Skarfell

Die folgende, kurze Abhandlung stammt aus der Feder des reisenden Kartographen und Historikers Skimbald Morgenwort und wurde im Jahre 998 n.K. im Auftrag der geographischen Gesellschaft von Severna angefertigt.

Skarfell ist eine freie Hafenstadt an den östlichsten Ufern der Gwandalischen Halbinsel.
Stadt? Nun ja, wenn man diese Ansammlung windschiefer, wettergegerbter Bauwerke so nennen mag…
Skarfell wurde vor gut zweihundert Jahren, im Jahre 781 n.K., von Händlern aus Viviandis gegründet.
Damals herrschte Olmund Dror, der in den Geschichtsbüchern später als ‚der Unersättliche’ betitelt wurde, über die reiche Metropole und seine Gier, die Steuern, Zölle und jegliche andere Abgaben in astronomische Höhen trieb, drohte die Bürger der weißen Stadt in den Ruin zu treiben.
Eine Gruppe von Kapitänen und Händlern, die angesichts der horrenden Seezölle selbst um ihren letzten Profit zu fürchten hatten, entschlossen sich schließlich dazu, einen versteckten Hafen am Rande des Schwarzegelsumpfes, gut 130 km südlich der Metropole, zu gründen.
Für viele Seefahrer und Handelsunternehmen war der Hafen von Skarfell vor dem Sturz des gierigen Monarchen während des blutigen Volksaufstandes von 785 n.K. ein Geschenk der Götter.
Doch nachdem das prächtige Viviandis zu seinem alten Glanz zurückfand verfiel Skarfell, in dem in den Jahren Dror’schen Herrschaft Handelsschiffe aus aller Herren Länder vor Anker ging, mehr und mehr der Bedeutungslosigkeit.
Obwohl die neuen Herrscher von Viviandis dem Handelshaus der Karsentos, das die treibende Kraft hinter der Gründung des Hafens war, das Stadtrecht gewährte, vermochte dieses nicht, Skarfells Niedergang aufzuhalten.
Doch wer glaubt, Skarfell sei daraufhin zu einer Geisterstadt verkommen, der irrt…
Denn auf den Wogen des östlichen Meeres gab es genug Seefahrer, die die Verschwiegenheit des heruntergekommenen Hafens und die Tatsache, dass in Viviandis kaum jemand einen Blick auf die armselige Nachbarstadt warf, zu schätzen wusste.
Über die Jahrzehnte wurde Skarfell zu einem Hafen, der Freibeuter, Piraten und zwielichtige Händler anlockte, die es nicht wagen konnten, in Viviandis an Land zu gehen.
Und die Karsentos fragten niemanden, der in ihrem Hafen ankerte nach Herkunft oder Ladung oder danach, wovon der günstige Zoll, den die Stadt erhob, bezahlt wurde…

Heute, im Jahre 998 n.K. sind die Karsentos noch immer die Herrscher über Skarfell und das Haus hat es zu Wohlstand gebracht.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein halbes Dutzend Schiffe dort anlegen und die Gasthöfe und Tavernen des Hafenviertels sind voll von Seefahrern, die ihre Heuer versaufen und sich mit Freudenmädchen vergnügen.
Die Bewohner Skarfells wirken so zusammengewürfelt wie die Besatzungen der Schiffe, die im Hafen ankern.
Obwohl die Einwohner der Stadt überwiegend Gwandalier sind, trifft man Angehörige fast aller Völker und Rassen in den Gassen der Hafenstadt.
Zwielichtige Merkanier aus dem Süden und geheimnisvolle Bornesen sitzen in den Tavernen dicht gedrängt neben Gnomen und Hobgoblins.
Bergzwerge, die aus den Minen von Hegward’s Schacht in die Stadt kommen teilen sich die Tresen mit wortkargen Dhraal, Skrigg oder noch exotischeren Völkern.
„Alles was die Götter ausspucken, ist in Skarfell zu bewundern“ lautet eine übliche Redensart in der Stadt und hat man dort ein paar Tage verbracht, bleibt einem nichts anderes übrig, als zuzustimmen.
Jene, die nicht zur See fahren, sei es auf Handelsschiffen, Walfängern oder den berüchtigten Kaperschiffen der Freibeuter, verdienen ihren Lebensunterhalt mit Fischen, Torfstecherei im Schwarzegelsumpf oder gehen anderen Handwerken nach.
Skarfell ist eine arme Stadt und das Viertel nördlich des Hafens besteht aus windschiefen, zusammen gezimmerten Häusern, die den rauen Winterstürmen nur notdürftig zu trotzen vermögen. Oftmals hausen ein Dutzend oder mehr Familien in den mehrstöckigen Gebäuden und nur solche, die durch die Seefahrerei und erfolgreiche Kaperfahrten zu Geld gekommen sind, können sich überhaupt ein eigenes Dach über dem Kopf leisten.
Zwielichtige Gestalten nennen den Hafen ihre Bleibe und nicht selten suchen Verbrecher aus Viviandis oder San Sarbesi Unterschlupf in der Stadt, denn in Skarfell gilt nur das Wort der Karsentos und diese stellen keine Fragen, solange sich die Zugereisten ruhig verhalten und ihre Steuern zahlen.
Der Süden der Stadt ist sichtbar wohlhabender.
Lagerhäuser reicher Händler stehen hier dicht an dicht mit den protzigen Häusern alter Seeräuber, die ihr gefährliches Gewerbe lang genug überlebt und obendrein genug auf die Seite geschafft haben, um sich einen angenehmen Lebensabend bereiten zu können.
Skarfell mag auf den ersten Blick wie eine gesetzlose Stadt wirken, doch das täuscht.
Die Stadtwache im Dienste der Karsentos schert sich zwar nicht darum, wer in den Tavernen der Stadt ein- und ausgeht oder was die Schiffe geladen haben, die den Hafen anlaufen, doch sie sorgen für Ruhe und Ordnung.
Die Karsentos dulden weder Mord noch Diebstahl und Freiherr Merlik Karsento ist für seine harte Hand gefürchtet. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Seefahrer, der im Suff jemanden abgestochen hat oder solche, die es mit dem Besitz anderer Leute nicht allzu genau nehmen, von den Klippen geworfen werden, wo sich die Seevögel an ihren Kadavern laben.
Zwar gibt es in Skarfell immer wieder blutige Auseinandersetzungen zwischen Straßenbanden oder den Besatzungen rivalisierender Schiffe, doch gewöhnlich werden diese im Schutze der Nacht ausgetragen ohne das die Karsentos sich darum scheren.
Gesetzeshüter aus anderen Städten, wie die gefürchteten Piratenjäger von Viviandis sind in Skarfell jedoch alles andere als gern gesehen und Freiherr Merlik ist bekannt dafür, mit jedem kurzen Prozess zu machen, der seine Autorität anzweifelt.
Zwar gibt es in Viviandis und San Sarbesi immer wieder Stimmen, die fordern der Freibeuterei von Skarfell ein Ende zu bereiten, doch gewöhnlich verhallen derartige Forderungen ungehört.
Man erzählt sich, dass einflussreiche Organisationen, die davon profitieren, dass in Skarfell verbotene Güter aller Art (wie Schwarzer Lotus und andere Rauschgifte) gehandelt werden können, dafür sorgen, dass besagte Stimmen verstummen und sich die Herrschenden wichtigerer Probleme annehmen.
Obwohl nur wenige Bewohner Skarfells als fromm zu bezeichnen sind, leben dort genug gottesfürchtige Leute.
Freiherr Merlik gebietet Freiheit für jeden, egal welche Gottheit er verehrt, solange die Gesetze der Stadt gewahrt werden.
Trotz dieser Offenheit existiert nur ein einziger Tempel in Skarfell und dieser ist Navir, Göttin der See und Schutzpatron aller Seefahrenden geweiht.
Priester der Navir genießen in Skarfell, ebenso wie in anderen Hafenstädten, Respekt und hohes Ansehen.
Und der Navir-Tempel ist der einzige Ort der Stadt, der Hilfesuchenden offen steht.
Die Priester sind bekannt dafür, Witwen ertrunkener Seeleute zu helfen oder solchen unter die Arme zu greifen, die durch Krankheit oder Gebrechen nicht mehr zur See fahren können.
Neben dem Navir-Tempel existieren Schreine zur Verehrung Kroms und Klaraknis, doch diese werden, wenn überhaupt, nur spärlich besucht.
Es ist Brauch in Skarfell, seine Götter im Stillen zu verehren…
Allerdings gibt es auch immer wieder Gerüchte, das in Skarfell Zusammenkünfte finsterer Kulte stattfinden, die Vikonas, Nortuma oder eine andere finstere Gottheit verehren.
Die Tatsache, dass immer wieder Leute auf seltsame Art verschwinden, nährt diese Gerüchte.
Vor ein paar Monaten hat Freiherr Merlik Ermittler aus Viviandis angeheuert, um diesen Geschehnissen auf den Grund zu gehen, doch diese konnten, trotz wochenlanger Nachforschungen, nichts herausfinden.
Ob diese Kulte tatsächlich existieren oder die Verschwundenen den üblichen Rivalitäten und Streitigkeiten zum Opfer fielen, vermag niemand zu sagen.
Vielleicht haben sie sich auch aus dem Staub gemacht um anderswo in den Ländern Angraenors ihr Glück zu suchen, denn das steht fest: Es gibt weitaus angenehmere Orte unter der Sonne als Skarfell…

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