anblick waren.

Rahne musterte neugierig das fremdartige Geschöpf, das etwas kläglich auf der Ruderbank hockte und zu dem sich nähernden Segler herüberschaute, während sein Gefährte rief und rief, obwohl es längst offensichtlich sein musste, daß man sie gesehen hatte.
Der Kobold hatte blass graue Haut und einen flachen Schuppenkamm auf dem Kopf, der sich seinen Nacken hinab unter sein Gewand zog. Sein verlängertes Maul, das entfernt an das eines Leguans erinnerte, entblößte Reihen kleiner, schneeweißer Zähne, die äußerst spitz wirkten.
Rahne wusste nichts über Kobolde und deren Kultur, kam jedoch zu dem Schluss, daß dieser etwas einfältig aussah.
Als das Boot nahe genug war, holten Männer der Abschaum es mit Stangen längsseits und halfen dem merkwürdigen Paar an Deck.
Die drei Gefährten konnten nun vom Bug aus kaum noch etwas sehen, denn eine Gruppe Piraten umdrängte nun Quartez und Tariq, die die Fremden begrüßten.
„Warum haben sie die aufgelesen?“, fragte einer der Männer, die die Menschenmenge betrachteten.
„Es bringt Unglück, Schiffbrüchigen Hilfe zu verwehren!“, antwortete der bärtige Gwandalier. „Der Kapitän hat gut daran getan, sie aufzunehmen…“.

Nur wenig später kam Bewegung in die Menge und die drei Gefährten konnten nun sehen, daß Tariq die beiden Schiffbrüchigen zum Bug führte.
„Gesellschaft!“, verkündete der Halbork und schob die beiden Geretteten vor sich her.
„Diese beiden Gesellen haben Dank der Sanftmut unseres Kapitäns gerade ein trockenes Plätzchen gefunden!“, sagte Tariq, „bringt ihnen bei, wie hier der Hase läuft und gebt ihnen ein bisschen was zu essen!“.
Die Männer rückten um den Schiffbrüchigen Platz zu machen.
Der Gwandalier – ein Mann mit manikürten Nägeln, geflochtenen Zöpfen und einem akkurat gestutztem Bart – wirkte leicht zerzaust. Wie alt er war, konnten die Männer schlecht schätzen. Er sah aus, als würde er sich seinem vierzigsten Lebensjahr nähern, doch möglicherweise hatte er dieses schon hinter sich gelassen.
In seinem Haar glänzten ein paar graue Strähnen. Sein edler Rock und seine Hosen waren zerrissen und vom Salz ausgebleicht. Am Revers seiner Jacke fehlten die goldenen Knöpfe und an einem seiner Stiefel hatte er einen Absatz verloren.
Dennoch machte er den im Bug sitzenden Männern zugewandt eine theatralische Verbeugung und zog dabei einen imaginären Hut. Terzon musste lächeln.
„Mein Name ist Skorn!“, grüßte er die Männer mit einem übertriebenen gwandalischen Akzent, „Geliros Skorn! Ich danke den Göttern, daß sie euch geschickt haben!“.
Einige der Männer nickten zum Gruß oder murmelten ein paar Worte.
„Und das hier“, sagte Skorn und deutete auf den nur leidlich ansehnlicheren Kobold, der mit unergründlichem Blick die Menge musterte, „ist mein Freund und Diener Mikato! Er ist Kobold!“.
„Freund und Diener?“, fragte Rahne amüsiert, „wie lässt sich das unter einen Hut bringen?“.
„Das eine schließt das andere nicht aus, mein Junge!“, antwortete Skorn verschnupft und entdeckte dann den Topf mit dem verbliebenen Mittagessen.
Mit einem Satz sprang der Gwandalier auf den Topf zu, stieß den Deckel zur Seite und begann, den Bohnenmuss mit Speck in sich hinein zu schlingen, den der Koch zum Mittag bereitet hatte. Der Kobold sprang hinzu und gemeinsam kämpften sie um die Reste in dem Topf.
Einige der Männer lachten. Als Tariq noch für jeden einen halben Laib Brot brachte, beruhigten sich die Schiffbrüchigen.
„Woher kommt ihr?“, fragte Terzon die kauenden und schlingenden Männer.
„Aus dem Norden!“, erklärte Skorn, „aus dem wilden Norden!“.
Er schüttelte seinen Löffel, um seine Worte zu unterstreichen.
„Mein Diener Mikato und ich sind hierher gekommen, weil man überall fabelhafte Berichte vom zivilisierten Süden hört und kaum sind wir hier, verfällt alles der Barbarei!“.
„Ist euer Schiff gesunken?“, fragte einer der Männer. Skorn winkte entrüstet ab.
„Ach, mit solch’ einem Schicksalsschlag könnte man sich ja abfinden; ein Wink der Götter. Was soll ein Mann da ändern? Aber nein, schlimmeres – viel schlimmeres! – ist uns widerfahren! Wir wurden ausgeraubt! Ausgeplündert! Ausgeplündert und ausgesetzt! Von widerwärtigen und herzlosen Piraten! Nicht mal unser Gepäck haben sie uns gelassen!“.
Einige der Zuhörer lächelten angesichts Skorns theatralischer Klage.
„Hobgoblins haben das Passagierschiff geentert und man hat uns aus unserer Suite geholt! Direkt aus der Badewanne!“, ereiferte sich Geliros mit geballten Fäusten.
Dubrak verzog das Gesicht, doch Geliros bemerkte den Tätowierten nicht.
„Den einen Tag gehörten wir noch zu den reichsten Leuten Inspirandors und am nächsten Tag ist aller Reichtum fort!“, jammerte Geliros und Tränen liefen ihm über die Wangen.

Zu den reichsten Leuten Inspirandors zählte sich Geliros Skorn?
Die drei Gefährten wechselten amüsierte Blicke.
Angesichts seines Aufzugs und seinem Auftreten erschien das wenig glaubhaft.
Zwar hatten weder Rahne, Terzon noch Bai diese ferne, berühmte Metropole je mit eigenen Augen gesehen, doch ihr Reichtum war legendär.
Allerdings hatte Terzon schon vor Wochen in Gvanifay Gerüchte über irgendwelche Unruhen und eine geheimnisvolle Katastrophe in Inspirandor gehört.
Es war also durchaus möglich, daß es die exzentrischen Bürger von Kandamurs Hauptstadt gegenwärtig in den Süden zog.
„Wir hatten mehr Gold, als wir tragen konnten!“, rief Geliros und mittlerweile wandten sich auch die Gesichter nahe stehender Piraten in seine Richtung.
„Wir waren die reichsten und begehrtesten Junggesellen in ganz Angraenor! Wir waren umschmeichelt und begehrt! Lobpreisen und krönen wollte man uns! Allüberall! Und dann raubt einem plötzlich ein solches Ereignis jede Hoffnung!
Entleiben möchte ich mich! Oh, welch’ Grauen und Ungemach! Die Götter haben uns verstoßen, Mikato!“.
Terzon konnte sich noch keinen Reim auf den seltsamen Geliros Skorn und seinen Diener-Freund machen, doch unterhaltsam war sein Auftauchen zweifellos.
„Wir haben unser Glück in jüngster Zeit arg strapaziert, Meister Skorn!“, krähte der Kobold und machte ein verdrossenes Gesicht.
Geliros barg sein jammerndes Gesicht an der Schulter seines kleinwüchsigen Begleiters und klagte herzzerreißend über das Übel in der Welt, während ihn die Riege der Anwärter teils beschämt, teils berührt und teils belustigt betrachtete.
Mikato saß mit ratlosem Blick da und ließ Geliros’ Klage über sich ergehen.
Die ihn betrachtenden Männer ignorierte er stoisch.
Schließlich kam Tariq zurück und befahl Geliros und Mikato, ihm zu Quartez zu folgen, während er die übrigen Anwärter zurück an die Arbeit schickte.

Die beiden Neuankömmlinge tauchten vorerst nicht wieder auf.
Ob Quartez entschieden hatte, daß das Aufnehmen dieser Gestalten doch keine so gute Idee war; Barmherzigkeit hin oder her?
Das Arbeiten unter der brennenden Sonne war kein Vergnügen für die drei Gefährten. Hin und wieder reichte ein Pirat ihnen einen Becher Wasser, doch die meiste Zeit mussten sie sich allein mit ihren Aufgaben abplagen.
Immerhin hatten sie hier keinen Peitscher im Nacken und konnten es sich heraus nehmen, gelegentlich in der Arbeit inne zu halten und einen Augenblick auszuruhen.
Während einer dieser inoffiziellen Pausen entdeckte Terzon, daß Quartez auf dem Deck aufgetaucht war und sich mit seinem Steuermann unterhielt.
Der Kapitän, der sich unter dem Hut mit der breiten Krempe verbarg, schien aufgeregt mit Raknar zu debattieren. Der Hobgoblin pochte immer wieder auf eine Seekarte, die vor ihnen ausgebreitet lag und gestikulierte.
Majoru, der Bakairi, hielt für Raknar das Ruder und lauschte schweigend und mit besorgter Miene dem Gespräch des Kapitäns mit dem Steuermann.
Unauffällig verlegte Terzon sein Schrubben in die Nähe der Männer und versuchte, das Gespräch zu belauschen.
„Sparen wir Zeit, wenn wir durch die Nebelstraße fahren oder nicht, Steuermann?“, verlangte Quartez in diesem Augenblick zu wissen.
Seinem Tonfall war anzuhören, daß er diese Frage nicht zum ersten Mal stellte.
„Ob wir Zeit sparen, vermag ich nicht zu sagen, Kapitän“, antwortete der Hobgoblin und unterstrich seine Worte mit einer abwägenden Geste.
„Wir könnten Zeit sparen, wenn wir Glück haben und es nicht zu Zwischenfällen kommt!“.
„Was diskutiere ich dann mit dir, Lump von einem Steuermann?“, fragte Quartez zornig und fuchtelte mit den Händen. „Wenn wir in der Nebelstraße fünf Seetage sparen, dann nehmen wir Kurs! Ende der Debatte!“.
„Ihr kennt die Nebelstraße, Kapitän!“, knurrte Raknar und schaute sich um, als wolle er sich vergewissern, daß sich die Mannschaft nicht in der Nähe aufhielt.
Terzon, der ein Stück entfernt mit gesenktem Blick schrubbte, übersah er.
„Die Mannschaft fürchtet sich in der Nebelstraße, Kapitän und es gibt keinen Grund, das Risiko auf uns zu nehmen!“, sagte Raknar nachdrücklich.
„Jeder an Bord weiß das! Das Wetter ist günstig, wir werden nicht verfolgt und Verderbliches haben wir eh’ nicht an Bord! Wozu also das Wagnis, Kapitän? Wie soll Tariq es ihnen schmackhaft machen, wo wir uns doch nur ein paar Tage mehr bequem vor dem Wind herschieben lassen müssten und dann ebenfalls am Ziel wären?“.
„Ragnolio“, sagte Quartez nur und starrte dann wieder auf die Seekarte.
„Er ist ungeduldig?“, fragte Raknar besorgt. Quartez zuckte mit den Schultern.
„Schwer zu sagen“, murmelte er. „Die Gefangenschaft, die Fahrt von Shembanyor in das verkommene Glazuria, die Zeit auf der Glutwind – das alles hat mehr Zeit gekostet, als ihm lieb sein kann.“.
„Immerhin wird ihm viel daran gelegen sein, daß wir, also daß ihr…daß ihr sicher…“, stammelte Raknar. Dann riss er sich zusammen.
„Glaubt ihr nicht, er hätte Verständnis wenn wir den sicheren Weg nehmen?“, fragte der Steuermann.
Quartez lachte zynisch, doch dann verstummte er und bohrte seinen Blick in den nervösen Hobgoblin.
„Denkt ihr, ich würde mit euch diese Diskussion führen, wenn ich das tatsächlich glauben würde, Raknar?! Lasst das Nachdenken und widmet euch Dingen, die ihr könnt! Haltet den Kurs bis hier!“.
Quartez stieß seinen Finger auf einen bestimmten Punkt auf der Karte.
Raknar zuckte unwillkürlich zusammen.
Es lag ein Ton in Quartez’ Stimme, der verriet, daß die Zeit für seine Gegenargumente nun vorüber war.
„Bis hier!“, fauchte der Kapitän den Hobgoblin an, „und dann nehmt ihr Kurs auf die Nebelstraße, verstanden?“.
Quartez’ nachforschender Blick schmerzte. Raknar nickte eifrig.
Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, ließ Quartez seinen Steuermann am Ruder stehen und stampfte die Treppe unters Deck hinab.
Das Knallen einer Kajütentür war zu vernehmen.
„Aye, Kapitän!“, knurrte Raknar grimmig und warf dem Bakairi am Ruder einen besorgten Blick zu. Beide Männer nickten einander zu.
Terzon spürte ein Gefühl der Aufregung durch seine Muskeln rieseln.
Endlich hatte Ragnolio Erwähnung gefunden! Terzon konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sich die Aufregung vorstellte, die ihn erst überkommen würde, wenn er dem paranoiden Piratenfürsten persönlich gegenüber treten würde.

Als die Männer sich an diesem Abend zum Essen versammelten, war es schon fast finster. Die Luft war kühl und sie saßen dicht gedrängt um eine Kohlenpfanne, die ihnen Tariq gebracht hatte. Spieße mit fangfrischem Fisch, Obst und eingelegtes Gemüse wurden gereicht und die Männer aßen mit gesundem Appetit.
„Ich hab’ heute bei der Arbeit vernommen, daß wir Kurs auf die Nebelstraße nehmen.“, erzählte Terzon den Männern kauend. „Hat jemand von euch schon von diesem Wasserweg gehört? Wohin fahren wir?“.
Neugierig schaute er sich unter den Männern um.
Die meisten wirkten unwissend, doch einige schlugen heimlich einen schützenden Haken der Navir; eine gebräuchliche Geste abergläubischer Seefahrer, die böse Omen entkräften soll.
Sie wussten etwas…
Terzon war erstaunt, als plötzlich der junge Rahne das Wort ergriff.
„Ich habe schon von der Nebelstraße gehört!“, erklärte Rahne.
„Ich bin auf einem Walfänger gefahren und die Gewässer zwischen Orgish und Pangesha sind gute Walgründe! Damals hab’ ich von der Nebelstraße gehört, doch ich bin sie nie selbst befahren! Sie verläuft an der süd-östlichen Küste Pangeshas und ist vom Rest des Meeres von einer langen Kette von Riffen abgeschnitten.
Die Nebelstraße ist wie ein Binnenmeer. Das Wasser ist dort ruhig und man hat nur wenig Wind, denn das Land schirmt einen ab…
Nebel gibt es dort. Das ganze Jahr über… Meine Kameraden erzählten mir von Geistern, die in den Nebeln hausen und Seemänner in die Fluten ziehen, von seltsamen Lichtern und Elmsfeuern!“.
Rahne machte eine Pause und räusperte sich.
Einige der Männer hatten eine besorgte Miene aufgesetzt.
Andere warteten gespannt darauf, daß er weiter sprach.
„Man muss dort vorsichtig navigieren, denn man hat nur wenig Sicht.“, erzählte der Thalisier. „Loten ist dort unerlässlich, denn die Nebelstraße hat viele Untiefen. Hinzu kommen Wracks, die dort liegen sollen und die gewaltigen Knochen uralter Ungeheuer… Die Nebelstraße ist ein unheimliches Gewässer. Wale meiden sie. Orgishs Piraten halten sich dort fern. Nicht mal Seeteufel soll es dort geben…“.
Bei der Erwähnung der Sahuagin – der Geißel der Tiefen – rutschten einige der Männer beunruhigt hin und her.
In Kneipen den Schauergeschichten über diese amphibische Rasse zu lauschen war etwas anderes als an sie erinnert zu werden, wenn man selbst an Bord eines Schiffes über den nächtlichen Tiefen saß, in denen diese Wesen ihre unheimlichen Städte hatten. Zwar befanden sich die wirklichen Jagdgründe der Sahuagin-Königreiche weit draußen auf dem Bleichen Meer, doch waren Geschichten über Sahuagin-Überfälle entlang Orgishs Küste und im Osten des Gwandalischen Meeres keine Seltenheit.

“Kapitäne, die die Gefahren der Nebelstraße in Kauf nehmen, werden von rechtschaffenen Seefahrern oft mit Misstrauen betrachtet. Jeder, der sich auf die Geister und ihr verfluchtes Gewässer einließe, um ein paar Freibeutern aus dem Weg zu gehen, könne nicht bei Verstand sein sagte mein alter Kapitän stets… Sie wird nur von solchen benutzt, die Dinge zu verbergen haben, die besser nicht ans Tageslicht gelangen.“.
Rahne unterbrach sich.
„Oder solchen, die es eilig haben!“, warf Terzon ein und rieb sich die Hände über dem Kohlebecken.
„Ob Quartez seinen Heimathafen anläuft?“, fragte Terzon, dem das Thema keine Ruhe ließ.
Rahne zuckte mit den Schultern. „Die Luken sind voll bis oben hin, wie ich sehen konnte. Die Beute eines weiteren Überfalls würden sie wohl gar nicht mehr unterbringen können! Und ihr Kapitän ist auch wieder an Bord! Alles andere als nach einem solchen Raubzug nach Hause zu fahren, erscheint mir als Irrsinn!“.
„Ihr denkt schon wie ein Pirat!“, flüsterte Terzon Rahne zwinkernd zu.
Bai starrte in die Nacht hinaus.
Nebelschwaden näherten sich aus dem Westen und waberten über dem Wasser.
Der bakairische Bootsmann hatte alle Aussichtsposten besetzen lassen und die Piraten starrten in die nahende Nebelbank.
Das Licht war auf einige spärliche Funzeln beschränkt worden, um die Sicht zu verbessern.
Andere Anwärter erzählten flüsternd, was sie über den einsamen Seeweg gehört hatten. Über Wassergeister, die auf nebelverhüllten Klippen hausten und mit ihrem Rufen Seefahrer ins Verderben lockten und über Seeungeheuer mit Armen, die Masten zu brechen vermochten.
Terzon rauchte seine Pfeife und lauschte den Schauergeschichten seiner Kameraden, während Nebelfetzen wie Gespenster am Schiff vorbei huschten.

„Wo sind eigentlich diese beiden Neuankömmlinge?“, fragte Bai schließlich, als die ersten Männer sich zum Schlafen zusammen rollten.
Der Nebel brachte eine feuchte Kälte.
Andere kauten die letzten Bissen des Abendbrots.
Terzon zuckte mit den Schultern.
„Sie sind unter Deck untergebracht worden“, beantwortete eine Stimme aus der Dunkelheit die Frage.
Als Bai den Blick erhob, sah er Tariq in den Lichtschein des Kohlebeckens treten.
Die Züge des Halbork wirkten in dem glühend roten Licht gespenstisch.
„Zur Freude des Kapitäns hat sich der Kobold als Priester des Klarakni erwiesen!“, berichtete der Quartiermeister.
„Quartez hat ihm und seinem Begleiter sogleich ein angemessenes Quartier zugewiesen, als sich der Kobold bereit erklärte, für den Rest der Fahrt das Amt des Bordpriesters zu bekleiden.“.
„Sieh’ an…“, sagte Bai verblüfft.
Auch Rahne war erstaunt, daß sich der einfältig wirkende Kobold nun als Priester des Gottes des Glücks erwies.
Terzon verzog das Gesicht.
Diese beiden Witzfiguren wurden in bequemen Kajüten untergebracht, während er hier oben im Bug fror?
Dieses Schiff kannte keine Gerechtigkeit…
„Terzon, folgt mir!“, befahl der Quartiermeister und deutete in Richtung des Hecks.
„Kapitän Quartez bittet euch, ihm beim Abendessen Gesellschaft zu leisten!“.
Mit einem Lächeln erhob sich der angesprochene und klopfte sich seine Kleider ab.
Vielleicht hatte sich Quartez nun entschlossen, ihm eine würdigere Behandlung zukommen zu lassen.
Rahne schaute Terzon neugierig hinterher, als dieser dem Halbork beschwingten Schrittes folgte.

Kurz nachdem Terzon gegangen war, bemerkte Bai durch ein leises Flüstern daß Lorush erwacht war. Benommen versuchte der Soldat sich aufzusetzen, doch der Schmerz in den Eingeweiden zog ihn auf das provisorische Lager zurück.
Bai hockte sich neben ihn, so daß er den Ausblick des Verletzten auf das Deck der Abschaum mit seinem Leib zum größten Teil verdeckte.
Rahne setzte sich dazu. Der Thalisier hatte sich dem Verletzten gegenüber bisher gleichgültig gezeigt, doch nun, wo er erwachte, wollte er ihn sich näher anschauen.
Er hoffte sehr, daß sich Terzons Schwarzmalerei nicht bewahrheitete und der junge Mann eine Gefahr für ihre Mission darstellte.
Neugierig schaute Rahne dabei zu, wie Bai Lorush ein wenig warmen Tee einflößte.
„Danke, Ork…“, krächzte Lorush. „Was ist passiert?“.
„Ihr seid über den Berg!“, flüsterte Bai, „doch ihr werdet euch noch ein paar Tage schonen müssen, bevor ihr wieder bei Kräften seid.“.
Der Ork verzichtete darauf, Lorush näheres über seine wundersame Genesung zu berichten. Je weniger der Junge über ihn und die Gefährten wusste, um so besser…
Lorush schob sein Hemd beiseite und betrachtete die Narben auf seinem malträtierten Bauch.
„Ihr seid angeschossen worden; als die Glutwind von Piraten geentert wurde…“, flüsterte Bai weiter.
Bei diesen Worten fand sein Blick unwillkürlich den des Hobgoblin. Dubrak hockte im Schatten auf der anderen Seite des Bugs unter einer zerschlissenen Decke und schaute ausdruckslos zu Bai hinüber.
„Bastard!“, flüsterte der Ork kaum hörbar.
„Haben wir uns gegen die Angreifer behaupten können?“, fragte Lorush erschöpft.
Bai sah, daß der Soldat noch immer benommen war und nicht wusste, wo er war.
„Allerdings!“, kicherte Rahne, „und zwar so gründlich, daß wir jetzt selbst Piraten sind!“.
Lorush zuckte vor Schreck zusammen. Rahne lachte.
Bai war erstaunt über die gehässige Bemerkung des Thalisiers.
Eine solch’ schroffe Bemerkung hätte er eher von Terzon erwartet…
Dem Ork wurde bewusst, was der junge Rahne seit ihrer Begegnung alles durchstanden hatte und er konnte nicht leugnen, daß diese Erfahrungen langsam ihre Spuren an dem Grünschnabel hinterließen…
„Was?!“, keuchte Lorush und musterte Bai und Rahne mit bleichem Anlitz.
Einige der anderen Männer im Bug schauten sich zu ihnen um.
„Haltet den Mund, Lorush, und hört mir zu!“, redete Bai auf den Soldaten ein.
„Rahne hat Recht. Die Glutwind wurde versenkt und wir sind freiwillig an Bord der Abschaum gegangen. Es war unsere einzige Chance zu entkommen!“.
„Wir sind auf einem Piratenschiff?“, fragte Lorush entsetzt. „Bei den Göttern!“.
Bai nickte und warf nervös einen Blick über die Schulter.
„Beruhigt euch, Lorush!“, flüsterte er, „wir müssen nun das Beste aus unserer Lage machen!“.
„Ich muss hier weg!“, keuchte Lorush. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.
„Wenn Gaslo hört, was der Glutwind widerfahren ist, wird sie mich für tot halten!
Die Nachricht wird sie zerschmettern! Ich muss von Bord! Ich muss meine Braut suchen!“.
„Sie wird ihren Deserteur schon vermissen…“, kicherte Rahne, doch ein böser Blick des Orks brachte ihn zum schweigen.

Bai packte den zappelnden Soldaten und hielt ihm mit der Hand den Mund zu.
Er beugte seine Lippen dicht über Lorushs Ohr und als er weiter sprach, war kaum mehr als ein Flüstern zu vernehmen.
„Lorush, du musst die Nerven bewahren!“, beschwor Bai den aufgeregten Soldaten.
„Wir können jetzt nicht von Bord und eine Flucht wäre Wahnsinn! Die gesamte Mannschaft hat ein Auge auf uns! Wenn sie beginnen, an uns zu zweifeln, dann sind wir tot! Ich werde euch helfen, Gaslo zu finden, denn ich suche sie ebenfalls! Doch vorerst müssen wir uns ruhig verhalten und auf unsere Gelegenheit warten. Verstanden, Lorush?“.
Als der Soldat hastig nickte und Bai furchtsam ansah, lockerte der Ork seinen Griff und löste die Hand von Lorushs Mund.
Der Soldat atmete tief durch und fasste sich. Er schien ein Augenblick seine Gedanken ordnen zu müssen, doch dann heftete sich sein Blick auf Bai.
„Was wollt ihr denn von meiner Braut, Ork?“, fragte er ungläubig. „Warum solltet ihr Gaslo suchen? Woher kennt ihr sie überhaupt?“.
Bai bereute es schon jetzt, diese Worte über Gaslo verloren zu haben.
Je mehr Lorush erfuhr, um so komplizierter würde es werden.
„Wir sind zusammen aufgewachsen“, erklärte Bai schnell, denn Lorush schaute ihn abschätzend an. Innerlich jedoch verfluchte der Ork seine Einfallslosigkeit.
Er wusste, daß diese Antwort zwangsläufig weitere Fragen nach sich zog.
„Ihr seid ebenfalls am Hof des Fürsten Xilv aufgewachsen?!“, fragte Lorush erstaunt, „aber ich dachte, ihr seid Pirat und wäret deshalb ans Ruder…“.
Der Ork verfluchte Gaslo in Gedanken.
Er hätte wissen müssen, daß die kleine Hexe sich – wie immer – in ein Netz von Lügen und Halbwahrheiten verwoben hatte.
Bai packte den Soldaten grob am Arm, was den Fragenschwall jäh stoppte.
„Ich werde euch alles erklären“, zischte Bai mit bösem Blick. Amüsiert bemerkte Rahne, daß sein orkischer Gefährte begann, die Geduld zu verlieren.
„Doch alles zu seiner Zeit und nicht, solange wir uns an Bord dieses Schiffes befinden. Verstanden?“.
Bai packte Lorush am Kragen und knurrte: „Ich habe euch euer verdammtes Leben gerettet, Lorush! Und jetzt verlange ich von euch, daß ihr euren Mund haltet und euch unauffällig verhaltet! Ich habe mich für euch verbürgt und wenn sie euch bei einem misslungenen Fluchtversuch ertappen, hängen sie uns gemeinsam. Kapiert?“.
Lorush nickte angstvoll.
„Wir werden hier verschwinden und eure Braut finden, doch nicht jetzt und nicht überstürzt! Verstanden?“.
Lorush nickte abermals.
Bai warf Rahne einen gequälten Blick zu.
Lorush legte sich wieder nieder und starrte hinauf in den Nebel.
„Gaslo…“, murmelte der verletzte Soldat und Bai musterte den jungen Mann mit zwiespältigen Gefühlen. Er hätte diesen Kerl den Flüchtlingen anvertrauen sollen! Und nun hatte er ihn am Hals…
Wenn Lorush nicht die Nerven behielt und begann, ihre Mission zu gefährden, würde er ihn töten müssen.
Bai biss sich auf die Lippe. Er hoffte, daß Lorush über genug Verstand verfügte, seinen Anweisungen zu folgen. Als er seinen Blick wieder auf den Mann fallen ließ, über dessen Schicksal er gerade entschied, war dieser eingeschlafen.
Seufzend starrte Bai in den wallenden Nebel.

„Ich grüße euch, Kapitän Quartez!“, sagte Terzon mit einer eleganten Verbeugung, nachdem Tariq ihn in die Offiziersmesse der Abschaum geführt hatte.
Die Messe war ein geschmackvoll eingerichteter Raum, der von einem großen Esstisch dominiert wurde, den ein weißes, seidenes Tischtuch bedeckte.
Der Raum wurde von einem silbernen Kandelaber erhellt, der ein warmes Licht verbreitete. Sein Licht brach sich in einer kristallenen Weinkaraffe, die in der Mitte eines festlich gedeckten Tischs stand. An den Wänden hingen künstlerisch beeindruckende Seekarten in edlen Rahmen und das große Ölgemälde einer tropischen Insel in dichten Nebeln.
Quartez trug ein einfaches Leinenhemd und eine bequeme Lederhose.
In einer Hand hielt er einen gläsernen Schwenker mit Brandwein.
Nun, wo der Kapitän im Licht des Kandelabers vor ihm stand, erstaunte Terzon einmal mehr dessen Gestalt. Die Haut des Mannes hatte nicht die Farbe der Bakairi – wie der Bootsmann Majoru einer war – sondern war von einem so vollkommenen Schwarz, als habe man ihn in flüssige Schatten getaucht.
Nur der feuchte Glanz seiner Haut im Schein des Leuchters ließ ihn überhaupt körperlich erscheinen.
Quartez erhob sich und reichte Terzon mit einem warmherzigen Lächeln die Hand.
Terzons Kehle war trocken. Als er sich dem Piraten in Freiheit und in dessen eigener Messe gegenüber sah, erinnerte er sich der Warnungen des Hohepriesters über das weitläufig bekannte Misstrauen des Piratenkapitäns.
Mit gemischten Gefühlen bemerkte Terzon, daß auch Corvadan, der Schiffsmagier, anwesend war und zu Quartez’ Linker an der Tafel saß.
Er hätte eher mit Sabetha als Gesellschaft des Kapitäns gerechnet.
In den beiden Tagen an Bord der Abschaum hatte er mehrmals gehört, wie Quartez Sabetha zu sich gerufen hatte und gesehen, wie die schöne Gwandalierin ihm mit schwingenden Hüften in seine Kajüte folgte.
Der Gwandalier nickte Terzon zum Gruß höflich zu und trank einen Schluck Wein aus einem Kupferkelch.
Quartez rückte ihm einen der schweren Stühle zurecht und bat ihn, sich zu setzen. Erstaunt und leicht enttäuscht sah Terzon, daß hier das selbe serviert wurde, wie in seinem Lager am Bug. Der Kapitän gönnte sich keinen sichtbaren Luxus; zumindest nicht vor den Augen seiner Mannschaft.
Einzige Ausnahme schien der Wein zu sein. Doch der gebratene Fisch wurde hier zumindest auf edlem Geschirr gereicht und Quartez selbst füllte ihm den Kelch mit Rotwein aus einer Karaffe, während Terzon gegenüber Corvadan Platz nahm.
Tariq verließ schweigend die Messe.
„Wie ich hörte, habt ihr euch auf meinem Schiff eingelebt, Kapitän Terzon!“, sagte Quartez und bedachte Corvadan mit einem kaum ersichtlichen Nicken, das dem aufmerksamen Terzon jedoch nicht entging. Der dunkelhäutige Kapitän tat ihm Fisch und eingelegtes Gemüse auf, reichte ihm Brot und Käse.
Als er das Servieren beendet hatte, hob Quartez seinen Kelch.
„Möge unsere Begegnung zu beidseitigem Wohlbefinden beitragen, Kapitän Terzon!“, sagte der Pirat und nahm einen tiefen Schluck.
Der Wein mundete Terzon ganz vorzüglich. Er schmeckte kostbar…

„Empfindet ihr die Behandlung, die euch widerfährt, erniedrigend?“, fragte Quartez ohne seinen Blick von dem gegrillten Fisch auf seinem Teller abzuwenden.
Terzon spürte Corvadans Blick auf sich ruhen.
Sein erster Impuls war, Zufriedenheit und Dankbarkeit vorzutäuschen und dem Piraten zu schmeicheln, doch dann begriff er die Gegenwart des Schiffsmagiers bei diesem Essen.
Quartez wollte ihn ausspionieren und von dem Zauberkundigen ergründen lassen, ob er die Wahrheit sprach.
Diese beiläufige Frage zielte nicht auf sein Befinden, sondern seine Ehrlichkeit.
Terzon verzog das Gesicht.
„Eure Formulierung ist treffend, Kapitän!“, erwiderte er kauend und hielt den Unmut in seiner Stimme nicht zurück. „Ich bin tatsächlich eine bessere Behandlung gewöhnt; vor allem, was die Unterbringung angeht.“.
Quartez lächelte und wechselte einen erneuten, kurzen Blick mit seinem Offizier.
Die Miene des Magiers war unergründlich, doch oberflächlich freundlich.
Die Haare in Terzons Nacken stellten sich auf.
Dieses geschmackvolle Abendessen war ein hübsch aufbereitetes Verhör.
Terzon wusste, daß er auf seine Worte achten musste.
Der Mann, dem er einige seiner Fähigkeiten zu verdanken hatte, hatte ihn schon früh gelehrt, wie man sich vor Erkenntniszauberei schützte.
Er musste die Kunst vollbringen, zu lügen und gleichzeitig die Wahrheit zu sagen.

„Ich habe mir einige der Dinge berichten lassen, die man sich über euch erzählt, Kapitän Terzon“, begann Quartez die Unterredung, „und es scheint, als hättet ihr mit eurer Seehure ein paar hübsche Prisen aufgebracht!“.
Terzon nickte höflich und täuschte unterdrückten Stolz vor.
„Seit eurer Verhaftung erzählt man sich jedoch auch, daß dieser Erfolg auf einem Bündnis mit Kitano Kreshh, diesem fetten Konsul aus dem drei Mal verfluchten Glazuria beruhte. Stimmt das?“.
„So wie ihr es formuliert klingt es wenig ruhmreich“, bemerkte Terzon leicht betreten, „aber das Wesentliche stimmt.“.
„Wie kommt man auf die Idee, sich mit so zwielichtigen Leuten wie den Kreshh einzulassen?“, fragte Quartez mit einem verschmitzten Lächeln und nahm den letzten Bissen von seinem Teller. „Im Nachhinein schien es keine gute Idee gewesen zu sein.“.
„Im Nachhinein ist man stets klüger“, antwortete Terzon brüskiert und wischte sich mit einer Serviette die Lippen.
„Aber damals erschien es als äußerst einträgliches Geschäft!“.
Mit jedem Satz, den er aussprach, musste er darauf achten, daß nichts den tatsächlichen Geschehnissen widersprach und von einem Erkenntniszauber als Lüge entlarvt werden konnte. Terzon war dankbar, als Quartez jedem der Männer einen Schwenker voll Brandwein servierte. Er begann langsam zu schwitzen.
„Wie kam es zu eurem Geschäft?“, fragte Quartez interessiert. „Mit Verlaub gesagt wirkt ihr nicht, als würdet ihr in den gleichen Kreisen verkehren, wie der Handelskonsul der Kreshh.“.
Terzon ignorierte den Seitenhieb, während er sorgfältig formulierte.
„Der Konsul selbst ließ den Kontakt herstellen. Er kam auf uns zu.“.
Das schien den Dunkelhäutigen zu verblüffen.
„Er heuerte euch an, damit ihr für ihn auf Kaperfahrt geht? Man möchte meinen, ein Mann wie Kreshh verdiene bei seinen üblichen Geschäften mehr als genug.“.
„Er nahm uns in seine Dienste“, formulierte Terzon zögernd und hoffend, daß Quartez dies als Bestätigung seiner Vermutung werten würde.
„Es ging ihm um ein besonderes Stück, das er sich auf anderem Wege nicht verschaffen konnte“, erzählte Terzon und begann unverfroren die Gründe aufzuzählen, die Kreshh ihnen seinerzeit auf eine ähnliche Frage geliefert hatte.
Zu seiner Erleichterung schienen Quartez und der Magier seine Argumente zu schlucken. Rasch nahm er einen weiteren Schluck von dem entspannenden Brandwein.
„Dummerweise seid ihr dann aufgeflogen!“, bemerkte Quartez und Terzon lieferte die reife Darstellung eines vom Gram zerfressenen Glücksritters.
Er musste nur an den Knebelvertrag denken, in den Tefano Makeiros sie gezwungen hatte und der Missmut war kaum mehr gespielt.
„Dann seid ihr also ein mit vielen Wassern gewaschener Kapitän, Terzon!“, sagte Quartez, während er Pfeifen und Tabak hervor holte.
Corvadans Blick ruhte spürbar auf dem falschen Piraten.
„Das behaupten manche!“, lachte Terzon verlegen.
Er heuchelte Bescheidenheit, um sich vor dem Aussprechen offensichtlicher Lügen zu drücken. Das Gespräch begann, einen gefährlichen Verlauf zu nehmen.
„Ihr habt Erfahrung darin, zu navigieren, zu entscheiden und eine Mannschaft zu führen…“, sagte Quartez und Terzon war erleichtert, daß er diese Worte nicht als Frage formulierte. Der Kapitän setzte das voraus…
„Dann solltet ihr wissen, daß ich so jemanden an Bord dieses Schiffes gebrauchen kann“, fuhr Quartez fort, „wenn es euch gelingt, euch zu behaupten!“.
Corvadan lächelte zufrieden. Terzon nickte.
„Ihr werdet dann auch ein angemessenes Quartier erhalten und Aufgaben, die euren Kenntnissen entsprechen.“, verkündete der Kapitän.
Terzon schauderte angesichts des Gedankens, der für ihn wie eine Drohung klang. Er hatte nur wenige Wochen als Handlanger auf einem einfachen Handelsschiff verbracht. Zwar fühlte er sich durchaus seefest und mit einfachen Dingen auf einem Schiff vertraut, doch er war auf keinen Fall ein gestandener Seemann und erst recht kein Kapitän! Navigieren, Karten lesen, Kurse berechnen oder Segelmanöver zu befehlen, war ihm ganz und gar fremd. Für die überzeugende Darstellung eines vom Pech verfolgten Piratenkapitäns hatte der Hohepriester sich eine waschechte Landratte angeheuert, wenn man dies denn so nennen wollte.
Terzon spürte, wie ihm die Hände feucht wurden. Er würde äußerst klug und mit Bedacht vorgehen müssen, um diese Maskerade bis zum Ende ihrer Mission aufrecht zu erhalten. Es schauderte ihn.
„Vergesst aber darüber nicht, wer hier der Herr an Bord ist, Kapitän Terzon!“, hörte er Quartez’ Stimme, die seine Befürchtungen verscheuchte.
„Natürlich nicht…“, stammelte er und prostete dem Piraten zu.
Quartez nickte gefällig.
„Ich kann ehrgeizige und waghalsige Seeleute gebrauchen“, stellte Quartez klar.
„Männer und Frauen mit Verstand, die Entscheidungen treffen können! Doch vergesst bei eurem Eifer nicht, wer auf diesen Planken das Sagen hat, Terzon! Wenn ihr euch hier bewähren wollt, müsst ihr mir gefallen, Kapitän Terzon, und nur mir allein!“.
Terzon sah, wie Corvadan nervös schluckte.
„Wenn ihr mich hintergeht, euch mit mir messt oder mir meine Herrschaft streitig macht, seid ihr Futter für die Kraken! Solltet ihr jemals in die Situation kommen, zwischen der Loyalität zur Mannschaft und der Loyalität zum Kapitän wählen zu müssen, entscheidet weise!“.
Terzon deutete eine Verbeugung an. „Das gebietet die Ehre, Kapitän.“.
„Ganz recht…“, sagte Quartez mit einem dünnen Lächeln und einem tiefgründigen Blick aus kalten, blauen Augen.

„Warum behandelt ihr mich so abfällig, Ork?“, weckte eine Stimme Bai aus einem leichten Schlaf. Er hockte noch immer neben dem schlafenden Lorush und war eingenickt.
Rahne hockte ein Stück entfernt, in eine Decke gehüllt, die Terzon ihm gegeben hatte. Der Ork vermochte nicht zu sagen, ob sein Gefährte schlief.
Bai sah sich um und begegnete dem Blick des Hobgoblin.
„Warum behandelst Du mich so, Ork?“, fragte der Tätowierte mit gesenkter Stimme um die schlafenden Männer nicht zu wecken.
„Du und dein arroganter Gefährte… Warum erzählt ihr Lügen über mich und nennt mich einen Feigling?“.
„Weil ihr ein Feigling seid, Dubrak!“, zischte Bai zurück.
„Ihr habt jeglichen Versuch gestört, die Rudersklaven gegen die Besatzung zu einigen und uns als Verrückte dargestellt. Das war feige!“.
„Eure Idee war Irrsinn!“, flüsterte Dubrak. „Eine Revolte wäre der sichere Tod gewesen! Wie hätten wir Rudersklaven uns gegen Soldaten behaupten sollen? Sie hätten den Aufstand niedergeschlagen und uns dann in Viviandis mit Mann und Maus hängen lassen!“.
„Dann hättet ihr das auch für euch behalten können!“, blaffte Bai den Hobgoblin an.
„Ihr habt die Moral der Männer zermürbt und wart somit nicht besser, als der Peitscher!“.
Dubrak zuckte bei diesen Worten zusammen und Bai erwartete schon, daß er ihn angreifen würde, doch der Hobgoblin verharrte.
„Ich habe nicht mit dem Peitscher und seiner Brut paktiert!“, spie Dubrak aus, „nur weil ich eure verrückte Idee absurd fand!“.
Der Ton zwischen den Männern schwoll an und einige Männer regten sich unruhig im Schlaf.
„Auch mich sehnte es nach Flucht, du Trottel von einem Ork!“, zischte Dubrak, „aber doch nicht auf hoher See mit einer bewaffneten Übermacht, die einem im Nacken sitzt! Es hätte sich etwas Besseres ergeben…“.
„Das sind die Worte eines Feiglings!“, sagte Bai schroff.
„Und eure Idee ist dem Wahnsinn entsprungen…“, murmelte Dubrak. „Sie war zum Scheitern verurteilt und hätte niemals Erfolg gehabt, wenn…“.
Die Männer schwiegen. Bai konnte sehen, wie Dubrak nachdachte.
Dann spürte er erneut den bohrenden Blick des Hobgoblin.
Warnend funkelte Bai den Mann an.
„Ork“, sagte Dubrak und beugte sich ihm entgegen, „nur noch eine Frage…“.
Bai schenkte dem Hobgoblin einen verächtlichen Blick.
„Sagt mir, Ork“, flüsterte Dubrak, „woher ihr wusstet, daß uns die Abschaum angreift…?“.

Der folgende Tag brachte nur ein Zwielicht.
Nun war es offensichtlich, daß sie sich in der Nebelstraße befanden.
Noch immer herrschte dichter Nebel und nur ein diffuses Leuchten am Himmel ließ die ungefähre Position der Sonne hinter den dicken Schwaden erahnen.
Seit es hell geworden war, war die Temperatur beständig gestiegen und die Feuchtigkeit des Nebels verwandelte das Deck der Abschaum in eine Waschküche.
Die Sicht war schlecht und es gab nur wenig Wind. Letzteres schien sein Gutes zu haben, denn Raknar ließ immer wieder das Lot auswerfen und die Mannschaft schwitzte unter den häufigen Kurskorrekturen.
Bai, Rahne, Terzon und die übrigen Anwärter wurden zu einfachen Arbeiten eingeteilt, mit denen sie beständig beschäftigt waren.
Dennoch entging den drei Männern nicht, daß sich die Stimmung auf dem Schiff gewandelt hatte.
Die Unbeschwertheit der vergangenen, sonnigen Tage war verschwunden und einer gedrückten, brütenden Atmosphäre gewichen, zu der auch die feuchte Hitze ihren Teil beitrug.
Es herrschte gespannte Ruhe unter den Piraten. Nur wenige sprachen flüsternd.
Der Nebel verschluckte die Geräusche und die Silhouetten der Männer und gab dem Schiff ein Gefühl der Unwirklichkeit.
Man konnte kaum vom Bug bis zum Heck schauen.
Rahne musste an die Beschreibung des Ufers des Jenseits denken, die er im Buch des Schlafes gelesen hatte.
Majoru, der Bootsmann, hatte mittschiffs Männer mit Flinten und Harpunen an der Reling aufgestellt, die beständig in den wallenden Nebel starrten.

Quartez kam immer wieder aufs Deck und ließ sich Meldung machen. Gemeinsam mit Raknar brütete er über den Karten und den wenigen Daten, die sie hatten.
Terzon hoffte inständig, daß niemand seinen fachmännischen Rat in dieser ungünstigen Lage einholen würde und hielt sich vom Steuerrad fern.
Dennoch behielt er ein Auge auf Quartez und den Schiffsmagier Corvadan, der gelegentlich mit seiner Pfeife an Deck kam. Keinem von beiden war anzusehen, welche Schlüsse sie aus dem gestrigen Gespräch gezogen hatten.
Die bedrückende Stimmung des dicken Nebels lastete noch bis zum Einbruch der Dunkelheit auf der Abschaum.
Mit der Nacht kam Wind auf, der den Nebel in Bewegung brachte. Trotz der nun besseren Sicht – hier und da funkelte auch ein Stern durch ein Loch in der Nebelwand – ließ Raknar die Anker auswerfen, um der erschöpften Mannschaft ein wenig Erholung zu gönnen.
Nach dem Abendessen brachte Tariq den Männern im Bug, die in der nun aufkommenden klammen Kälte froren, eine Flasche Brandwein und ein paar Zinnbecher. Der Alkohol, den die bärtigen, frierenden Männer schnell leerten, verschaffte ihnen ein bisschen Wärme und half ihnen, in den Schlaf zu finden.

Als Terzon aus dem Schlaf schreckte und einen Fuß neben sich sah, dachte er schon, Quartez sei gekommen, um ihn zu erdolchen.
Doch stattdessen hörte er flüsternde Stimmen.
Er schaute auf und sah tatsächlich den Kapitän mit Sabetha und Tariq zwischen den schlafenden Männern stehen. Quartez schaute mit einem Fernrohr in den wallenden Nebel.
„Ihr habt Recht!“, flüsterte er, „jetzt sehe ich es auch! Wo bleibt der verfluchte Magier?“.
In diesem Moment tauchte Corvadan auf. Sein spärliches Haar stand ihm vom Kopf ab und er wirkte verschlafen, während er seinen Mantel um sich schlug.
Man hatte ihn offensichtlich auf Befehl des Kapitäns geweckt. Terzon setzte sich auf und stieß auch Rahne und Bai an. Irgendwas ging hier vor sich…
Tariq bemerkte, daß er aufgewacht war und mahnte ihn mit einer Geste zum Schweigen.
„Irgendwo da drüben brennt etwas!“, raunte Quartez seinem Magier zu und deutete in den Nebel. „Man kann Feuer sehen und Tariq glaubt, Rauch zu riechen. Das scheint kein Trugbild zu sein! Sagt mir, was es ist, Corvadan.“.
Seufzend löste Corvadan die Brosche von seinem Mantel. Terzon konnte erkennen, daß es sich dabei um ein rundes Jadestück in Form eines Auges handelte.
Der Schiffsmagier sprach eine Abfolge arkaner Worte und warf die Brosche in die Luft. Das Jadeauge zog einen Kreis über den Bug und flog dann in den Nebel. Schnell verloren sie es aus dem Blick.
Corvadan hockte sich auf den Bug und schloss die Augen.
Tariq legte ihm den nun offenen Mantel über die hageren Schultern.
„Da hab’ ich sie…“, flüsterte der Magier.
„Was siehst du?“, fragte Quartez und die Männer begriffen, daß der Schiffsmagier der Abschaum einen Erkenntniszauber wirkte.
Nun waren auch andere unter den Anwärtern wach, doch alle beobachteten das Geschehen schweigend.
„Nebel…“, murmelte Corvadan, „bisher nur Nebel…doch wartet! Ein Schiff! Dort liegt ein Schiff! Es brennt… Zweimaster mit bornesischer Takelung. Beide Masten brennen… Es wird gekämpft…“.
„Näher!“, beschwor Quartez den Gwandalier.
„Geduld…“, murmelte Quartez und seine Stirn legte sich unter der Konzentration in Falten.
„Ich sehe Einbäume… sie liegen längsseits. Echsen… Sie kämpfen mit Seeleuten. Menschen.“.
„Eingeborene…“, flüsterte Tariq und der Kapitän nickte. „Kannst du eine Flagge erkennen, Magier?“, fragte Quartez neugierig.
„Xor…“, antwortete Corvadan. „Sie fahren unter dem Symbol des Xor! Es ist auf ihrer Flagge… Es sind Missionare.“.

Die drei Gefährten wechselten einen Blick. Jeder von ihnen kannte den Kult um Xor, den Gott der Zivilisation und des Reichtums. Nur wenige Götter hatten ein so großes Gefolge wie der Goldene König, dessen Anhänger Zivilisation und Wohlstand bis in die entlegendsten Winkel der Welt tragen wollten.
Dass Missionare des Xor auch diese einsamen Gewässer bereisten, erstaunte sie dennoch.
„Wie sieht das Schiff aus, Corvadan?“, fragte Quartez und man hörte die Ungeduld in seiner Stimme.
„Die Masten brennen lichterloh!“, berichtete der Arkanist, „und ebenso der Bug! Der Rumpf hält bisher. Die Echsen scheinen das Schiff nicht zu versenken…“.

„Sabetha, greif’ Dir zwei Boote!“, rief Quartez. „Nimm’ die Anwärter mit! Plündert das Schiff! Schert euch nicht um die Echsen und diese verwirrten Missionare! Sucht nach allem, was magisch ist! Dieser Priester-Kahn könnte uns einen willkommenen Vorrat an Heiltränken und ähnlichem Zeug einbringen!“.
Terzon fragte sich bei diesen Worten, ob der Kobold die Erwartungen an einen Priester doch nicht erfüllen konnte, doch das Gedrängel der aufschreckenden Männer ließ ihn den Gedanken wieder vergessen.
„Auf die Beine, Männer!“, rief Tariq nun und Bewegung kam in die Anwärter. Dubrak war einer der ersten, die sich bereit meldeten.
„Jetzt könnt ihr euch beweisen!“, brüllte der Quartiermeister. „Zehn in jedes Boot! Mittschiffs liegen Waffen! Jeder nimmt sich, womit er umgehen kann!“.
Nun kam Leben in die Männer der Abschaum.
Backbord und Steuerbord wurden Ruderboote zu Wasser gelassen. Terzon, Rahne und Bai hielten sich an Sabetha, die zu einem der Boote eilte.
Mitschiffs stand ein Pirat neben aufgeklappten Waffenkisten, aus denen er die Männer versorgte, die nun auf Beutezug gingen. Rahne ließ sich von dem Piraten einen leichten Streitkolben geben, den er an seinen Lumpen befestigte und eine Flinte mit fünf Schuss, die er sich über den Rücken hängte, bevor er flink die Strickleiter zu Sabethas Boot hinab kletterte.

Rahne war gerade erst auf eine der Ruderbänke geplumpst, als das Boot schon abgestoßen wurde und sich die Ruder ins Wasser tauchten.
„Pullt, ihr Schlappschwänze!“, rief die wilde Frau erfreut, „bevor die Echsenbastarde sich mit den besten Stücken davon machen! Rudert, Männer, rudert!“.
Es ging alles so schnell! Seit Quartez’ Befehl konnten noch keine zwei Minuten vergangen sein!
Das Ruderboot sauste über die Wellen. Ein Stück entfernt konnten sie die Silhouette des zweiten Bootes erkennen, das ihrem gleich durch die Wellen glitt.
Der wallende Nebel hüllte sie ein und als der junge Thalisier über die Schulter blickte, sah er nur noch, wie eine Wand von Nebel die spärlichen Lichter der Abschaum verschlang.
„Kurs halten!“, befahl die Piratin, „wenn wir wie ein Pfeil auf sie zuhalten, können wir sie nicht verfehlen!“.
Die Männer stemmten sich gegen die Riemen und das Boot wurde schneller. Bis auf vier Piraten befanden sich Sabetha, die drei Gefährten und zwei weitere Anwärter an Bord.
Dann war im Nebel vor ihnen ein Schimmern zu erkennen, das sich in ein rötliches Flackern verwandelte, je weiter sie sich näherten.

Plötzlich lichteten sich die Nebel und die Silhouette des brennenden Schiffs gab sich zu erkennen.
Das Schiff war eine Brigg mit nur wenig Tiefgang.
Beide Masten standen in Flammen. Mit einer Handbewegung Sabethas zogen die Männer ihre Ruder ein letztes Mal kraftvoll durch und hoben sie dann aus dem Wasser. Das Plätschern des Wassers verstummte augenblicklich und lautlos glitten sie dem Schiff entgegen.
Die Boote der Piraten hielten auf den Heckaufbau der Brigg zu.
Goldhorn prangte in schwarzen Lettern auf dem Heck, darunter das Symbol des Xor; eine goldene Münze mit einem Schlüssel als Prägung.
Für einen kurzen Moment berührte Terzon den Schlüssel, den er selbst – an einer Lederschnur und unter dem Hemd verborgen – um den Hals trug.
Ein markerschütternder Schrei hallte über das Wasser und dann war das Spritzen von Wasser zu hören. Bai entdeckte zwei Schatten, die über das Mittschiffsdeck huschten. Das Klirren von Waffen drang zu ihnen hinüber.
Rahne spürte, wie sich sein Magen zusammen zog. Dies war die erste Schlacht in die er zog. Er hatte zwar in jüngster Zeit einige Begegnungen mit der Gewalt gehabt, doch da hatte er sich schlicht seines Lebens erwehrt.
Dies hier war anders; jetzt kam er um zu töten. Zu töten und zu plündern.
Er dachte daran, daß er lediglich sein Sklavengewand trug und seine geschätzte Lederrüstung irgendwo im Bauch der Abschaum lag.
Der verfluchte Ork neben ihm hatte derweil die Augen geschlossen und sich entspannt, als hielte er ein Nickerchen, bevor er in die Schlacht zog.

Das zweite Boot glitt an der Steuerbootseite der Goldhorn entlang und außer Sicht der Gefährten. Einer der Piraten stand auf, wirbelte einen Enterhaken und ließ ihn über die Heckreling der Brigg fliegen.
„Du zuerst!“, forderte Sabetha Terzon auf, „und ihr dann hinterher!“.
Bai und Rahne nickten. „Wir machen mittschiffs fest und nehmen die Überlebenden in die Zange.“, ergänzte Sabetha und schon kletterte Terzon an dem klammen Seil auf das Achterdeck der Brigg.
Er vernahm ein Poltern vom Deck über sich, gefolgt von einem gurgelnden Zischen.
Terzon zog sich noch ein Stück weiter das Seil hoch und konnte nun über das Achterdeck schauen.
Direkt vor sich an der Reling stand eine mit Schuppen bedeckte Kreatur.
Der Echsenmensch war nur mit einem Lendenschurz und Schmuck aus Zähnen, Fell und Unrat behängt. Ein Gürtel aus Rippenknochen und Schädeln baumelte von seiner Hüfte. Ein langer Schuppenkamm zog sich in einer Doppelreihe vom flachen Schädel der Kreatur über den kräftigen Nacken und einen breiten Rücken hinab, bis er in einem langen, muskulösen Schwanz endete.
Die Echse hielt einen Mann gepackt, der auf dem Boden zappelte und versuchte, dem Echsenkrieger zu entkommen.
Er war ein alter, dicker Gwandalier, der ein weißes Gewand mit silbernen Säumen und Gürtel trug. Um seinen Hals hing eine Kette aus Münzen. Im Feuerschein der brennenden Masten betrachtete Terzon das unmenschliche Gesicht der Kreatur, die über dem Alten hockte.
Die Haut des Wesens sah in den tanzenden Flammen aus wie die Rüstung eines Dämons. Kalte Reptilienaugen ruhten auf dem strampelnden Mann.
Der Hals des Echsenmenschen blähte sich bei jedem rasselndem Atemzug.
Das Wesen ließ ein sirrendes Keckern hören und öffnete sein Maul.
Eine gespaltene Zunge glitt über gelbe Zähne und den lippenlosen Schlund.
Der Mann am Boden kämpfte und quiekte.
Die Kreatur presste den Mann gegen die Planken des Decks – Terzon bemerkte, wie das Holz knirschte – und hob eine Klaue, in der sie ein primitives Beil aus Holz und Knochen hielt.
Mit einem trockenen Krachen sauste das Beil auf den Schädel des Mannes hinab.
Ein Röcheln war zu hören. Der zweite Hieb wurde von einem weitaus feuchteren Geräusch begleitet. Der Leib des Mannes zuckte in Todeskrämpfen.
Der dritte Hieb mit dem Beil ließ ihn erschlaffen.
Mit ausdruckslosem Blick betrachtete das Wesen sein Werk.
Der Gestank von Blut drang Terzon in die Nase.
Zischend ließ der Echsenmann einen Klauenfinger in die zertrümmerte Schädeldecke seines Opfers gleiten und holte ein Stück gräulichen, weichen Gewebes hervor, von dem eine zähe Flüssigkeit tropfte.
Hungrig leckte die gespaltene Zunge über die Klauen des Reptils und verschlang genüsslich den Bissen.
Terzon musste den Blick abwenden und trocken schlucken.

Mit einem Satz sprang Terzon über die Reling.
Im Sprung zog er seine Pistole aus dem Gürtel. Fauchend wirbelte die Kreatur herum. Die Drehung ließ den Schwanz des Wesens gegen die Streben des Geländers krachen, daß es splitterte. Der Echsenmensch riss gerade sein zahnbewehrtes Maul auf, als der Schuss krachte.
Die Kugel durchbohrte den Rachen und das Genick der Echsenkreatur.
Glucksend stürzte sie hinten über und verendete mit einem Zucken.
Rahne und Bai kamen hinter Terzon aufs Deck geklettert.
Fast zeitgleich nahmen sie durch den Rauch, der von den verbrennenden Masten aufstieg, Bewegungen am Aufgang zum Achterdeck war.
Fünf weitere Echsenkreaturen tauchten dort auf.
Leichtfüßig und gebückt huschten die Wesen in ihre Richtung.
Eine der Kreaturen trug einen gezahnten Speer, während die anderen mit Knüppeln und Beilen bewaffnet waren.
Sie bewegten sich wie Tiere; wie die gefährlichen Jagdechsen, die in den dampfenden Dschungeln Mandrills hausen.
Terzon legte die Pistole wahllos auf einen der nahenden Echsenmenschen an und schoss. Die Kugel traf das Wesen in die Schulter und riss es von den Klauenfüßen.
Eine der Reptilien stieß einen kehligen Laut aus. Die vier übrigen Wilden stimmten in den Ton mit ein und dann stürzte die Meute sich auf die Männer.
Bai schlug dem ersten Echsenkrieger, der sich näherte, die Faust in den Kiefer, daß die Zähne krachten. Rahne duckte sich unter dem Schwinger eines Knochenbeils und beschwor einen öligen Film unter den Füßen der Angreifer.
Terzon steckte die Pistole weg und konnte gerade noch sein Katana ziehen, als ein Beil auf ihn nieder sauste.
Krachend schlug die primitive Waffe gegen das meisterlich geschmiedete Schwert.
Der Echsenmensch warf seinen furchterregenden Speer, dem Rahne und Bai durch einen beherzten Sprung ausweichen konnten. Hart schlugen sie auf die Planken des Decks und sofort hörten sie das Schaben der Klauenfüße, als ihre Gegner sich auf sie stürzten.
Bai sprang auf und trat einem der Echsenmenschen mit dem Fuß gegen die muskulöse Brust, so daß dieser auf der Schmiere ausglitt. Peitschend zuckte ihr Schwanz durch die Luft, als die Kreatur wieder aufzustehen versuchte.
Noch im Knien legte Rahne die Flinte an und schoss auf den Speerwerfer, der in diesem Moment mit einem Knüppel in der Klauenhand auf ihn zu sprang.
Der Schuss traf den Angreifer direkt in die Brust und der Aufprall des Geschoss ließ ihn gegen die Reling krachen. Terzons Seidenhemd segnete das Zeitliche, als er nur knapp dem vernichtenden Hieb eines Beils auswich.

Plötzlich ertönte ein dröhnendes Knirschen, gefolgt von einem Bersten, das daß Schiff erbeben ließ. Krachend neigte sich der Heckmast zur Seite und brach mit einem Hagel aus brennenden Splittern und Funken.
Terzon und Rahne konnten sich gerade noch zur Seite werfen, bevor der brennende Mast direkt zwischen sie krachte und die Reling zerschmetterte.
Das Schiff schwankte bedrohlich.
Durch den Sturz angefacht loderte das Feuer fauchend empor.
Überall um sie herum stoben die Funken.
Bai machte nur einen Schritt zur Seite um dem stürzenden Mast zu entgehen, bevor er erneut auf eines der Echsenwesen einschlug.
Die Hitze des brennenden Mastes raubte ihnen Sicht und Atem.
Rahnes Augen tränten, als er sich hustend aufrappelte und brennende Holzsplitter von sich klopfte. Ein vorsichtiger Blick verriet ihm, daß keine weitere Echsenkreatur in der Nähe war, die sich auf ihn stürzen wollte.
Als er sich umschaute, sah er, daß der gestürzte Mast eine brennende Barrikade quer über das Achterdeck gezogen hatte. Auf seiner Seite lagen nur Leichen.
Terzon und Bai befanden sich auf der anderen Seite, wie er an den Kampfeslauten unschwer erkennen konnte.
Vor ihm lag die Leiche eines Echsenmenschen, dem einer der Ausleger des Mastes das Rückgrat zertrümmert hatte.
Angewidert betrachtete Rahne die pockige Schuppenhaut des toten Wesens, die schlammverkrusteten Klauenfüße und die gespaltene Zunge, die aus dem offenen Maul hing.

Die Klauen eines Echsenmenschen bohrten sich schmerzhaft in Bais Schulter, als ihm einer der Wilden in den Rücken fiel.
Er war erstaunt und beunruhigt von der Wildheit dieser Kreaturen. Sie fielen ihn ohne Rücksicht auf ihre Deckung an und versuchten, ihre Klauen in ihn zu bohren. Es war, als würde Aspora oder irgendeine andere Droge ihren Verstand umnebeln und sie zu reißenden Bestien zu machen.
Es erinnerte ihn an das Kampfverhalten von Hyänenrudeln. Sie versuchten ihn einzukreisen, um ihn in Stücke zu reißen.
Der Ork machte einen gekonnten Sprung über einen der Gegner hinweg, um sich aus der Zange zu befreien.
Bai war schon in Kampfposition, als der Wilde zu ihm herum wirbelte.
Seine Faust traf den überraschten Echsenmann dorthin, wo Bai dessen Nieren vermutete. Mit einem kehligen Klagen stolperte das Wesen vorwärts und seinem Kameraden in den Lauf. Voller Wut schnappten die Echsen zischend nach einander. Bai turnte erneut über die behinderten Gegner hinweg und trat dabei einer der Kreaturen den Fuß ins Genick. Es krachte und das Wesen ging tot zu Boden.

Rahne packte den Streitkolben und eilte auf die Treppe, die zum Mittschiffsdeck der Goldhorn/7 führte. Da er sich nun auf der Steuerbordseite der Brigg befand, hoffte er dort auf die Besatzung des zweiten Piratenbootes zu treffen.
Er hörte Schreien, Kreischen und das Krachen von Schüssen.
Pulverqualm juckte ihm in der Nase.
Als er an die Reling trat, von der aus er auf das unterhalb liegende Deck schauen konnte, blickte er auf einen blutigen Kampf. Auf der Backbordseite kämpfte Sabetha gegen eine ganze Horde Echsenkrieger, während die anderen Piraten – darunter auch Dubrak – an der Steuerbordreling gegen weitere Reptilien kämpften.
Die Echsenwesen kämpften mit barbarischer Wildheit und die Männer von der //Abschaum
waren in sichtlicher Bedrängnis.
Die Wilden kämpften nicht, wie man es von Männern mit Verstand erwarten würde. Sie stürzten sich blindlings auf die Piraten, so als triebe Hunger oder Todeshass sie an. Ihre Art zu kämpfen, war bestialisch und brutal.

Ein narbiger, magerer Echsenmensch, der ein Arsenal von Fetischen um den Hals trug und einen blassrötlich glühenden Kristall in der Hand hielt, feuerte seine Artgenossen mit kehligen Rufen an.
Seine Unterarme waren mit Narben und Verätzungen übersäht.
Von der Besatzung der Goldhorn war – bis auf verstümmelte Leichen – nichts mehr zu sehen.
Mehrere Seeleute und Männer mit weißen Gewändern lagen tot auf dem Deck. Die Missionare schienen dem Angriff der Wilden ohne Ausnahme zum Opfer gefallen zu sein. Ihre Leichen wurden Opfer der Flammen oder der hungrigen Mäuler der Echsenmenschen.
Rahne sah zwei tote Piraten auf dem Deck liegen; einer davon einer der Anwärter.
Ein Echsenmensch hockte über die Leichen gebeugt und fraß voller Genuss aus der Bauchhöhle eines Toten, während er das Kampfgetümmel beäugte.
Seine Zähne und die grünen schuppen seiner Schnauze waren mit Blut verschmiert.
Rahne schauderte.
Ein Wurfbeil sauste dicht an seinem Kopf vorbei und fraß sich in den Stumpf des gebrochenen Mastes. Ein Echsenmensch starrte blutrünstig zu ihm hinauf und löste ein zweites Beil vom Gürtel.
Der Thalisier duckte sich, bevor er zu der Treppe eilte, die hinab ins Chaos führte.

Terzons Katana wirbelte auf einen Echsenkrieger zu, doch dieser duckte sich erschreckend flink unter dem Hieb hinweg und schwang Terzon das Beil über die Brust. Terzon spürte den Schmerz und die Wärme seines eigenen Blutes, als er sein Schwert in eine Abwehrhaltung führte.
Angespornt vom Blut des Gegners machte die Echse einen hohen und ungestümen Angriff auf Terzon. Er drehte sich unter der heranstürmenden Echse hinweg und zog das Schwert nach. Mit einem klatschenden Geräusch fiel die abgetrennte Waffenhand des Reptils mit samt dem Beil auf die Planken.
Ein gellendes, gequältes Kreischen drang aus dem Rachen des verstümmelten Kriegers. Terzon führte das Schwert zum Todesstoß, als die Echse sich auf ihn stürzte. Schmerzhaft grub sich die verbliebene Klaue in seine Rippen und die Zähne der Bestie schrammten über seinen Hals.
Der Atem der Echse stank nach fauligem Fleisch und Sumpf.
Terzon war entsetzt über die Kreatur, die ihn in ihrer Wut völlig überrumpelt hatte.
Für den Kampf mit einem Gegner, der sich an einen klammerte, um einem die Eingeweide herauszureißen, war das Katana zu unhandlich – wie Terzon schmerzlich bewusst wurde.
Das Ungeheuer drohte ihn zu zerfetzen. Er spürte die Zunge der Echse über seine Kehle gleiten. Der Geifer des Wesens lief ihm über die Schulter.
Das Blut aus dem Armstumpf des Wesens raubte ihm die Sicht.
Mit einer verzweifelten Drehung entwand sich Terzon plötzlich dem brutalen Griff des überraschten Wilden. Mit einem Sausen fuhr die Klinge des Katana, das er noch immer gepackt hielt, in den Hals der Echsenkreatur.
Zischend und gurgelnd schnappte das Wesen nach Luft.
Keuchend begann die Bestie zurück zu stolpern während sie mit der verblieben Klaue ihren Hals umklammerte, aus dem dunkles Blut sprudelte.
„Bastard!“, flüsterte Terzon und sah mit Genugtuung dabei zu, wie das verstümmelte Wesen gegen die Reling taumelte, das Gleichgewicht verlor und hinterrücks ins Meer stürzte.

Als Bai dem letzten der Echsenwesen das Leben aus dem Leib geprügelt hatte, schaute er sich um. Die Angreifer waren tot.
Auch die wenigen Missionare, die auf dem Deck in ihrem eigenen Blut lagen, waren mausetot. Er war allein am Heck der Brigg.
Der Ork wischte sich die blutigen Hände am Gewand einer Leiche ab.
Er sah Terzon, der mit gezogener Klinge zur Mitte des Schiffs eilte, wo Schreie und Kampfeslärm erklangen. Niemand sah, wie der Ork daraufhin über den brennenden Mast kletterte und dann in den Flammen verschwand.
Vom Fuß der Treppe feuerte Rahne mit der Flinte auf die Echsenmeute, bevor er sich seinen Streitkolben griff. Ein Speer sauste durch die Luft und bohrte sich in die Wand des Achterdecks. Der dicke Rauch brannte in der Lunge.
Der Thalisier rang nach Atem und versuchte, sich in dem Getümmel zu orientieren.
Erneut duckte er sich vor einem geworfenen Knochenbeil, das sich einem Piraten neben ihm in die Brust bohrte. Grunzend starb der Mann.
Dort wo er stand, drohten die Echsen durch den Ring der Piraten zu brechen und dann den Männern um Dubrak in die Seite zu fallen.
Rahne fackelte nicht lange und zerschmetterte einem der vordringenden Echsenkrieger mit dem Streitkolben die Schulter.
Der Wilde stieß ein wütendes Zischen aus und Rahne sah, daß seine Zähne mit Blut beschmiert waren. Er schlug mit dem Streitkolben nach der nun ungedeckten Seite des Gegners, doch mit einem Beilhieb wehrte die Echse den Angriff ab.
Mit einem gewagten Satz von der Reling des Achterdecks sprang Terzon neben ihn und griff einen weiteren Echsenmenschen an, der eine Halskette aus Menschenzähnen trug.

In diesem Augenblick brach auch der zweite Mast krachend zusammen und zertrümmerte das Achterdeck.
Die Goldhorn schwankte bedrohlich und riss einige der Kämpfenden von den Füßen.
Einer der Anwärter und ein mit ihm im Nahkampf verstrickter Echsenmann wurden von dem brennenden Mast erschlagen. Das Blut der Toten zischte im Feuer.
Das Schiff hatte durch die beiden lichterloh brennenden und längsseits auf dem Schiff liegenden Masten gehörig Schlagseite und mittlerweile schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Brigg sinken würde.
Das Kreischen der Echsenkrieger hallte über das Wasser und die Flammen fauchten.

Rahne, Terzon und die übrigen Piraten auf der Steuerbordseite waren nun von Sabetha und ihren Leuten getrennt und sahen sich einer Überzahl wütender Reptilienkrieger gegenüber.
Die Stimme der Piratin, die ihre Männer anfeuerte, war jedoch noch immer über dem Prasseln des Feuers zu vernehmen.
Die Echsenmänner wurden von dem mageren Schamanen unerbittlich angepeitscht.
Das Reptil reckte den leuchtenden Kristall in die Luft und stieß ein reptilisches Bellen aus, das aus etlichen Echsenkehlen beantwortet wurde.
Einer der Echsenkrieger spießte einen der Piraten mit dem Speer auf, riss ihn in die Höhe, daß das Blut spritzte und warf ihn ins Feuer.
Ein anderer wurde von zwei Echsenmenschen buchstäblich zerrissen.
Wie im Rausch schlugen die Wilden ihre Zähne in den Leib des Mannes und rissen ihm die Därme aus dem Leib.
Es brannte nun überall auf dem mittleren Deck.
Brennende Seile aus der Takelage stürzten auf die Kämpfenden hinab. Das Achterdeck stand in lodernden Flammen.
Rahne sah, wie Dubrak, der Hobgoblin, die Wilden mit geschickten Hieben seines Langschwerts in Zaum hielt. Zwei tote Reptilien zu seinen Füßen zeugten von seiner Zähigkeit. Der Büchsenmacher konnte zweifellos kämpfen.
Terzon tötete einen der Angreifer, indem er ihn mit einem gezielten Stoß durchbohrte. Die Klinge des Katana war mit Reptilienblut überzogen.
Rahne wirkte einen weiteren Schmieren-Zauber auf den Boden unter den Echsenwesen, doch nur mit wenig Erfolg. Die Reptilien-Krieger waren einfach zu sicher auf den Beinen und sprangen leichtfüßig über den öligen Boden.
Enttäuscht wollte sich Rahne einem der Echsenmenschen zuwenden, der Terzon zu Nahe kam, als er einen Schrei hörte.
Er stach aus dem Zischen der Echsen, dem Brüllen der Männer, dem Klirren der Waffen und dem Prasseln des Feuers kaum hervor, doch der Thalisier war verwundert, daß er in seinem Rücken ertönte.
Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihm eine kurze Treppe, die unter das brennende Achterdeck führte und er vernahm ein Poltern und einen weiteren Schrei aus dieser Richtung. Der Schrei einer Frau…
In diesem Moment sprang Bai aus dem Flammenmeer des Achterdecks auf die kämpfende Menge hinab.
Das was noch von seinem Sklavengewand übrig war schwelte und qualmte.
Ruß bedeckte seine gescheckte, blutige Haut.
Der Ork begrub einen der feindlichen Krieger unter sich und Rahne vernahm das Splittern von Knochen, als Bais Faust auf das Reptil niederging.
Das Kreischen des Reptils erstarb, als der Ork ihm den Hals brach.

Flink wandte der Thalisier sich von dem Geschehen ab und sprang in den Gang, der unter Deck führte. Der Gang lag im Zwielicht und wurde nur durch den Feuerschein in Rahnes Rücken und das Licht in einer Kajüte an seinem Ende erleuchtet.
Rahne erkannte die massige Silhouette eines Echsenmenschen, der eine Schürze aus Häuten trug. Der Schwanz des Wilden peitschte über den Boden, als er ein Beil erhob und um sich schlug.
Das Splittern von Holz und das Kreischen einer Frau ertönten und erst jetzt erkannte der Thalisier, daß die Kreatur eine junge Frau bedrängte, die versuchte, sich in der Kajüte zu verbarrikadieren.
Das Beil des Kriegers hatte den Türrahmen zertrümmert und die Frau wich zurück.
Rahne flüsterte eine arkane Formel und vollführte eine Geste und der Echsenmensch hielt plötzlich in seinem Angriff inne.
Wankend – mit erhobenem Beil und einem trüben Blick – stand das Ungeheuer vor der verängstigten Frau, die erschrocken aufkreischte.
Rahne machte einen Satz nach vorn und schlug dem Reptil krachend den Streitkolben auf den Schädel. Mehrere Schuppenplatten zerbrachen.
Taumelnd und zischend stolperte die Echse vorwärts.
Der Echsenkrieger, der aus einer Platzwunde am Schädel blutete, schüttelte seine Benommenheit ab und schlug mit dem Beil nach Rahne.
Rahne wich aus und schlug der Echsenkreatur den Streitkolben ins Gesicht.
Es krachte und Zähne flogen. Blut spritzte. Erneut schrie die Frau.
Zischend taumelte der Wilde vorwärts und schlug mit seiner Klaue zu.
Der Hieb zerfetzte das Sklavenhemd und Rahnes Seite. Verzweifelt packte Rahne seine Waffe und schlug sie dem blutenden Gegner, der an ihm vorbei stolperte, ins Genick. Polternd ging das Reptil zu Boden. Zuckend lag es im Gang.

Terzon kämpfte verbissen gegen die Wilden.
Er hoffte, daß Rahne, Sabetha oder sonst wer in diesem Moment Beute sicherte, damit dieser blutige Kampf sich wenigstens lohnte. Ein Stück entfernt wurde einem Piraten mit einer hölzernen Keule der Schädel zertrümmert.
Ob Quartez für den Verdacht auf ein paar lausige Zaubertränke wissentlich ein solches Blutbad in Kauf nahm? Das Hemd war hinüber. Das hier war Irrsinn…
Bai stand zu seiner Linken und hielt ihm mit brutalen Attacken auf die wütenden Echsenmenschen die Seite frei.
Ein Echsenkrieger mit einem Speer sprang in diesem Moment in die Lücke vor ihm, stieß ein Zischen aus und stieß zu. Nur Terzons Wendigkeit war es zu verdanken, daß dieser Todesstoß ihn nur streifte und ihm die Rippen aufriss, anstatt ihn zu durchbohren.
Terzon schwang das Katana und wollte zum Gegenangriff übergehen, als er plötzlich das Gefühl hatte, als gebe jemand seinem Verstand einen kräftigen Tritt.
Seine Gedanken wirbelten durcheinander und er taumelte.
Für einen Augenblick wusste er weder wie er hieß, noch wo er war…
Verschwommen sah er ein Stück entfernt den Reptilienschamanen stehen, der den leuchtenden Kristall in die Höhe streckte und ihn mit gelben Echsenaugen anstarrte.
Der Echsenmensch mit dem Speer stieß Terzon zu Boden.
Benommen und reglos krachte er auf die Planken. Noch immer drehte sich alles.
Das Fauchen des Echsenmenschen drang durch Terzons Benommenheit und er rollte sich gerade noch zur Seite, bevor der Speer auf ihn niedersauste.
Mit einem Krachen bohrte sich die Waffe mit ihrer steinernen Spitze direkt neben ihm in die Planken. Ein höllischer Schmerz durchzuckte Terzon, als sich die Speerspitze in seine linke Hand bohrte und den Ringfinger vom Gelenk trennte.
Der Finger kullerte über das Deck.
Wütend rappelte er sich auf, nur um sich einem weiteren Hieb mit dem stumpfen Ende des Speers auszuliefern. Der hölzerne Stab knallte ihm gegen den Kopf und für einen Augenblick wich sein Blick der ganzen Vielfalt des angraenischen Firmaments.
Sterne tanzten vor seinen Augen.
Das Katana fiel ihm aus den kraftlosen Händen, als er rückwärts taumelte, um das Gleichgewicht zu halten.

Bai bemerkte, daß sein Kamerad in Bedrängnis war, sah sich jedoch selbst bitteren Angriffen gegenüber. Die Reihen der Piraten auf dieser Seite des gestürzten Masts hatten sich bedenklich gelichtet. Überall um sie herum brannte es.
Nur noch wenige Teile des Schiffes waren noch nicht von Feuer bedeckt und dort wurde erbittert gekämpft.
Neben ihm wurde der bärtige Gwandalier, der seine gegenwärtige Lage angeblich der Untreue seiner Frau zu verdanken hatte, von einem Knochenspeer der Wilden durchbohrt. Ein Schwall von Blut ergoss sich über das Deck, als der Mann keuchend und sterbend zu Boden ging.
Bai spürte ein unangenehmes Ziehen im Kopf und bekam eine unerklärliche Gänsehaut, doch das hinderte ihn nicht daran, sich der Angriffe der geschuppten Feinde zu erwehren.
Aus dem Augenwinkel sah und hörte er den dürren Schamanen mit seinem glühenden Kristall, der ihn mit Blicken zu durchbohren versuchte.
War hier Magie am Werke?
Bai konnte keinen Gedanken auf seine merkwürdigen Empfindungen verschwenden, denn schon wieder entging er nur knapp der Enthauptung durch ein Knochenbeil.

Die Decke über Rahne und der jungen Frau – einer hübschen, jungen Emnierin mit goldblonden Haaren in einem zerrissenen, grünen Reiserock – schwelte schon bedenklich und sie konnten die Hitze des Feuers über ihren Köpfen spüren.
Die entsetzte Frau schluchzte und starrte Rahne und seinen blutigen Streitkolben an.
„Beruhigt euch!“, sagte Rahne beschwichtigend. „Mein Name ist Borus. Vertraut mir. Ich werde euch hier raus bringen!“.
„Aber mein Vater…“, stammelte die Frau, die einen ausgeprägten vandelarischen Akzent hatte. „Ich muss ihn finden!“.
Es deutete nichts darauf hin, daß es unter den Missionaren Überlebende gab. Das einzige, was er gesehen hatte, waren grässlich zugerichtete Leichen. Aber es war jetzt nicht der Zeitpunkt, dies mit der aufgelösten Frau zu diskutieren.
Rahne packte die Emnierin am Arm und zog sie wieder in Richtung des Decks. Protestierend stolperte sie hinterher.

Als Rahne am Aufgang zum Deck ankam, sah er, daß nur noch Bai, einer der Piraten und Dubrak standen. Die Emnierin keuchte, als sie das brennende Deck voller Leichen erblickte. Ihr Jammern verstummte augenblicklich.
Der Thalisier spürte, wie sich die Frau ängstlich an seine Hand klammerte.
Rahne hoffte, daß sie nun selber Rückschlüsse auf das wahrscheinliche Schicksal ihres Vaters ziehen würde.
Der benommene Terzon rappelte sich gerade wieder auf und packte sein Katana. Blut strömte von seiner linken Hand, als er den nächsten Hieb seines Gegners parierte.
Erneut leuchtete der Kristall des Schamanen hell auf und Bai wankte für einen Augenblick, verlor jedoch nicht das Gleichgewicht.
Unbeirrt schlug er auf die Wilden ein.
Rahne erkannte, daß der Schamane druidische Zauber oder geistige Kräfte gegen den Ork einzusetzen schien, die Bai jedoch abschütteln konnte.
Dennoch zeichnete Rahne eine arkane Rune in die Luft und sprach die geheimen Wörter. Wie aus dem Nichts tauchten haarige Spinnen auf der Schuppenhaut des Schamanen auf. Der Wilde schrie erschrocken auf.
Er versuchte die Spinnen mit einer Klaue abzustreifen, während er mit der anderen weiter den glühenden Kristall umklammerte.
Rahne sah, daß er der Einzige war, der sich noch um das kümmern konnte, für das sie ursprünglich gekommen waren.
Er warf einen skeptischen Blick auf die schwelende Decke über seinem Kopf und zog die Emnierin wieder ins Innere des Schiffes.

Bai sah, wie der Pirat an Dubraks Seite von einem Knochendolch aufgeschlitzt wurde. Er stürzte zu Boden und sein Gedärm quoll durch den brutalen Schnitt.
Dubrak musste sich nun zweier Angreifer und dem Schamanen erwehren, der – trotz der Spinnen, die ihn bissen – mit seinem Kristall fuchtelte und schrie.
Bai machte einen Satz an Dubrak vorbei und schlug auf den mageren Schamanen ein, der von wimmelnden Giftspinnen übersäht war.
Terzon enthauptete seinen letzten Gegner mit einem brutalen Hieb.
Polternd kullerte der Schädel ins Feuer.
Das Schiff legte sich mit einem Ächzen noch ein Stück weiter auf die Seite.
Da sah er Dubrak, der – den Rücken ihm zugewandt – rückwärts in seine Richtung gestolpert kam. Der Hobgoblin war im Kampf mit einem Reptil verstrickt, das mit einem Speer auf ihn einstieß. Der Tätowierte war sichtlich angeschlagen. Er hatte eine böse Klauenwunde auf der Brust und unzählige Schnitte und Blessuren.
Als Dubrak noch einen Schritt näher taumelte, ohne seiner Gewahr zu werden, legte sich ein verschlagenes Lächeln auf Terzons Lippen.
Bai wandte ihnen den Rücken zu und von Rahne war nichts zu sehen.
In einem weiten Bogen schwang er das Katana.
Mit einem satten Knirschen grub es sich in das Rückgrat des Hobgoblin.
Dubrak ging auf die Knie. Er keuchte und seine Augen traten hervor.
Ein Zittern ging durch seinen Leib.
Mit einem kühlen Lächeln betrachtete Terzon sein fassungsloses Opfer.
Der Hobgoblin schnappte nach Luft.
Mit einem Ruck zog Terzon das Katana aus dem Rücken des Tätowierten.
Dunkles Blut quoll Dubrak über die Lippen und seine Pupillen erstarrten.
Dann stürzte der Hobgoblin tot zu Boden.
Vor ihm stand die Reptilienkreatur, mit der Dubrak gekämpft hatte und zischte ihn an. Wenn das Wesen so etwas wie Erstaunen verspürte, sah man es ihr nicht an.
Das Hervortreten der Reptilienaugen, das zu bemerken war, als Terzon der Kreatur das Katana bis zum Heft in den Leib rammte, hätte man jedoch durchaus als Ausdruck des Erstaunens werten können.

„Beim Xor, was macht ihr?“, kreischte die panische Emnierin. Die Flammen züngelten schon an der Decke entlang, als Rahne sie in die Kajüte am Ende des Gangs zerrte. „Bringt mich hier raus!“, flehte die Frau.
Die Decke über ihnen knarrte beunruhigend. Lange würde das brennende Achterdeck der Last des gestürzten Masts nicht mehr standhalten können.
Rahne ignorierte ihr Flehen und sprach eine Zauberformel.
Die Kajüte – bis vor kurzem wohl noch sehr anspruchsvoll eingerichtet – war ein heilloses Chaos. Zerhackte Möbel lagen neben hinab gerissenen Regalen und allerlei Büchern, Kleidern und anderen Dingen.
Zielsicher glitten Rahnes Augen über das Durcheinander.
Eine glühende Aura, die dem Blick der hübschen, jungen Emnierin verborgen blieb, führte den jungen Thalisier geradewegs zu seinem Ziel. Unter einem zusammen gebrochenen Lehnstuhl zerrte er eine mit Eisen beschlagene Truhe hervor.
Das Zeichen des Xor war in das Holz des Deckels gebrannt.
Entschlossen stemmte Rahne die schwere Truhe in die Höhe und wendete sich wieder der Kajütentür zu.
„Die Reisetruhe meines Vaters!“, rief die Frau.
„Mir scheint wir haben alles“, sagte Rahne hustend. „Bitte nach euch!“.

Als Rahne und die verängstigte Frau auf das brennende Deck traten, ertönte über dem Prasseln des Feuers der helle Ton einer Bootsmannspfeife.
„Rückzug!“, erklang Sabethas Stimme von der anderen Seite des brennenden Mastes. „Alle Mann von Bord!“.
Terzon zog gerade seine Klinge aus der Reptilienleiche zu seinen Füßen.
Unter Bais Faust ging der Schamane zu Boden. Der Kristall purzelte aus seinem Arm und erlosch.
Mit einer Handbewegung ließ Rahne die beschworenen Spinnen verschwinden.
Fast die ganze Goldhorn brannte nun lichterloh. Nur eine schmale Schneise an der Reling stand noch nicht in Flammen.
„Vater!“, schrie die Frau verzweifelt und ließ ihren Blick in sinkender Hoffnung über die Flammenhölle des Decks gleiten.
Terzon lächelte amüsiert und wischte das Katana an den Kleidern des toten Hobgoblin ab. Das Feuer prasselte und krachte.
Der Ork bückte sich hinab und nahm den Kristall des toten Schamanen nach kurzem Zögern in die Hand. Der Stein war warm, doch sein Licht war verloschen.
Bai runzelte kurz die Stirn und verstaute den Kristall dann in seinen Kleidern.
Er erhob sich, warf einen kurzen Blick auf Dubraks Leiche und dann einen Blick über die Reling. „Klarakni sei Dank! Hier liegt das Boot!“, rief er.
Auch Rahne sah überrascht die Leiche des tapferen Hobgoblin, als er mit der Emnierin an der Hand hinzu kam. Der runde, dunkle Blutfleck auf dem Rücken des Toten blieb ihm nicht verborgen.
In diesem Moment stürzte das Achterdeck zusammen und ließ die Brigg erzittern.
Eine Wolke von Funken und Rauch fegte über das Deck und ließ die Feuer aufbrüllen. Die Gefährten und die junge Frau husteten.
„Verzeiht, meine Dame“, keuchte Rahne und versuchte, die verzweifelte Frau zur Reling zu drängen. „Wir müssen hier weg!“.

Bai packte die protestierende Emnierin und ließ sie in das Boot hinab, bevor er selbst leichtfüßig hinterher sprang. Rahne und Terzon hievten die Truhe über die Reling und der Ork verstaute sie zwischen den Ruderbänken.
„Weg hier!“, rief Terzon, nachdem Rahne und er ins Boot gesprungen waren.
Die Goldhorn begann bereits zu sinken. Das Wasser um sie herum gluckerte, als das Heck des brennenden Schiffs begann, in den Fluten zu versinken.
Sie stießen sich ab und ruderten eilig los, um dem Sog des sinkenden Schiffes zu entgehen.
Als sie am Heck der Brigg vorüber kamen, sahen sie in den Nebelschleiern die Silhouette des zweiten Bootes, das ihnen voraus war.
Bai konnte acht Leute an Bord des Ruderbootes zählen.
Die Emnierin erhob sich noch einmal. „Vater!“, rief sie in Richtung des brennenden Schiffs. Ihr Ruf hallte über das Wasser.
„Oh, bei den Göttern! Mein armer Vater! Was soll nur aus ihm werden?“, klagte sie.
„Er ist tot“, sagte Terzon schroff und ohne sein Rudern zu unterbrechen.
„Seid froh, daß ihr überlebt habt.“.
Rahne schluckte. Die Frau schluchzte noch immer.
„Wie konnte so etwas geschehen?“, fragte die Emniern weinend, aber ohne Terzon zu widersprechen.
„Mein guter, Vater, er wollte doch nur das Wort des Xor verkünden! Das war ihm so wichtig…“.
Rahne bezweifelte, daß die Echsenmenschen-Völker der Nebelstraße dankbare Empfänger für die Botschaft von Wohlstand und Zivilisation waren, die Xors Priesterschaft zu verkünden pflegten.
Quartez hatte Recht gehabt, als er annahm, daß es sich bei der Goldhorn um das Schiff von Missionaren handelte.
„Wie heißt ihr und woher kommt ihr?“, fragte Rahne die Frau, zum einen weil er eine gewisse Neugier verspürte, aber auch, um sie zu beruhigen.
„Wir waren auf dem Weg von Vaters Tempel in Kimblatay heim nach Ganiordaes.“, schluchzte die junge Frau. „Mein Name ist Kistara Vanjek. Ich bin die Tochter des ergebenen Xoriten Gustivo Vanjek. Er war Oberster Missionar und Priester des Silberrangs im Hort der Münze in Kimblatay. Wir waren glücklich, nach all’ den Jahren endlich nach Gvanifay zurückzukehren…“.
Ein weiterer Heulkrampf schüttelte sie.
„Aber Vater gab den Befehl, nicht der üblichen Route zu folgen, sondern hier entlang zu segeln! Er war dem Goldenen König so dankbar für seine Berufung in die Heimat, daß er beschloss, die Rückfahrt der Predigt zu widmen.“.
Rahne hörte erneut deutlich den vandelarischen Dialekt in den Worten der Frau. Möglicherweise war sie die Nachkommin von Leuten, die ihre Heimat Vandelari aus religiösen Gründen verlassen mussten. Die Länder und Freien Städte am Goldenen Strom und in Gwandalien waren voll mit solchen Vandelari. In ihrer Heimat verachtete man sie als Ketzer und Abtrünnige. Rahne seufzte.
„Noch am Nachmittag hat Vater ihre Wunden versorgt und ihnen erklärt, wie sie einen Brunnen bauen können“, fuhr die Emnierin schluchzend fort. „Er war zufrieden, als wir an Bord zurückkehrten und glaubte, den Wilden die Augen für die Zivilisation geöffnet zu haben. Doch in der Nacht kamen sie uns nach…“.
Die drei Männer konnten sich das Grauen ausmalen, das die wilden, bemalten Reptilienkrieger mit ihrem nächtlichen Überfall bei den Xoriten auslösten.

Terzon warf Rahne einen tadelnden Blick zu und nickte unauffällig in Richtung der Emnierin. Der Thalisier wusste den Blick seines Gefährten zu deuten.
Was würde Quartez zu diesem Fang sagen?
Rahne zuckte mit den Schultern, doch dann erhellte sich seine Miene.
„Der Inhalt der Truhe ist magisch!“, verkündete er mit einem Grinsen und der unausgesprochenen Hoffnung, daß der Inhalt dem Kapitän so sehr gefiel, daß dieser ihm das Retten dieses Mädchens verzeihen würde.
Terzon legte sein Ruder ab und sprang zu der Truhe hinüber.
Er holte seine Werkzeuge hervor und begann, das Schloss zu untersuchen.
Er spürte die gut verborgene Falle und entschärfte sie, ohne daß sie Gefahr anrichten konnte.
Das Öffnen der Truhe enthüllte Beutel mit Gold, Bücher – darunter ein Logbuch – und ein gepolstertes Kästchen mit einem Dutzend Phiolen voller magischer Tränke.
Das Goldene Buch der Münze, die heilige Schrift des Xor-Kults, und andere religiöse Gegenstände wie ein vergoldeter Messkelch befanden sich ebenfalls unter dem Inhalt. Auch einen goldenen Ring – mit einer Bannzauber-Rune versehen – in einem hölzernen Etui förderte Terzon zu Tage.

Abschaum voraus!“, zischte Bai, der im Heck saß und noch immer allein ruderte.
Die Gefährten hoben die Köpfe und sahen den schwarzen Umriss des Dreimasters aus dem Nebel auftauchen. Nirgendwo war Licht zu erkennen.
Man hätte es für ein Geisterschiff halten können.
Die Männer griffen nun wieder zu dritt in die Ruder.
Kistara rutschte bei dem Anblick nervös auf der Ruderbank herum.
„Das ist unser Schiff!“, erklärte Terzon flüsternd. Bai rümpfte die Nase.
Weidete sich sein Gefährte am Unwohlsein der Frau?
Die Emnierin schluckte. „Seid ihr… Reisende?“, fragte sie, „Händler, oder so?“.
„Nein.“, flüsterte Terzon zurück. „Wir sind Piraten!“.
„Beim Xor!“, keuchte die junge Emnierin. Ein leichtes Zittern verriet ihren Schreck.
Ihr Blick verriet, daß sie nun begann, ihre Retter in einem anderen Licht zu sehen.
„Fürchtet euch nicht!“, sagte Rahne vorschnell. „Euch wird nichts geschehen…“.
Terzon warf ihm einen skeptischen Blick zu.

Als sie um das Heck der Abschaum herum zur Backbordseite ruderten, konnten sie Bewegung an der Reling erkennen.
Gerade wurde das zweite Boot aus dem Wasser gehievt.
Die Piraten entdeckten sie und ließen eine Strickleiter hinab und warfen ihnen Leinen zu, um das Boot festzumachen und die Truhe hinauf zu ziehen.
Terzon stieg als erster hinauf.
Rahne forderte Kistara auf, ihm zu folgen und die junge Emnierin folgte seiner Anweisung stumm.
Nachdem sie von der Natur der Männer erfahren hatte, schien ihre Gesprächigkeit verflogen. Rahne konnte sie sogar verstehen…

Als Terzon aufs Deck stieg, sah er sich einem ganzen Pulk von Piraten gegenüber, in dessen Mitte Quartez ihn mit verschränkten Armen erwartete.
Der Kapitän musterte die Rückkehrer prüfend und eine gewisse Spannung lag in der Luft. Würde Quartez nun entscheiden, ob sie sich bewehrt hatten?
Terzon hoffte inständig, daß Rahnes blonde Beute ihnen keinen Strich durch die Rechnung machte…
Nirgendwo war ein Lampe entzündet und lediglich das diffuse Leuchten der Nebelschwaden ließ etwas erkennen.
„Willkommen zurück!“, sagte Tariq und half ihnen an Bord.
Neben Quartez standen auch Sabetha und ein paar andere Männer, die mit ihnen zur Goldhorn hinüber gefahren waren. Sie waren rußig und bluteten aus verschieden Wunden. Auch Sabethas Hemd war blutbefleckt, aber ansonsten wirkte die schöne Piratin unversehrt.
Von den Anwärtern war keiner mehr unter ihnen.
Bis auf Lorush, die Gefährten und die vier Leute, die zurückgeblieben waren, hatten alle ehemaligen Rudersklaven im Kampf auf dem Schiff der Missionare ihr Leben gelassen.
Als Quartez’ Blick über Kistara glitt, verfinsterten sich seine Züge. Der Kapitän war in dem Zwielicht fast nur als schwarzer Schemen zu erkennen. Er räusperte sich.
„Wer ist diese Frau?“, fragte er. „Was soll sie hier?“.
Die Fragen des Kapitäns erschallten wie Peitschenhiebe. Rahne sah, wie die Emnierin zusammen zuckte.
„Eine Überlebende“, sagte Terzon betreten. „Rahne hat sie aufgegriffen.“.
Rahne warf Terzon einen verdrossenen Blick zu.
„Sie ist die Tochter eines Missionars, Kapitän!“, setzte der Thalisier an, doch Quartez’ zorniger Blick ließ ihn verstummen.
„Hab’ ich euch nicht befohlen, die Missionare sich selbst zu überlassen?“, polterte Quartez und Rahne bemerkte, wie die Piraten um ihn herum sich nervös regten und betreten die Blicke senkten.
„Wir brauchen keine Geiseln, werft sie über Bord!“.
Kistara erbleichte und Rahne starrte den Kapitän entgeistert an.
Er hatte mit einer Gardinenpredigt gerechnet, aber nicht damit.

Sabetha trat einen Schritt vor und ergriff Quartez beim Arm. Die Männer hörten das Zischen ihrer Stimme, aber konnten nicht verstehen, was sie sagte.
„Nun gut…“, sagte Quartez schließlich mit Missmut in der Stimme.
„Sabetha wird sich das Mädchen anschauen“, verkündete er, „und wenn wir sie gebrauchen können, nehmen wir sie mit. Andernfalls geht sie über Bord!“.
Sabetha trat einen Schritt auf die Emnierin zu, der nun wieder Tränen über die Wangen liefen. Sanft fasste sie sie am Arm und nahm sie mit sich.
Die Menge teilte sich, als die Gwandalierin das Mädchen davon führte.

„Missachtet nie wieder meinen Befehl!“, zischte Quartez den Thalisier mit erhobenem Finger an. Eine Vorahnung auf mögliche Konsequenzen schwang in seiner grollenden Stimme mit, blieb jedoch unausgesprochen.
„Ja, Kapitän.“, sagte Rahne mit gesenktem Blick.
„Was habt ihr mitgebracht?“ fragte Tariq und deutete auf die Truhe.
Rahne empfand eine gewisse Dankbarkeit, daß der Quartiermeister den missgefälligen Blick des Kapitäns von ihm ablenkte.
Terzon trat grinsend hervor. „Wir haben Beute gemacht!“, sagte er strahlend.
Bai klappte die Truhe auf und jemand entzündete eine Lampe.
Quartez beugte sich über die Truhe und prüfte die Tränke und die Säcke voller Gold.
„Klarakni ist uns hold!“, sagte der Kapitän zufrieden. Er deutete auf wächserne Siegel, die die Phiolen verschlossen und das Symbol des Xor trugen.
„Dies sind wahrhaft Heiltränke, Männer!“, sagte er, „und in den Beuteln finden sich mindestens fünfhundert Münzen bornesischer Prägung.“.
Einige der Piraten pfiffen und andere lachten.
Der Piratenkapitän erhob sich und wandte sich den drei Gefährten zu.
„Männer“, sagte er, „ich bin zufrieden!“.
„Der Käpt’n ist zufrieden!“, rief Tariq der Menge zu.
Rahne war über diesen Aufruf verdutzt, da doch alle Piraten Quartez verstehen konnten, doch als er die Reaktion der Männer sah, die ihre Hüte und Mützen abnahmen, begriff er, daß der Quartiermeister traditionelle Worte sprach.
„Doch was sagt ihr, Kameraden?“, rief er, daß es über das Deck tönte und sicher auch Lorush im Bug es hörte. „Haben die Neuanwärter sich bewehrt? Haben sie sich ihren Platz in unserer illustren Gesellschaft verdient?“.
Die Piraten streckten johlend die Daumen in die Luft. Nur wenige enthielten sich und keiner stimmte gegen die drei Männer. Quartez lächelte zufrieden.
„Dann seid ihr nun in unserem Kreis aufgenommen!“, sagte der Halbork feierlich zu Terzon, Rahne und Bai und streckte ihnen die Hand entgegen.
„Die Abschaum heisst euch willkommen!“.

„Ein Becher Rum für jeden zur Feier der Beute und unserer neuen Brüder!“, befahl Quartez seinem Quartiermeister und die Piraten jubelten.
„Und zeigt ihnen ihre Hängematten unterm Bug, Männer!“, fügte er hinzu.
„Ab jetzt sollen sie’s warm und trocken haben! Kapitän Terzon erhält eine eigene Abseite, verstanden?“.
Tariq nickte und ließ den Rum heranschaffen. Unter lautem Gejohle wurde ein kleines Rumfass mit einem bakairischen Brandsiegel angestochen und sein Inhalt ausgeschenkt.
Der starke Alkohol fuhr den Männern nach den Strapazen des Kampfes wie flüssiges Feuer in die Eingeweide und entfaltete dann seine entspannende Wirkung. Terzon ließ sich zufrieden auf der Reling nieder und zwinkerte seinen Kameraden zu. Hände wurden geschüttelt und die Gefährten bemerkten sofort, wie die Missachtung der Mannschaft schwand.
Die Piraten umringten sie, klopften ihnen auf die Schultern und prosteten ihnen zu. Das Eis schien gebrochen. Der Kapitän ließ derweil die Truhe in seine Kajüte bringen und betrachtete nachdenklich die neuesten Mitglieder seiner Besatzung.

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